Ich bin nicht Murat

Türkischerverwähler

1.

Vor ein paar Monaten erreichte mich der erste dieser Anrufe auf meinem Mobiltelefon. Stets verdächtig sind mir Anrufer mit unterdrückter Rufnummer. Warum auch immer ein Anrufer seine Identität verbirgt, er wird seinen Grund dafür haben. Noch verdächtiger sind allerdings unbekannte Anrufer, die ihre Telefonnummer gar nicht erst verbergen. Was können sie nur von mir wollen und warum nutzen sie die Möglichkeit der Rufnummernunterdrückung nicht?

Mein Telefon klingelt, eine mir nicht bekannte Rufnummer erscheint auf dem Display und entgegen meiner Gewohnheit nehme ich dieses Gespräch trotzdem an. Nicht dass mir danach wäre, mit einem mir unbekannten Gesprächsteilnehmer eine fernmündliche Konversation zu pflegen, ich habe nur keine Lust, schon wieder meinen Anrufbeantworter kostenpflichtig abzufragen. Am anderen Ende der Leitung spricht ein älterer Mann mit tiefer Stimme ein unverständliches Mischmasch aus einer mir fremden Sprache und einem sehr gebrochenem Deutsch zu mir. Ich kann ihn nicht verstehen und er versteht mich offensichtlich ebenfalls nicht. Nach zwei Minuten gebe ich auf und beende das Gespräch.

2.

Einige Tage später werde ich abermals von einem mir unbekannten Anrufer angerufen. Erneut nehme ich das Gespräch entgegen und es scheint derselbe Mann zu sein wie vor ein paar Tagen. Noch immer spreche ich seine Sprache nicht und auch seine Deutschkenntnisse haben zwischenzeitlich keine Fortschritte gemacht. Er sagt irgendetwas von Döner. Vielleicht bilde ich mir das aber auch nur ein, weil der Mann irgendwie türkisch klingt. Inhaltlich nähern wir uns nicht weiter an als bei unserem ersten Versuch.

Offensichtlich bin ich kein allzu gefragter Gesprächspartner, denn die Liste der zehn zuletzt eingegangenen Anrufe auf meinem Handy zeigt mir, dass es sich um dieselbe Nummer handelt wie vor ein paar Tagen. Um beim nächsten Mal vor Überraschungen gefeit zu sein, speichere ich sie unter dem Namen Türkischerverwähler in meinem Telefonbuch ab.

3.

Tags darauf klingelt mein Telefon. Das Display signalisiert mir den Anruf eines alten Bekannten. Innerlich eingestimmt auf eine weitere Unterhaltung, die an nicht überwindbaren Sprachbarrieren scheitern wird, nehme ich ab. Zu meiner Überraschung ist diesmal nicht mein alter Bekannter, der türkische Verwähler, sondern vermutlich seine Frau am Apparat. Mit großer Mühe versucht sie, mir klar zu machen, dass sie Murat sprechen wolle. Weniger Mühe hatte ich, ihr zu verdeutlichen, dass ich nicht Murat sei. Ein langes Seufzen verlieh ihrer Enttäuschung Ausdruck.

4.

Eine Stunde später klingelt das Telefon. Die Abstände werden immer kürzer. Er ist wieder am Apparat und versteht mich nicht. Ich verstehe ihn nicht. Ende. Langsam verliere ich die Geduld.

5.

48 Stunden darauf klingelt es wieder. Eine neue unbekannte Nummer wird angezeigt. Es meldet sich ein Mädchen mit leichtem Akzent. Sie wolle eigentlich Murat erreichen. Ich sagte ihr, dass dies seit vielen Jahren meine Rufnummer sei und dass ich keinen Murat kenne. Abschließend bat ich sie, diese Information an alle, die es angeht, weiterzugeben. Vorsichtshalber speicherte ich auch ihre Telefonnummer unter dem Namen Türkischerverwähler im Telefonbuch meines Handys ab. Ich setzte sehr auf ihr Kommunikationstalent, das bei Mädchen dieses Alters oft sehr ausgeprägt ist, und hoffte, künftig von Anrufen dieser Art verschont zu werden.

6.

Drei Tage später. Umsonst gehofft. Schon wieder er. Es hat keinen Sinn. Ich drücke die Annahmetaste, lege mein Mobiltelefon, ohne mich zu melden, auf Tisch neben mir. Das erste Mal kommt mir der Gedanke, meine langjährig vertraute Mobiltelefonnummer zu wechseln.

7.

In den folgenden Tagen immer wieder er. Ich bin verzweifelt, nehme immer wieder ab und lege das Telefon immer wieder beiseite.

8.

Er gibt endlich auf.

9.

Zu früh gefreut. Er gibt doch nicht auf. Ich hatte ihn schon fast vergessen, als mich heute ein Anruf einer weiteren unbekannten Nummer erreicht. „Ich bin nicht Murat.“, sage ich und lege auf.

31 Gedanken zu „Ich bin nicht Murat“

  1. Ich wurde mal über ein Jahr lang von einem Mann mit türkischem Akzent angerufen, den es nach einem gewissen „Müslüm“ verlangte. All meine Versuche, ihn von der Verwechslung zu überzeugen, schlugen fehl. Schließlich wurde auch klar warum: Ein Freund mit der Begabung, seine Stimme zu verstellen, hatte sich einen Scherz erlaubt, an dem er über lange Zeit den Spaß nicht verlor. Im Gegensatz zu mir.

    Auch bei dir eine Möglichkeit? Vielleicht kennen wir auch den gleichen Typen …

  2. Ich habe ein ähnliches Problem. Seitdem ich meine Festnetznummer vor ein paar Jahren bekommen habe, bekomme ich immer wieder anrufe, die einen Benjamin L. (der vollständige Name ist dem Kommentarverfasser bekannt) sprechen wollen. Von irgendwelchen Firmen, die etwas verkaufen wollen, von Verwandten vom ihm, die lange nichts mehr von ihm gehört haben und so weiter. Ich habe die ersten Monate noch geduldig erklärt, dass die Anrufer sich verwählt haben. Später habe ich dann versucht, die hartnäckigen Call-Center-Damen auszufragen, wie die denn an meine Nummer kämen. Ich habe versucht ihnen mitzuteilen, dass es sich bei diesen Anrufen – wenn ein Verwählen ausgeschlossen ist, weil die Nummer ja so in der Datenbank gespeichert ist – um Cold Calls handelt und dass sie dass doch bitte unterlassen mögen. Das Problem bei der Sache: Es sind zu viele unteschiedliche Datenbanken, in der die Kombination Benjamin L./meine Nummer gespeichert ist. Für jeden gelöschten Eintrag entstehen zwei neue. Später habe ich einfach nur noch aufgelegt, wenn so ein Anruf kam. Das scheint geholfen zu haben. Mittlerweile ist es ruhig.

  3. @Cem: Ich glaube, ich will es gar nicht so genau wissen.

    @Opa: Du kennst ihn also? Richte ihm doch bitte bei Gelegenheit aus, dass er seiner Mischpoke die aktuelle Nummer mitteilen möchte.

    @Chet: Hier nix Murat.

    @Murat: Dann müsste ich es ja gefunden haben. Das ist aber nicht der Fall. Warum würde sonst Dein Herr Papa ständig bei mir anrufen?

    @Matt: Ja, das könnte sein – falls es sich um einen Freund mit Frau und Schwester handelt.

    @Markus: Das wird es sein. Aber warum hat er seiner Verwandtschaft nicht seine Rufnummer mitgeteilt?

    @lady-kinkling: Was heißt „Leg Dich gehackt!“ auf Türkisch?

    @Schnitzel: Die Tücken der Technik. Wenigstens bist Du die lästigen Anrufer irgendwann losgeworden. Ich gebe, was mich betrifft, die Hoffnung nicht auf.

  4. sag das nächste Mal einfach „istemiyorum“. Das heißt „ich will nicht“ und hilft mir in Istanbul immer, die kleinen Jungs mit dem Schuhputzkasten abzuwimmeln. Vor allem da ich Stoff- und keine Lederschuhe trage.

    „bilmiyorum“ könnte vielleicht auch helfen, „ich weiß nicht“.

    Iyi günler, Bosch Bey! ;-)

  5. Nun, ich seh das so: Murats Papa hat nen Zahlendreher drin und Murat kann jetzt nicht mehr Bescheid sagen und

    hm, was macht man mit einem „leeren“ Kühlschrank und

    vielleicht solltest Du vorsichtshalber den Satz gleich auf drei Sprachen lernen.

  6. Markus: Also bitte, auf meinen Murat aus dem Wedding lasse ich nix kommen. Der ist ja jetzt wieder mit Nicole zusammen und deren Wohnung wurde von der Prenzelwichserin Katrin nach Feng Shui eingerichtet!

    Aber dieser anrufer, das ist ja ein Stalker!

  7. Ich wurde fast zwei jahre lang mit einem mir nicht bekannten „marc“ verwechselt. ich kenne seine exfreundin, seinen vater, seine bankberaterin, seine sämtlichen freunde. alle versuche, nicht „marc“ zu sein, scheiterten.

  8. @Thilo, “Ich bin nicht Murat, Sie müssen sich in der Nummer irren? … heisst auf türkisch: „Ben Murat degilim, siz yanlis numarayi ceviriyorsunuz!“ (SMS Version). Und phonetisch für Deutsche: „Ben Mu-rat de-i-lim, sis jan-lisch nu-ma-ra-yi tsche-wi-ri-yor-zu-nus!“

    Iyi eylenciler („Viel Spass“)
    Cem Basman (Dschemm Basch-mann)

  9. Ich glaube, so richtig heftig könnte es werden, wenn jetzt noch Murat anruft und fragt, ob jemand für ihn angerufen hätte…

    Entspannt bleiben.

    Olaf

  10. Vielleicht ein Zahlendreher?

    Ich kenne das von meinem Job beim Secret Service. Da plappern die Leute gerne drauf los, obwohl man sich deutlich mit Firma und Name gemeldet hat und erzählen im Fall a) ihre Krankheitsgeschichte oder fragen im Fall b) nach den Kindern.

    Wenn man es schafft, Sie vor Ende der Geschichte zu unterbrechen, bemerken die Anrufer von Fall a), dass Sie nicht beim Krankenhaus anrufen und im Fall b), dass Sie nicht bei der Kita sowieso sind…

    Tja. Passiert wohl immer wieder.

    Und auch schön bei Handyanrufen sind die „Taschenanrufe“ wenn die Tastatursperre nicht eingeschaltet war und man dann seine Freunde durch die Gegend laufen hört, oder Straßenbahnfahren oderoder.

  11. Hallo Murat,

    endlich erreiche ich Dich. Am Telefon willst Du ja nicht mit mir oder meiner Schwester Ayse sprechen. Wie gehts Dir und deinem Dad.
    Ich komme mal wieder vorbei aufn Döner.

    Gruß Ali

  12. Hmm, aber als Alternative die Nummer wechseln? Da du die Nummer schon mehrere Jahre hast, ist das wirklich nicht einfach. Je nachdem wie vielen Menschen du deine Nummer gegeben hast (von Murat und seiner Familie mal abgesehen), dann kann eine neue Nummer in Stress ausarten.
    Und wenn Leute mit denen du längere Zeit nicht in Kontakt warst und die nur deine mobile Nummer kennen, dich versuchen zu erreichen?!

    Kann man nicht beim Provider bestimmte Nummern sperren lassen? Falls das kostenlos geht könntest du wenigstens die aufdringlichsten Familienmitglieder aussperren.

  13. @Unser Mann: Danke für das Vokabeltraining.

    @Thilo: Gute Idee, ist ja zwischenzeitlich umgesetzt. Jetzt muss nur noch mal jemand anrufen, der Murat sprechen will.

    @Cem: Werden dann in der Türkei die Kühlschränke auch unter dem Label „Bosch“ verkauft. Ständig leere Kühlschränke machen sich ja irgendwie nicht so gut. Und: Vielen Dank für den Türkischunterricht. Ich hoffe, ich kann mir das bis zum nächsten Anruf auch merken.

    @alcofribas: Es ist doch irgendwie beruhigend, dass ich nicht allein bin. Ich hatte geglaubt, die Anrufe auf meinem Apparat seien ein Einzelschicksal. Mittlerweile habe ich aber doch einige Rückmeldungen von Menschen bekommen, denen es ähnlich ergeht.

  14. Ob wir nicht alle in bißchen Murat sind ?
    Das kann gut sein: Als in den neunziger Jahren in Hamburg ein großes neues Kino eröffnete, da geschah es, daß bei uns ständig Leute anriefen, die Kinokarten reservieren wollten. Es waren phasenweise bis zu dreißg/ vierzig Anrufer am Tag. Vermutlich ein Schaltfehler der Telekom.
    Manche haben erneut angerufen, nachdem wir unseren recht Kinofernen Bürozweck erklärt hatten und davon war einer am besten. Kaum aufgelegt, war er schon wieder dran. Wahlwiederholung…
    Was für ein erstaunliches Vertrauen in ein Telefon und seine Intelligenz, die anderen hatten wenigstens neu gewählt.
    Murat, bitte sei nicht böse, das gilt alles nicht Dir. Wir sind auch alle ein wenig Herbert und sonstwas.
    Durchaus auch potentiell gemein: Irgendwann nervte es wirklich und einer von uns hat den Anrufer beglückwünscht, er sei der 100.000ste Anrufer, ob er in Damenbegleitung komme zum Movie seiner Wahl, es gebe fünf Karten und vorher Champagner in der VIP-Lounge. Alles gratis, klar. So richtig nobel. Das Kennwort laute „…“ („Madonna“ oder „John Travolta“ -irgendsoetwas), er könne gleich zur Kasse durchgehen und sich dort mit dem Kennwort melden.
    Könnte der Abend so richtig in die Grütze gegangen sein ?
    Wahrscheinlich liest er das hier auch noch.

    Euch einen schönen Abend.

    Olaf

  15. Ich bin einmal nachts um 3.00 Uhr telefonisch geweckt worden. Um diese Uhrzeit rechnet man mit dem Schlimmsten, zumal schlaftrunken. Es meldete sich eine portugiesisch sprechende Stimme, was darauf schließen ließ, dass am anderen Ende der Leitung eine Brasilianerin aus Brasilien war. Da wir sprachlich nicht zueinander kamen, legte sie sich wieder auf und meldete sich nie wieder. Ich war echt sauer. Wenn ich das lese, hatte ich wirklich Glück.

  16. Pingback: 49 Suns
  17. So, gestern ist es passiert: Murat hat hier bei mir angerufen und wollte Sandra sprechen. Scheint ja ein Running Gag zu werden das ganze. Er wollte sich auch nach fünf Anrufen nicht davon überzeugen lassen dass er sich in der Nummer geirrt haben muss. Ich hasse Telefone.

  18. Ein Murat blablabla hat vorgestern bei mir angerufen.

    Er wollte Altkleider kaufen.

    Oder Alt-Schuhe, da war er sich unschlüssig.

    Ein lustiges Gespräch, er war sich sehr sicher, dass ich Altkleider verkaufe, er hat mir meine Adresse vorgelesen, meine Telefonnummer und das ich Altkleider hätte.

    Als ich ihm dann sagte, dass er über eine Google-Suche auf ein Internetding kam mit Hinweis auf Altkleider war er etwas erstaunt.

    Ich habe einen Altkleider-Sack fotografiert, den hat er gefunden und nach zehn Minuten Telefonat waren wir fast schon dicke Kumpels.

    Habe ihm etwas Internet am Telefon beigebracht und nach höflicher Verabschiedung freute ich mich über den ersten Anruf über mein Impressum.

  19. Mir geht es ähnlich. Seit mittlerweile sechs Monaten (!) rufen hier Firmen an, die eine gewisse „Pauline“ sprechen wollen. Es geht dann meistens um Fenster, Immobilien usw.

  20. hmm. äähm… aaalso…

    ich hatte mal eine rufnummer. bei eplus. konnte man sich ja aussuchen, damals. hatte wirklich lange überlegt, ich meinte, sie solle einprägsam sein (für meine vielen freunde, auch aus der türkei, du ahnst schon) – aber nicht aufdringlich. ich entschied mich anstelle einer blöden schnapszahl für eine „symmetrisch sinfällige“ variante. diese nummer war wirklich sexy (0177-5*****0). tja, eines tages hat eplus irgendwie mist gebaut, und die nummer ward mir ungewollterweise entzogen.

    jetzt sach‘ nich‘ DU hast die nummer abgekriegt :))

    leben gruss, murat

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