Haben Sie schonmal einen Roman geschrieben?

Bücher (Foto von dustpuppy)Haben Sie schonmal einen Roman geschrieben? So ein richtiges Werk epische Prosa? Ich meine jetzt keinen kleineren Beitrag für eine Anthologie oder einen Band zusammenhangsloser Kurzgeschichten oder gar einen Lyrikband voller Gedichte, die sich nicht reimen wollen und sollen, weil es gerade wieder einmal modern ist, Gedichte zu dichten, die sich auf gar keinen Fall reimen dürfen. Gedichte zu schreiben, die sich nicht reimen, das kann heutzutage wirklich jeder, weshalb es auch fast jeder tut. Aber so einen großen Entwicklungsroman zu verfassen, das ist wirklich ein ganz anderes Kaliber, das ist die Königsdisziplin. Ich schreibe übrigens gerade an meinem ersten Roman, das ist gar nicht so einfach, kann ich Ihnen sagen. Selbst für mich nicht. Man muss schon sehr diszipliniert sein, sich immer und immer wieder zu geistigen Höchstleistungen anzutreiben, und Momente der Muße zu finden, um der Kreativität freien Lauf zu lassen. Nur so kann ein Meisterwerk aufs Herrlichste gedeihen. Die Symbiose aus Disziplin und Kreativität ist es schließlich, die das Größte entstehen lässt. Wichtig ist, dass das Buch in Leinen gebunden wird und einen hochwertigen Schutzumschlag besitzt. Nicht zu bunt, nicht zu futuristisch, sondern klassisch und zeitlos soll er sein. Kein Taschenbuch darf es werden, da könnte man es ja gleich bei Books on Demand veröffentlichen oder direkt in den Altpapiercontainer tragen. Optisch ansprechend muss es sein und die Haptik stimmig. Ja, es muss der Hand geradezu schmeicheln, so dass man es bei der ersten Lektüre gar nicht mehr aus der Hand legen will, bis man Seite um Seite bis zum Ende verschlungen hat, und es auch Jahre später immer und immer wieder noch mit großer Freude und Bedacht aus dem Regal nimmt, nur um es für einen kurzen Moment in den Händen zu halten, um sogleich den dringendsten Wunsch zu verspüren, das Buch noch einmal lesend zu verschlingen. Das Buch muss die Hand geradezu anziehen, verstehen Sie, was ich meine? Ein Lesebändchen muss es natürlich auch haben, das ist ja selbstverständlich. Ohne ein Lesebändchen geht es gar nicht, das ist überhaupt das Allerwichtigste.

Stellen Sie sich vor, Sie werden als Autor zu einer Lesung eingeladen. Man schätzt Ihren Schreibstil und Ihre grenzenlose Phantasie, aber sie können kein einziges gedrucktes Buch vorweisen. Das wäre das Ende. Sie setzen sich an Ihren Lesetisch, vor Ihnen steht ein Glas Wasser gegen Ihren trockenen Hals bereit, das Mikrofon ist angeschaltet und die Audienz ist gespannt auf den Vortrag Ihres Textes, Sie räuspern sich noch ein letztes Mal, bevor Sie dazu ansetzen, Ihre Stimme zu erheben. Doch plötzlich haben Sie nichts vorzuweisen als eine Loseblattsammlung. Dann nimmt Sie niemand mehr ernst. Da können Sie noch so lange in den renommiertesten Literaturinstituten darauf abgerichtet worden sein, die perfekte Geschichte perfekt zu erzählen, genau wie ein Tischler einen perfekten Tisch tischlert. Niemand wird Ihnen mehr zuhören, wenn Sie statt des gebundenen Buches ein paar bedruckte Zettel vor sich ausbreiten. Kein Tischler hat je für den Nachbau eines sperrhölzernen Billy-Regals den Meisterbrief erhalten.

Literaturagenten, Verleger, Lektoren, alle wollen sie einem als Autor ständig hereinreden. Ich könnte ein ganzes Buch darüber schreiben. Aber davon muss man sich als Schriftsteller frei machen. Am schlimmsten sind die Lektoren, sage ich Ihnen. Um jeden Satz, ach was sage ich, um jedes Wort muss man mit ihnen wie auf einem Basar feilschen, alles meinen sie besser zu wissen. Die Diven des Literaturbetriebs führen sich auf, als könnten sie selbst ein Buch schreiben, dabei hat ihr Talent noch nicht einmal ausgereicht, um bei Deutschland sucht den Superstarautor, einer dieser neumodischen Castingshows, wie sie das sogenannte Unterschichtenfernsehen gern zu zeigen pflegt, in die zweite Runde zu kommen. Ich könnte Ihnen darüber vielleicht Geschichten erzählen, aber lassen wir das an dieser Stelle.

Das Wichtigste am Schreiben ist, dass man als Erschaffender seine Ruhe hat. Ich könnte keine Zeile zu Papier bringen, würde ich bei meiner kreativen Aktivität ständig von der Welt behelligt, man muss da ganz bei sich sein. Wäre ich ein Popautor, ja dann könnte ich vielleicht mit meinem aufklappbaren Designklapprechner in einer mit WLAN ausgestatteten Kaffeebar amerikanischer Machart sitzen und seitenweise Befindlichkeitsbeschreibungen meiner Generation sowie Aufzählungen deren Markenartikel und Musikstücke in meine Tastatur hämmern und fettarme Latte macchiatos mit Sojamilch bestellen und diese dann aus Pappbechern mit Plastikdeckeln schlürfen, bis mein Akku leer ist. Aber ich bin ja gar kein Popliterat. Und Pop, ist das überhaupt Literatur? Bislang sind doch noch alle Literaturnobelpreisträger mit von Hand aufgebrühtem Filterkaffee glücklich geworden, auch wenn ihnen als Katalysator hin und wieder eine Tropfen Hochprozentiges diente, sie beflügelte und zu literarischen Höchstleistungen antrieb.

Sie müssen sich das Schreiben so vorstellen: Wenn ich schreibe, dann habe ich eine ganz genaue Vorstellung von dem, was ich erzählen will. Wie ein Bogenschütze fokussiere ich dann mit der allergrößten Konzentration das Ziel meiner Geschichte und entwickle so Schritt für Schritt meinen feinsinnigen Erzählstrang. Wort um Wort fließt dann aus meinem Kopf heraus und es gibt, wie Sie sicher wissen, nur zwei angemessene Arten, seine Gedanken für die Ewigkeit zu konservieren. Entweder man schreibt mit einem dicken Füllfederhalter mit breiter Feder und königsblauer Tinte auf handgeschöpftem Büttenpapier oder man hat Hemingways Reiseschreibmaschine geerbt. Ansonsten können Sie das Schreiben gleich vergessen. Zeigen Sie mir den Schriftsteller, der mit einem Einwegkugelschreiber auf nahezu durchsichtigem Papier ein wirklich großes Werk erschaffen hat. Das funktioniert nicht.

Also was mich betrifft, ich schreibe bereits seit Jahren an meinem ersten Roman. Und wie Sie sich vielleicht vorstellen können, ist der erste Satz immer der schwierigste.

31 Antworten

  • OT: Scheiße, du warst es doch! Ich dachte die ganze Zeit, ist das nicht bosch? Und dann: Nee, das ist der nicht, der war nicht so groß… Hab mich dann nicht getraut zu fragen…

    Nicht OT: Geiler Text. Schmunzel immer noch….. jetzt immer noch… jetzt auch noch…

  • Find ich klasse, wie sehr du dir Gedanken über das Schreiben allgemein machst. Ich meine, die Bücherläden sind voll von Schund, wovon man am liebsten den Titel vergessen möchte, gleich dass man ihn gesehen hat.
    Wenn sich jemand so sehr Gedanken macht über das Schreiben, dann stellt er da für sich gleich eine Anleitung auf. Ob man nun Instantkaffee trinkt oder sich einen Rum hinter die Binde kippt mag dabei dem Künstler offen stehen.
    Es würde mich wirklich freuen, mal einen Teil deines Buches lesen zu dürfen. Vielleicht veröffentlichst du ja mal eine Leseprobe hier in deinem Blog.
    Doch nach wie vor bin ich mir sicher, dass die Geschichte Hand und Fuß und natürlich ein Lesebändchen hat.

    Liebe Grüße
    -g0n-

  • Ich bin mir, auch nach zweimaligem Lesen, nicht ganz sicher ob es sich bei Ihrem Text um Satire handelt. Sollte das nicht der Fall sein, muss ich schnell mal sagen, dass ich Autoren erlebt habe, die mit losen Blättersammlungen sehr wohl ernst genommen wurden. Der geschmeidigste Einband, das seidenfadigste Lesebändchen hilft nichts mehr, wenn das Publikum entschieden hat, dass der Inhalt langweilt. Auch das durfte ich leider oft erleben. Der Live-Moment, das Ausprobieren von Texten vor Publikum gehört zu den wichtigsten Erfahrungen für junge Autoren, gerade für jene die noch nicht veröffentlichen konnten. Kein gedrucktes Buch vorweisen zu können wäre „das Ende“, schreiben Sie. Das ist die Einstellung eines eingerosteten Buchbetriebes, der junge Autoren mit dem Ruf nach dem Roman überfordert und vergessen hat, dass die Kurzgeschichte dem Roman durchaus gleich zu stellen ist, denn es ist die Reduktion auf das Wesentliche, die die Kurzform so spannend macht. Für mich ist die Königsdisziplin in der Literatur nicht der Roman, sondern die Gabe eines Autors, sein Publikum zu fesseln, zu unterhalten, weiter zu bringen. In welcher Form das geschieht ist, zumindest mir, völlig egal.

  • Und das mit den Lektoren, das, das … pfft … das nehmen Sie mal schön wieder zurück, Sie … Sie Wassermelone, Sie! Und zwar ganz schnell! Ohne gute Lektoren wären doch die meisten Autoren gar nix! Ausrufezeichen!
    So. Uff. Das musste mal raus.

  • @mspro: Ja, im Sitzen wirke ich wohl etwas kompakter. Nächstes mal am besten alle Leute fragen, ob sie bosch sind. Das macht sich immer gut. Und: vielen Dank für die Blumen.

    @g0n: Ich bin der Kaffeehausliterat, der nichts schreibt. So sehr ich Sie enttäuschen muss, mein Blog ist bereits meine Leseprobe. Mehr gibt mein Talent nicht her.

    @Herr Paulsen und isabo: Hiermit reiche ich den Satire-Disclaimer nach. Dieser scheint so unverzichtbar wie der gezielte Einsatz von Emoticons zu sein. Susanna Mewe hat gestern übrigens ganz wunderbar bewiesen, wie es sich auch fesselnd von losen Blättern lesen lässt. Und gegen Lektoren habe ich natülrlich auch nichts. Mit einer gewissen Genugtuung nehme ich zur Kenntnis, dass mein Beitrag eine leicht polarisierende Wirkung erzielt.

  • Mag sein, dass Selbstverlinken nicht die feine Art ist, aber vielleicht wäre das ja was für Sie: ich hab da nämlich neulich einen Superduper-Spitzentipp bekommen, wie man einen Roman schreibt. Der Tipp war leider zweifellos ernst gemeint. Ich habe es natürlich gleich ausprobiert und bin prompt in die Ironie-/Satirefalle geplumpst.

  • Nicht nur polarisierend, auch bekommt man rote Bäckchen beim Lesen! Insofern haben Sie die von mir eingeforderte literarische Königsdisziplin mit diesem Beitrag locker erreicht! Ich mache mir jedenfalls keine Sorgen mehr um Ihren ersten Roman und auch von mir gibt es dafür ein :-)

  • Ich finde Sie sollten den Ich-Erzähler als Gastschreiber einstellen,
    er könnte eine Kolumne bekommen, so z.B. „Büttenpapiers Welt“ oder „Königsblaue Sicht auf die Dinge“.

  • Der beste erste Satz stammt aus dem Film „Throw Momma from the Train“ von Danny DeVito. Es geht nämlich um eine Literaturklasse, die sich ihre Schriftstücke gegenseitig vorliest. Der Held, der Lehrer, hat eine Schreibblockade und hängt am ersten Satz fest: „Die Nacht war schwül“! The night was moist.

    Jetzt der heiße Tipp von mir: Sich in den Bergen oder an der See irgendwo für einige Monate zurückziehen und den Wahnsinn durchziehen. Wochenendbesuche erlaubt.

    Aber eigentlich sind Romane nicht mehr UP TO DATE. Höchstens noch LYRIK. Ansonsten aber ist es – Achtung: FESTHALTEN – Blogging!

  • Man redet sich schon gern ein, die ewigen Business-2-Business-Flyer für mittelständische Unternehmen der Getränkegroßhandelslogistik (ein Konstrukt gewollter Skurrilität? Von wegen…) seien schon die Königsdisziplin gewesen.

    Sind sie natürlich nicht. Aber in der zweiten Reihe ist es schöner, wenn man rezipieren will, und desto praktikabler, wenn man selber produziert.

    Rede ich mir ein, ist aber schon so.

  • In diesem steckt allerdings eine ganze Menge feinsinnige Wahrheit. Und ich glaube fast gar nicht, das „Ich bin der Kaffeehausliterat, der nichts schreibt.“ alles ist …

  • Also ich finds echt toll den Text da oben…wirklich aufbauend möchte man sagen. Ich schreibe schon seit fast 4 Monaten an meinem Manuskript und ich hab grad mal 20 Seiten…ich muss mich immer wieder überwinden weiter zu schreiben weil es mir echt schwer fällt alle meine Gedanken und Ideen (mir fallen zig Sachen ein zum Schreiben aber wenn ich die alle aufschreiben würde, würden alle Blätter dieser Welt nicht genügen um sie zu verewigen) zu bündeln und bestimmte Sätze zu schreiben. Oh ich verwirre euch Leser jetzt vielleicht aber es ist viel schwerer als man denkt ein Buch zu schreiben und dennoch gibt es nur weniges was mehr Spaß machen könnte. Aber ich mit meinen 17 Jahren hab vielleicht einfach nicht genug Erfahrung ein Buch zu schreiben. Aber aufgeben werde ich sicher nicht. Allein der Gedanke ans Aufgeben hätte mich schon zum Verlierer gemacht.

  • Wunderbarer Text! Ich habe übrigens schon drei Romane geschrieben, allesamt übelste Stephen-King-Rip-Offs, aber ich war ja auch erst siebzehn. Da sie es niemals in einen Leineneinband geschafft haben, habe ich sie natürlich längst vernichtet. Seitdem arbeite ich am vierten Roman.

  • Da muss ich doch gleich an eins meiner Erlebnisse aus Buchhändlerzeiten denken: Die Kundin wedelt mit einem Taschenbuch vor meiner Nase und fragt „Haben Sie das auch als Buch?“ Den Welthass, den man in solchen Augenblicken über so einer Person auskippen möchte, muss man sich aus Verkaufsgründen natürlich verkneifen.

  • Gut, dass ich die Kommentare doch gelesen habe, kann ich mir den Verweis wegen der armen Lektoren sparen. Sollte es denn zu der Vorlesestunde kommen, würde ich dir eigens dafür einen Einband anfertigen, der deine handschmeichlerischen Wünsche auf das Angenehmste erfüllt. Als Dankeschön für die Freude, die ich hier beim Lesen habe.

  • Schreibttischschubladen voller Weltliteratur habe ich verfasst, kürzlich ein muffiges Bettleinen vom Flohmarkt darum geschlagen, Spiritus darüber gekippt und das ganze verbrannt. Das war aber nur dem Drama zuliebe. Zumindest die jeweils letzten Versionen ruhen in Frieden bei Dropbox und auf einer Festplatte. Jedenfalls: Keiner ist allein. Und das ist gut so.

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.