Von langen Sätzen und kurzen Gedanken

„Pro Satz nur einen Gedanken“, so die gestrenge Lektorin. Eigentlich einleuchtend, denn welcher Leser vermag schon superlangen Bandwurmsätzen inhaltlich noch Folge zu leisten, aber was ist eigentlich mit dem Klimawandel? Hört man doch zuletzt, dass am Nordpol die Temperaturen bis auf null Grad gestiegen sind. Das ist immerhin 30 Grad Celsius mehr als normal, was wiederum viel beunruhigender ist als unübersichtliche Satzkonstruktionen. Ein Satz, ein Gedanke, man müsse sich als Autor beschränken usw. Als Leser kann man das nur begrüßen. Andererseits wäre man angesichts des massenweise in die Welt herausgeblasenen Geschreibsels froh, wenn ein Satz, wie lang er auch sein möge, überhaupt einen Gedanken enthielte, und was hat damals wohl das Lektorat gedacht, als es zum ersten Mal auf das Werk Thomas Bernhards stieß?

#einheitsmomente: Wie Politiker für die Deutsche Bank werben

Ein wenig stutzte ich als ich diesen Sonntag die PDF-Ausgabe des Tagesspiegel durchblätterte. Auf der ersten Seite des Wirtschaftsteils befand sich eine kleine, als solche gekennzeichnete, Anzeige, in der die Deutsche Bank unter dem Hashtag #einheitsmomente zum 25. Jubiläum zur Abwechslung einmal etwas gute Stimmung verbreiten will. Das ist an sich nichts ehrenrühriges.

Was mich allerdings befremdet, ist die Tatsache, dass eine aktive Bundesministerin so offensichtlich für die Deutsche Bank wirbt: Ein gefühliges Zitat herausgegriffen aus einer knapp fünfminütigen Interviewveröffentlichung, ein Foto von Manuela Schwesig (SPD) und dann die nebeneinander stehenden Schriftzüge „Bundesministerin für Familie, Senioren, Frauen und Jugend“ – „Präsentiert von Deutsche Bank“.

Naturgemäß gehe ich davon aus, dass die Deutsche Bank keine finanziellen oder sonstigen Gegenleistungen getätigt hat. Unglaublich ist für mich allein die Tatsache, dass hier mit dem Amt der Bundesministerin nichts anderes als schnöde Imagewerbung für ein Kreditinstitut gemacht wird, das in den vergangenen Jahren keinen Skandal ausgelassen und maßgeblich zu zahlreichen Krisen, in denen wir uns heute befinden, beigetragen hat.

Nach langer Zeit des Haderns erweist sich Twitter nun einmal wieder als ein Instrument des direkten Drahtes zu den Spitzen der Politik. Nach nunmehr fast 100 Retweets und Likes, die sich somit meiner durchaus nicht unberechtigten Frage, ob man als Ministerin für die Deutsche Bank werben dürfe, erreichte mich die folgende Antwort:

Die Antwort von Manuela Schwesig lässt für mich jedenfalls folgende Schlüsse zu:

  1. Sie ist naiv und hat selbst gar nicht bemerkt, dass sie Teil einer Imagekampagne für die Deutsche Bank geworden ist. (Dann ist sie für ihr Amt nicht geeignet.)
  2. Sie ist nicht gut beraten worden. Ihr Stab hat die Falle nicht bemerkt. Ein vermeintlich harmloses Interview wurde ausgeschlachtet. (Dann vertraut sie den falschen Mitarbeitern.)
  3. Sie findet gar nichts Schlimmes dabei. (Dann sei auf die Möllemannsche Briefbogenaffäre verwiesen, bei der der einstige Bundeswirtschaftsminister für den Einkaufswagenchip eines Verwandten auf offiziellem Briefpapier des Ministeriums warb und daraufhin seinen Hut nehmen musste.)

In der Pressemitteilung der verantwortlichen Agentur mc-quadrat heißt es jedenfalls nicht ohne Stolz:

„Uns war es besonders wichtig, dass der Zuschauer beim Anschauen der Filme das Gefühl bekommt, die Geschichten persönlich erzählt zu bekommen. Der dokumentarische Wert stand für uns dabei im Vordergrund“, sagt Philipp Stelzner, Regisseur und Geschäftsführender Gesellschafter von mc-quadrat. Fokussiert auf die Geschichte wurde so eine Atmosphäre geschaffen, die den Zuschauer gespannt den Personen zuhören lässt und Gänsehaut erzeugt.

Gänsehaut erzeugt bei mir indes weniger die Tatsache, dass sich Manuela Schwesig zu Zeitpunkt der Wiedervereinigung, wie heute viele andere Sechzehnjährige auch, mit der Berufswahl schwergetan hat, sondern vielmehr, dass bei dieser Kampagne auch andere noch aktive Spitzenpolitiker wie Stanislaw Tillich (CDU, Ministerpräsident des Freistaates Sachsen), Aydan Özoğuz (SPD, Beauftragte der Bundesregierung für Migration, Flüchtlinge und Integration) und Petra Pau (Die Linke, Vize-Präsidentin des Deutschen Bundestages) keine Bedenken damit haben, Kraft Einsatz ihres Amtes die Deutsche Bank zu unterstützen.

Wolfgang Thierse (SPD, ehemaliger Präsident des Deutschen Bundestages), Ulrich Wickert (Journalist) und Klaus-Dieter Lehmann (Präsident des Goethe-Instituts) und einige andere, vor allem Unternehmerpersönlichkeiten, spielen dabei in dieser Kampagne nur noch eine Nebenrolle.

Zweifelsohne ist der 25. Jahrestag der Wiedervereinigung Gedenken wert, der Schicksale und Leistungen in Ost und West. In dieser Imagekampagne wächst allerdings zusammen, was nicht zusammen gehört: Als Bundesminister lässt man sich nicht von der Deutschen Bank präsentieren.

 


Anmerkung: Der Autor war vor langer Zeit einmal bei der Deutschen Bank angestellt und ist heute als freier Kommunikationsberater tätig. (Die obigen Kampagne lehnt er trotzdem auf allen Ebenen ab.)

Zum Beispiel hier im Laundromat

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Man kann nicht den ganzen Tag an Griechenland denken. Irgendwann muss man schließlich auch mal seine dreckige Wäsche waschen. Früher hatte ich mal eine eigene Waschmaschine. Als die kaputt ging, habe ich einen Münzautomaten im Keller des von mir bewohnten Mehrfamilienhauses benutzt. Damals war ich genervt von diesem Zustand, konnte mir aber auch nicht ausmalen, dass das irgendwann Share Economy heißt und hip sein würde. Jetzt ist der Uber-Wasch-Automat in meinem Waschkeller kaputt und ich muss in den Salon am Ende der Straße gehen. Aber ich will nicht klagen. Lebte ich in Griechenland, müsste ich vermutlich bald mit der Hand waschen und sorgte mich um die Beschaffung des Flüssigfeinwaschmittelnachschubs für rechtsdrehende Baumwollschwarzwäsche.

Als ich die Wohnungstür öffne, huscht in diesem Moment ein über mir wohnender Nachbar mit einer großen blauen Ikea-Plastik-Tasche voller dreckiger Wäsche zaghaft murmelnd, aber doch vernehmlich mürrisch grüßend, an mir vorbei. Während ich überlege, mit dem mir nicht näher bekannten Hausbewohner eine Konversation über unser gemeinsames im Keller des Mietshauses befindliches Leid zu beginnen, und die Frage, ob er bereits oder ob womöglich ich mich mit der Hausverwaltung in dieser Angelegenheit in Verbindung setzen solle, gehen wir wortlos fast nebeneinander her. Wir haben nicht nur dasselbe Problem, sondern auch denselben Weg. Dafür sind Ikea-Tragetaschen gemacht, denke ich, während ich mich frage, ob der Transport von dreckiger Wäsche zur Münzwäscherei in blauen Ikea-Taschen je in die sogenannte Popliteratur Einzug gefunden hat.

Beim Betreten des Waschsalons sage ich „Moin“, wie man es in Hamburg zu tun pflegt, aber in Waschsalons scheint es unüblich zu sein, einander zu begrüßen, obwohl man ja eigentlich so etwas ist, wie Kollegen, aber vielleicht ist man auch eher so etwas wie Parteifreunde. Es ist mein erster Besuch in einem Waschsalon und ich wundere mich darüber, dass ich mich darüber wundere, dass keine gutgebauten Boys in Boxershorts herumsitzen, die wie in alten Jeanswerbungen gerade ihre Nietenhosen reinigen. Während ich rotierenden Trommeln dabei zusehe, wie sie sich zügig mit Wasser füllen, tippt mein mittlerweile übergroße Kopfhörer tragender Nachbar hektisch auf seinem Smartphone herum.

Angesichts einer dreiviertelstündigen Ereignisloskeit wundert mich es indes nicht mehr, dass das die Tätigkeit des Wäschewaschens – abseits von betriebstypischen Waschzetteln – bislang keinen von mir als bemerkenswert empfundenen Einzug in die Geschichte der Literatur zu verzeichnen hatte. Aus verschiedenen Gründen und zur Zerstreuung blättere ich ein wenig in Rainald Goetz‘ Buch Klage, dessen blau-weißer Einband mich schon wieder an Griechenland denken lässt. In dem Buch passiert naturgemäß nicht viel, aber immerhin wird darin keine Wäsche gewaschen und die Krisen sind eher feuilletonistischer Natur.

Schon ein paar Umdrehungen später bin ich erlöst. Möglicherweise handelt es sich bei dem schwedischen Möbelhaus gar nicht um ein Köttbullar-Business, sondern in Wirklichkeit um einen Blaue-Tragetaschen-Konzern, denke ich, während ich bewusst retardierend die saubere Wäsche in die Ikea-Tasche lege, um mir die Unannehmlichkeit des wortlosen Nebeneinanderhergehens mit meinem Nachbarn auf dem Rückweg zu ersparen.

Wir sind Büchner-Preis

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Was für eine Literaturwoche. Erst Bachmann-Preis für Gomringer. Nun Büchner-Preis für Goetz. Na endlich, will man rufen. Und wann kommt denn mal wieder was Neues?

Johann Holtrop ist in seinem tiefen Fall längst von der Gegenwart überholt. Das lebendige Managervorbild entzieht sich mit einem Sprung durchs offene Fenster dem Offenbarungseid; seine Armbanduhr wird zur Befriedigung der Gläubiger öffentlich versteigert. Die totale Demütigung, wie sie der Autor nicht böser hätte ersinnen können.

Und während der frisch gekürte Preisträger von Ulf Poschardt in der Welt mit einem Nachruf bereits lebendig begraben wird, erfreuen wir uns kurz an einem alten Interview mit dem ZEITmagazin aus dem Jahre 2010:

ZEITmagazin: Das andere, was einem auffällt: Man sieht auf Ihrer Stirn die Narbe Ihres Rasierklingenschnitts, vor fast 30 Jahren auf der Bühne in Klagenfurt. Diese Aktion prägt das Bild von Ihnen bis heute. Haben Sie das jemals bereut?

Rainald Goetz: Nein.

ZEITmagazin: Denken Sie manchmal daran?

Rainald Goetz: Ja.

ZEITmagazin: Und was geht Ihnen da durch den Kopf?

Rainald Goetz: Freude.

Wir freuen uns mit dem Autor. Ein bißchen ist es, als wären wir mal wieder Papst geworden. Oder zumindest unsere Frauennationalmannschaft.