Plasmafernseherkamin

Was macht eigentlich Robert Hoyzer heute? Ja, genau der bestechliche Ex-Fußballschiedsrichter. Die meisten Menschen werden ihn vergessen haben, seitdem er nicht mehr die Schlagzeilen der großbuchstabigen Tagespresse beherrscht, sondern in seiner Gefängniszelle dahinvegetiert geduldig auf seine bevorstehende Haftstrafe wartet. Wir jedoch, die unsere Freiheit genießen, und dank des wirtschaftlichen Aufschwungs im Lande unverzüglich, nachdem wir unsere Fabriken, Universitäten und aufstrebenden Web 2.0.-Unternehmen verlassen, in Scharen in die demnächst zigarettenrauchbefreiten Cafés, Kneipen, Restaurants, Gaststätten und Autobahnraststätten stürmen, haben diesem jungen Mann einiges zu verdanken.

Im Sommer letzten Jahres ging der von unserem ehemaligen Bundespräsidenten viele Jahre zuvor herbeigesehnte und dringend erforderliche Ruck durch die gesamte Republik – inklusive der neuen Bundesländer, dem strukturschwachen Schleswig-Holstein und Bremen. Sein damaliger Vorgesetzter, der sich mangels geeigneter Nachfolger noch immer unangetastet im Amt hält, Kaiser Franz, hat nämlich mit großer Finesse und viel Fortune nicht nur einen Rekordsommer, sondern auch gleich die dazu passende Fußball-Weltmeisterschaft in unser darbendes Land geholt. Das Volk sehnte sich nach einer jahrelang scheinbar unaufhaltsamen Tendenz zur Individualisierung wieder nach einer wohligen Gemeinschaft und so geschah es, dass der Fussball-Weltverband Hand in Hand mit einem findigen Sportrechtevermarktungsunternehmen das öffentliche Anschauen erfand.

Der Deutsche Hotel- und Gaststättenverband e.V. (DEHOGA) wäre sicher nicht der Deutsche Hotel- und Gaststättenverand e.V. (DEHOGA), wenn ihm dieser Trend entgangen wäre. Geistesgegenwärtig erinnerten sich dessen Vorstandsmitglieder an den ehemaligen Fußballschiedsrichter Robert Hoyzer und die mit ihm bis in alle Ewigkeit verbundene Meisterleistung in Sachen Public Relations, Marketing und schlichter Werbung. Quasi über Nacht machte er den bis dahin weitgehend unbekannten Plasmafernseher über die Grenzen der wettskandalbehafteten Regionalligen bekannt. Da nichts auf der Welt besser zusammenpasst als Fußball und Bier, nicht einmal Netzer und Delling, riet der Deutsche Hotel- und Gaststättenverband e.V. (DEHOGA) allen ihm angeschlossenen Mitgliedsunternehmen zum Erwerb von Bildschirmen, die Licht mit Hilfe von Leuchtstoffen erzeugen, die durch Plasmaentladungen angeregt werden. Dieser Geistesblitz hätte auch Willy Brandt entzückt, denn nun wuchs endlich wirklich zusammen, was zusammen gehört. Anhänger des traditionsreichen Spiels um das runde Leder saßen fortan glücklich vereint beim frischgezapften Gerstensaft in den Mitgliedsbetrieben des Deutschen Hotel- und Gaststättenverbandes e.V. (DEHOGA) und frönten dem weltmeisterschaftlichen Televisionsspektakel.

künstlicher Kamin - jetzt neu auf DVDNun liegt diese ausgelassene Zeit bekanntlich wieder einige Monate hinter uns. Zwischendurch wurde uns neben der Mehrwertsteuererhöhung auch eine Gesundheitsreform beschert und die Rekordhitze ist längst wieder dem Klima im Lande entsprechenden winterlichen Temperaturen gewichen. Was aber bleibt übrig von diesem Sommermärchen, außer Rekordumsätzen der plasmabildschirmherstellenden Industrie, einem Dokumentarfilm über die vier Wochen währende Zeit der Glückseligkeit und einer Nationalmannschaft, die dank ihres Trainers, der sich längst ins Land der unbegrenzten Möglichkeiten abgesetzt hat, mittlerweile den Text der Nationalhymne beherrscht?

Plasmafernseher. Und zwar Plasmafernseher überall. Plasmafernseher in Cafés, Plasmafernseher in Kneipen, Plasmafernseher in Restaurants und Plasmafernseher in Autobahnraststätten. Nirgendwo sind wir mehr vor diesen Gerätschaften mit den riesigen Diagonalen sicher. Derzeit haben wir, von niemandem bemerkt, schon wieder eine Weltmeisterschaft im Lande und was wird auf den Plasmafernsehern gezeigt? Richtig, es laufen überall lauschige Kaminsimulations-DVDs, weil sich kein Mensch wirklich für Handball interessiert. Kein Bier, kein Wein, kein Kaffee kann mehr von uns genossen werden, ohne dass im Hintergrund ein falscher Kamin heimelig knistert. Noch Jahre werden wir in unseren Stammkneipen und Lieblingscafés die Stunden zählen, weil wir wissen, dass die übliche Lebensdauer eines Plasmafernsehers nur 60.000 Betriebsstunden beträgt und uns danach verzehren, wieder in Ruhe unsere Kalt- und Heißgetränke zu konsumieren. Irgendwann aber werden wir uns in einem schleichenden Prozess an die Pseudoöfen gewöhnt haben und sie gar nicht mehr missen mögen. Nachdem die mittlerweile defekten Plasmabildschirme, von uns vollkommen unbemerkt, durch langlebige Nachfolgemodelle mit Flüssigkeitskristall ausgetauscht wurden, haben wir das Flackern und Knistern im Hintergrund längst so liebgeworden, dass auch bei uns daheim Tag und Nacht die Kamin-DVD läuft.

Erst nach Jahrzehnten, wenn längst Gras über den Hoyzer-Skandal gewachsen ist, wird die Öffentlichkeit von hartnäckigen Journalisten und investigativen Bloggern davon in Kenntnis gesetzt werden, dass es sich bei diesem nur vordergründig um einen Sportwettenbetrug handelte. Nach und nach wird klar, dass die ganze Angelegenheit ein geschickt inszenierter Coup der Unterhaltungsindustrie war, bei dem es von Anfang an nur um den Absatz von Kamin-DVDs ging. Nach seinem Aufenthalt hinter schwedischen Gardinen wird Robert Hoyer in die Gesellschaft zurückfinden und an der Spitze eines internationalen Unterhaltungskonzerns stehen. Das Public Viewing der schönsten Kamin-DVDs hat dann längst den Fußball als Massenphänomen abgelöst und die Kamin-DVD AG übernimmt dank ihrer gigantischer Marktkapitalisierung an der Börse mühelos den vormals führenden Technologiekonzern Apple Inc. Nachdem der Ex-Schiedsrichter Steve Jobs als Vorstandsvorsitzenden des Unternehmens abgelöst hat, beginnt mit der Vorstellung des Produkts iFireside eine neue Ära in der Geschichte der Unterhaltungsindustrie.

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