Jugendherberge

JugendherbergeKürzlich lag eine Kiwi auf unserem Frühstückstisch. Diese zur Gattung der Strahlengriffel zählende Frucht, welche auch als chinesische Stachelbeere bekannt ist, erinnerte mich an meine Kindheit. In der Zeit zwischen dem Erblicken des Lichts der Welt und der geschlechtlichen Reife erfolgten mehrere Aufenthalte in verschiedenen Jugendherbergen, die mich noch Dekaden danach gelegentlich in schweißbadenden Alpträumen verfolgen. Ob im nordfriesischen Tönning oder in Goslar im Harz, überall zeigten die Einrichtungen des Deutschen Jugendherbergswerks das gleiche Bild.

Die Herbergseltern begrüßen die Schulklasse. Die Herbergsmutter ist kräftig und hat sehr dicke Oberarme. Ihre Gesichtsfarbe ist sehr rot und deutet auf Bluthochdruck hin. Der Herbergsvater ist untersetzt, er trägt einen dunkelblauen Rollkragenpullover und raucht Pfeife. Eigene Kinder hat das Paar nicht. Ihnen sind die ständig wechselnden Schulklassen lästig genug und für die Bedienung der Industriegeschirrspülmaschine halten sie sich einen Zivildienstleistenden. Im Rahmen ihrer Ansprache spulen sie routiniert die Hausordnung ab. Zwölfeinhalb Minuten lang zählen sie geltende Verbote auf. Eine halbe Minute benötigen sie für die erlaubten Dinge: Müll trennen, Betten beziehen, Zimmer fegen.

Die Gruppeneinteilung der Zimmer wird ausgelost. Meine Freunde sind gemeinsam untergebracht, während ich eine Bude mit dem dicken Matthias, der jede Nacht schnarcht, Robert, der niemals duscht, und Sven, der heult, weil er seine Bettwäsche zuhause vergessen hat. Außerdem sind da noch Sebastian, der für jeden Tag der Woche von seiner Mutter eine Packung Schokoladenkekse mit auf den Weg bekommen hat, die er aber mit niemandem teilt, und Stefan, den ich sowieso schon immer doof fand.

Frühstück ist morgens um 7.30 Uhr. Es gibt wahlweise angebrannte Weizenbrötchen oder altes Schwarzbrot mit fettiger Mettwurst oder Stinkekäse. Die H-Milch wird in großen Aluminiumkannen serviert und hat oben eine eklige Haut, wahlweise wird Hagebuttentee ausgeschenkt. Mittags gibt es als Vorsuppe kalte Kiwisuppe, die aussieht wie eine Lache aus Waldmeisterkonzentrat, aber geschmacklich keinen Zweifel daran lässt, dass es sich bei den chinesischen Stachelbeeren um Strahlengewächse handelt. Der Hauptgang wechselt täglich zwischen Senfeiern und Bohneneintopf. Der Nachtisch besteht aus einer nicht näher identifizierbaren Zuckermasse. Ich schenke sie Sebastian, der sich darüber freut, weil er seinen Schokoladenkeksvorrat bereits am zweiten Tag vollständig verzehrt hat. Natürlich gibt es dazu wieder den aufgewärmten Hagebuttentee, der noch vom Frühstück übrig geblieben ist. Der Cola-Automat im Freizeitkeller ist ständig defekt. Zwar nimmt er das Münzgeld an, spendet aber keine Flaschen. Zwischendurch wird eine Partie Tischtennis auf der Platte ohne Netz gespielt, und dann gibt schon wieder Abendessen. Altes Schwarzbrot, fettige Mettwurst und aufgewärmten Hagebuttentee. Die Nachtwanderung findet im Hellen statt, schließlich ist ab 22 Uhr Bettruhe angesagt.

Nach fünf Tagen in der Jugendherberge war ich stets froh, wenn der Schulalltag mich wiederhatte. Meine Abneigung gegen Kiwisuppen und Hagebuttentee ist geblieben.

12 Antworten

  • Unverantwortlich, eine Kiwi auch nur in deine Nähe zu bringen!

    Obwohl es durchaus eine leckere Frucht ist. Vielleicht schaffst du es ja, durch das Niederschreiben dieser schaurigen Kindheitserinnerungen dich vom Kiwi-Trauma zu befreien. Zu irgendetwas müssen diese Blogs doch gut sein.

  • Ähnlich wie Markus oben die Kiwi verteidigt, möchte ich eine Lanze für dne Hagebuttentee brechen. Ist ein wirklich leckeres und erfrischendes Getränk. Versuch mal, ihn etwas stärker zu machen und länger ziehen zu lassen. Die alte DJH-Devise „1 Beutel auf 5 Liter Wasser und dann gut 12 Sekunden ziehen lassen“ produziert maximal hauchrotes Wasser — aber kein schmackhaftes Gebräu. Und nimm den Tee von Teekanne, beim Hagebuttentee schmeckt man den Qualitätsunterschied sehr schnell.

  • Ich empfehle mal wieder eine Nacht in einer Jugendherberge. Ich bin 41 und hatte mit 39 das erste Mal seit meiner Schulzeit wieder das Vergnügen, in einer Jugendherberge nächtigen zu dürfen. Als Triathlet ist man als Startpassinhaber Mitglied in der Deutschen Triathlon Union und hat somit die Möglichkeit, vergünstigt in Jugendherbergen nächtigen zu dürfen, was sich bei Wettkämpfen außerhalb Hamburgs gelegentlich empfiehlt. Besonders dann, wenn Wettkampfstrart um 7.00 Uhr ist. Jedenfalls decken sich meine Erfahrungen nicht mit denen, die ich als Schüler gemacht habe. Einzig und allein die Erfarhungen in der Nacht, wenn man mit seinen Vereinskumpels ein Sechsbettzimmer teilen darf/kann/muss, haben sich nicht verändert. Irgendeiner schnarcht immer. Und daher reduziere ich Jugendherbergsaufenthalte auf ein Minimum.

  • Also, irgendwie musst du schon ziemlich alt sein und der Aufenthalt in der JH Goslar ziemlich lange her. Ich habe weder dicke Arme noch Bluthochdruck (ehr zu niedrig), mein Mann ist passionierter Nichtraucher und wir haben zwei Kinder! Die Zimmer werden durch die Gruppenleiter, nicht durch die Herbergsleitung aufgeteilt. Die Größe und Ausstattung (mit oder ohne Du/WC) wird im Vorfeld geklärt, je nach Verfügbarkeit und Geldbeutel der Gäste. Alle Mahlzeiten sind als Buffet angerichtet und die Milch kommt aus einem gekühlten Spender, nicht aus der Alukanne. Letztere gibts schon lange nicht mehr.Wackelpudding gibt es, jedoch auch noch zwei Alternativen, für diejenigen, die ihn nicht mögen (was aber für 95% der Kinder nicht zuzutreffen scheint). Da die Lehrer einen Haustürschlüssel haben, können sie selbst entscheiden, wann sie die Nachtwanderung beginnen. Unsere Mitarbeiter/in geht in der Regel bei Dämmerung los, kommt aber nach zwei Stunden mit Sicherheit bei Dunkelheit wieder.
    Alles in allem würde ich empfehlen, mal wieder die eigenen Vorurteile zu überprüfen.

  • Ja, ich empfehle dir dringend einen Neubesuch einer JGH. Ich bin auch vor über 10 Jahren dort gewesen (bin wohl was jünger also du), und hatte so meine Vorahnungen bzw. -urteile bezgl. der Qualität von Zimmer, Ausstattung, Essen und Co.
    Diese Woche war ich nun in Münster und war vollkommen überrascht. Eigentlich hätte sich das Haus in ein JGHotel umbenennen müssen: Modern, Dusche/Bad im Zimmer, umfangreiches Frühstücksbuffet, allerlei Angebote.. da möchte man doch nochmal jung sein :)

  • Ui ui ui… da gibt es Ärger von Frau Dyckhoff! ;-)

    Bei der Zimmerwahl hatte ich aber auch immer Pech! Wahrscheinlich auch der Grund, warum ich mich noch heute jeglichem Glücksspiel verweigere!

  • Ich möchte hinzufügen, dass es in den 80ern in (west-)deutschen Jugendherbergen scheinbar einen universellen und bundesweiten Essensplan gab, der dafür sorgte, dass es freitags immer Gulasch mit Spiralnudeln gab. Wegen der oben bereits angedeuteden zwanghaften Verwendung von Aluminium-Töpfen waren die Spiralnudeln übrigens bundesweit freitags mittags kalt, während koscheresk-weichgekochte Gulasch den Gaumen einäscherte.

    Um mal einen Kontrast zu bekommen, lohnt ein Besuch in einer der zahlreichen Jugendherbergen in Großbritannien, zumal man dort überwiegend selbst kochen und seine eigenen Aluminium-Töpfe verwenden kann.

  • Sehr geehrte Frau Dyckhoff,

    haben Sie vielen Dank für Ihren ausführlichen Kommentar. Dieses Weblog dient unter anderem der Aufarbeitung meiner traumatischen Kindheitserlebnisse, wobei ich hin und wieder geneigt bin, dabei auf das Stilmittel der Satire zurückgreifen.

    Gern glaube ich Ihnen, dass Sie weder dicke Oberarme haben noch dass die Milch in Ihrem Hause über eine dünne Hautschicht verfügt.

    Für einen weiteren Besuch in einer Jugendherberge stehe ich leider nicht zur Verfügung.

    Mit besten Grüßen aus der Luxushotel-Suite bin ich

    Ihr

    bosch

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