Morrissey in Hamburg, 18.12.2006, Color Line Arena

Morrissey in Hamburg, 18.12.2006, Color Line Arena

Schon vor längerer Zeit war ich dem Irrglauben verfallen, dass Konzerte eigentlich überflüssig seien. Der künstlerische Prozess ist im Prinzip nach Text und Komposition der Lieder sowie Abgabe des Albums abgeschlossen. Wozu dann das Werk noch einmal für die Bühne reproduzieren? Dieses mal war aber alles anders. Schon lange freute ich mich nicht mehr so sehr auf ein Konzert wie auf dieses – und wurde mit einem großartigen Ereignis belohnt.

Anders als bei vielen anderen Konzerten standen vor der Color Line Arena an diesem Abend nicht die Tickethandler, die sich rechtzeitig mit Konzertkarten eindeckten und diese nicht mehr über ebay loswurden, sondern verzweifelt blickende Damen und Herren, auf deren Schildern in ihren Händen „Suche Karten“ stand. Somit begann der Abend schon mit einem ersten Glücksmoment, zumindest für die Karteninhaber. Zunächst hieß es aber: ab durch das etwas beschwerliche Vorprogramm. Die britische Sängerin Kristeen Young kreischte eine halbe Stunde lang fürchterlich und immens laut zu der Begleitung von Keyboard, Schlagzeug und zum Teil auch Halbplayback. Während der Herrichtung der Bühne für den Meister wurde für das bereits anwesende Publikum auf einem Vorhang Filmschnipsel von Grand Prix d’Eurovision-Auftritten, James Dean und den New York Dolls projiziert. Alle anderen vergnügten sich derweil bei vegetarischen Gerichten im im unwirtlichen Voyer der Eishockeyhalle.

Nachdem Tastenkünstler und Multiinstrumentalist Mikey Farell kurz die deutsche Nationalhymne anspielte, erschien Mozzer in dunkler Hose zum weißen eierlikörgelben Hemd mit Krawatte und stimmte gleich zu Beginn des Sets unter großem Applaus den The Smiths-Hit Panic an, welcher an Aktualität nichts eingebüsst hat. Morrissey, in dessen Hintergrund übergroß der italienische Regisseur Pier Paolo Pasolini, in Anspielung auf den Song You Have Killed Me, eingeblendet wurde, dominierte mit seiner Präsenz die Bühne ganz klar. Hätte es für eine Karriere als Musiker nicht gereicht, so hätte er immer noch Cowboydarsteller in einem Western werden können, so virtuos lassogleich schwang der Star des Abends sein Mikrofonkabel. Die Band, deren Mitglieder ganz adrett mit dunkler Hose, hellem Hemd, Hosenträgern und Fliege bekleidet waren und den optischen Vergleich zu Oberkellnern naheliegend erscheinen ließen, hielt sich stets, aber nicht ohne Leidenschaft, im Hintergrund.

Vom ersten Ton an hatte der Sänger die gesamte Mehrzweckhalle routiniert im Griff und gab in den gut anderthalb Stunden des Konzerts Höhepunkte aus der gesamten Bandbreite seines Schaffens zum Besten. Neben altbekannten und heißgeliebten Songmaterial aus Schmidts-Zeiten wie Gilfriend In A Coma; William, It Was Really Nothing und How Soon Is Now?, während dessen Morrissey sich auf dem Bühnenboden räkelte, wurden auch ältere Stücke aus seinem Solowerk z. B. Everyday Is Like Sunday bunt gemischt mit neueren Songs seiner beiden letzten Schallplatten (First Of The Gang To Die; Irish Blood, English Heart; In The Future When All’s Well, I Will See You In Far-Off Places, Dear God Please Help Me u. v. a. m.) meisterhaft zelebriert. Abwechslung brachten hin und wieder eingestreute, selten zu Gehör gebrachte B-Seiten. Während des gesamten Konzerts schüttelte der überraschend gutgelaunte, mittlerweile 47-Jährige immer wieder Hände der Fans aus den ersten Reihen, ließ sich einen Brief zustecken und zog sich zur Freude der ansonsten leicht unterkühlten Menge formvollendet zu Let Me Kiss You das Hemd aus, um es ins Publikum zu werfen und nur wenige Augenblicke später wieder mit einem schwarzen Oberteil auf der Bühne das Kommando zu übernehmen.

Noch zwei kurze Zugaben (Please, Please, Please, Let Me Get What I Want und Don’t Make Fun Of Daddys Voice) zum Schluß und vorbei war Moz‘ Audienz. Auch wenn das Leben nur ein Schweinestall ist, so war dies ein grandioser und sehr bewegender Abend, der allen, die dabeigewesen sind, sicher noch lange in guter Erinnerung bleiben wird.

Für alle, die noch nicht genug haben, können hier Johnny Haeusler ausführlich vom Berliner Auftritt schwärmen hören.

Nachtrag: Einen sehr schön bebilderten Konzertbericht bringt Onlineausgabe der Zeit und Diskussionen (fast) ohne Ende das Fanforum.

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