Schaukeln

Schaukel

Das kommende Erwachen steht wie das
Holzpferd der Griechen im Troja des Traumes.

(Walter Benjamin)

Einen kurzen Moment ausgelassen sein und den Alltag vergessen, den eigenen Schwerpunkt verlagern, schwingen. Sich dann aber nicht mehr halten können und jäh von der Schaukel fallen. (Nicht weil jemand an der Kette sägte, sondern aus eigener Unachtsamkeit etc.) Darauf aufwachen und feststellen, dass alles nur ein Traum war, aber trotzdem Beulen davontragen.

Kaffeehauskonversation

(Hier zynisches Houellebecq-Zitat
nach Wahl einfügen.)

In einem Kaffeehaus in Mitte sitzen wir zufällig nebeneinander, eine flüchtige Bekanntschaft, aber immer gut für ein paar Worte. “Weißt Du, was komisch ist?”, fragt er mich. Ich sage, dass ich es nicht wisse, obwohl mir mit etwas Mühe zahllose Dinge einfielen, die komisch sind, die er aber sicher allesamt nicht meint. “Dass Heidi Klum und Seal sich getrennt haben.” Mich interessiert das Schicksal von Supermodels und Schmusesängern nicht sonderlich. Dennoch nehme ich mit Gleichmut zur Kenntnis, dass es den Schönen und Reichen in Beziehungsangelegenheiten auch nicht besser ergeht; wohlwissend, dass ich nichts davon habe, dass auch die anderen immerzu scheitern. Ich sage “Mhh”, und dass Trennungen das Normalste auf der Welt seien. “Es gibt keine Liebe mehr”, sagt der Bekannte, während er die Facebook-Profile seiner Ex-Freundinnen checkt. Ich denke nach, weiß aber darauf nichts zu entgegnen und trinke meinen kalten Kaffee.

Der verlorene Satz

Der Schriftsteller brachte noch nie auch nur ein einziges Wort zu Papier. Stattdessen war er unablässig Verstört vom Unvermögen der Bernhardschen Romanfiguren. Irgendwann, als er wieder einmal von seiner andauernden Schlaflosigkeit heimgesucht wurde, kam ihm der erste Satz in den Sinn. Es war der perfekte Beginn für seinen Roman. Ein Satz, bei dem selbst Ilsebill das Nachsalzen vorübergehend stoppte. Normalerweise lagen für diesen Fall, den der Schriftsteller so lange schon herbeisehnte, Papier und Bleistift direkt neben ihm auf dem Nachttisch. Heute jedoch, da er sein Schreibzeug das erste Mal brauchte, lag es nicht dort. Als er endlich, an einem ganz anderen Ort, sein Schreibzeug gefunden hatte, stand im der Schweiß auf der Stirn. Der Satz, der alles ändern sollte, war ihm entfallen. So sehr er sich auch bemühte, die Worte kamen ihm nicht mehr in den Sinn. Fortan befiel ihn die Obsession, dass ihm jemand seinen Satz gestohlen haben könnte. Zwanghaft schlug er seitdem in Buchhandlungen und Bibliotheken sämtliche Bücher auf, nur um auf deren erste Seite nach seinem Satz zu suchen. Der Satz war für immer verloren.

Klaus Lemke: Rocker

“Du flachst mich nicht, Torte.”
– aus Rocker, 1972

Vor vielen Jahren ein bierseliger Abend mit Freunden. Uns kommt spontan die Idee, ins Kino zu gehen. Gezeigt wird Klaus Lemke – Rocker aus dem Jahre 1972. Ich hatte bislang noch nie von diesem gehört und während ich in der ersten Reihe ganz außen sitze, wundere mich über die vielen Menschen, die plötzlich diesen alten Schinken sehen wollen. Ja ja, Kulstatus sagt man immer so leicht dahin, aber dieser Film hat ihn wirklich – zumindest in Hamburg, wo sich alles abspielt. “Ja, gucken und gucken, da kommt ja nichts.“