Das letzte Mal

Den ersten Schock habe ich überwunden und mich mittlerweile an das allmorgendliche Fahrradfahren gewöhnt. Die Vorzüge dieses Transportmittels sind nicht zu übersehen. Statt mit bierdosenleerenden Bildzeitungslesern um die raren Sitzplätze in den Fahrzeugen des öffentlichen Personennahverkehrs zu ringen, ist mir ein fester Platz auf dem Sattel garantiert. Darüber hinaus gibt es kein Transportmittel, das sich ökologisch und ökonomisch als so vorteilhaft erweist wie der von mir sehr geschätzte Drahtesel. Zudem ist auch die das Immunsystem stärkende Frischluftzufuhr nicht zu verachten.

Die tägliche, dank meiner kontinuierlich zunehmenden Durchtrainiertheit mit beschwingter Leichtigkeit zu bewältigende Wegstrecke führt mich bei stets strahlendem Sonnenschein am traumhaften Panorama der Außenalster vorbei, wo mir die entgegenkommenden Eichhörnchen und Joggerinnen freudig zuwinken. Gut ausgebaute Radwege mit komfortabler Breite erstrecken sich entlang der gesamten Route. Zwei Polizisten auf Fahrradstreife halten mich an. Auch sie sind gut gelaunt, schließlich dürfen sie den ganzen Tag auf ihren funkelnden, luftgefederten Bikes herumcruisen. Freundlich ermutigen sie mich, fahrtbegleitend über Kopfhörer mit einem lieblichen Klangteppich eine leichte Beschallung vorzunehmen, um mein Wohlbefinden zu erhöhen. Ganz Freund und Helfer weisen sie besorgt auf meinen fehlenden Speichenreflektor hin, der mir ob meines dynamischen Fahrverhaltens abgegangen sein muss. Noch bevor ich meine unermessliche Dankbarkeit für diesen umsichtigen Hinweis zum Ausdruck bringen kann, überreichen die Ordnungshüter mir mit einem Katzenaugenzwinkern ein nagelneues retroreflektierendes Rückstrahlelement und wünschen eine angenehme Weiterfahrt.

Positiv fällt mir auf, welch umsichtigen Fahrstil doch die besonders stark motorisierten SUV-Fahrer an den Tag legen. Noch nie kam mir ein Fahrradhelm so unnötig vor. Dieser würde ohnehin nur meine ionengefönte Haarpracht beeinträchtigen. Die Sonne scheint, die Vögel zwitschern, mein Veloglück ist vollkommen. Gutgelaunt und mit dem erhebenden Gefühl, bereits an diesem jungen Tag etwas Vorteilhaftes für mich und meine Umwelt getan zu haben, betrete ich das Büro. Das wird sicher nicht das letzte Mal gewesen sein.

11 Antworten

  • Was wird nicht das letzte Mal gewesen sein? Dass Du das Büro betrittst? :-)

    Ansonsten: Kannst von Glück reden, dass Dich Dein Weg auf guten Radwegen ins Büro führt. Gute Radwege sind definitiv Mangelware. Genauso wie Speichenreflektoren. Habe ich nicht. Weiß aber, dass die vorgeschrieben sind. Sehen aber völlig blöde aus. :-)

    @Andre: Nene, lass das mal mit dem Testen. Laut ADFC-Studie ist Hamburg auf dem letzten Platz, was Komfort für die Radler anbelangt. Die sind hier nicht wichtig genug. *grr*

  • @Nils und mc_o: Einen Text zuvor hatte ich angekündigt, künftig den Bus vorzuziehen. Jetzt muss ich aufpassen, nicht am Fahrradsattel festzuwachsen. Wie sagte schon Konrad Adenauer? Was interessiert mich mein Geschwätz von gestern.

  • Ich erinnere mich auch zu gerne an die Zeit, wo ich mit dem Rad durchs schöne Niendorfer Gehege zu meiner damaligen Arbeitsstelle geradelt bin. Wenn die ganzen „Im-Hamburger-Stau-Steher“ wüssten, was ihnen entgeht und wie eintönig und nervenzeerend so ein Stau doch ist.

  • Heute morgen waren hunderte von Mädchen mit Hundebabys an der Außenalster unterwegs. Legen sich jetzt alle einen tapsigen Hund zu, weil es für einen kleinen Eisbären nicht reicht?

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