Bördelgeschichte

Gibt es Geschichten, die niemanden interessieren? Keine Angst, dies ist nicht eine solche, sondern lediglich eine Geschichte über Geschichten, die niemanden interessieren.

Ein Freund hatte in seiner Jugend einen Nachbarn. Dieser Nachbar war seines Zeichens Diplom-Ingenieur. Das Berufsbild des Ingenieurs ist bekanntlich gekennzeichnet durch die systematische Aneignung, Beherrschung und Anwendung von wissenschaftlich-theoretisch fundierten und empirisch gesicherten technischen Erkenntnissen und Methoden, wovon sich mein Freund eines Tages völlig unvermittelt überzeugen lassen musste, als er seinen Nachbarn zufällig auf der Straße traf. Die für ihn günstige Gelegenheit packte der technische Gelehrte spornstreichs beim Schopfe, um meinem Freund ausführlichst einen Überblick über sein Fachgebiet, die hohe Kunst des Bördelns, zu geben.

Vereinfacht dargestellt bezeichnet man als Bördeln das rechtwinklige Aufbiegen des Randes ovaler oder runder Bleche unter Zuhilfenahme einer Bördelmaschine oder von Hand. Der Ingenieur wäre nun kein Ingenieur, könnte er diese Erkenntnis für jedermann klar verständlich in zwei bis drei kurzen Sätzen abhandeln. Besagter Fachmann benötigte für seinen Vortrag, in dem er sich durch nichts unterbrechen ließ, fast zwei Stunden. Dies ist für eine ungebetene Darbietung eindeutig eine zu lange Zeit.

Dies Ereignis hatte aber auch sein Gutes. Es war die Geburtsstunde des Wortes Bördelgeschichte. Endlich gab es eine treffende Bezeichnung für derlei unerwünschte Referate. In meinem weiteren Umfeld hat diese treffende Wortneuschöpfung bereits einen rasanten Siegeszug vollzogen und ich bin sicher, dass in ein paar Jahren der folgende Eintrag in allen relevanten Wörterbüchern zu lesen sein werden:

Bör|del|ge|schich|te, die; -n; auch Ge|bör|del, das; selten Bör|del|ei, die; Bör|del|age […la:ʒə], die (fachspr., ugs. komplexer, ungebetener, ausführlicher Vortrag eines [selten auch selbstern.] Spezialisten zu einem Nischenthema; häufige Quellen sind Ingenieure, Juristen, Informatiker und Mediziner sowie nahezu alle anderen Angehörigen hochspezialisierter Berufsgruppen. Grundsätzlich ist jede Person bördelfähig, sog. Steckenpferd~); Der Ingenieur trug eine ~ über Umform- und Verbindungstechniken vor; bör|deln; du bördelst (fachspr., ugs. für eine Bördelgeschichte vortragen)

Das ungeliebte Kind hat einen Namen und ich mache nun Schluss mit dem Metagebördel.

20 Antworten

  • Das neue Wort ist nun geprägt (kommt auch aus der Metallverarbeitung). Ich finde den Ausdruck „Bördelgeschichte“ auch wirklich gut. Aber mich interessiert, wieso der Freund nicht irgendwie fliehen konnte. 2 Stunden ! Ich vermute mal, u.a. lag das am Altersgefälle, wo der Freund (jünger) dem Ingenieur (älter, dazu der Nachbar) nicht ohne Unhöflichkeit oder „Später-ist-man-immer-schlauer“-Körpersprachetricks entgleiten konnte.
    Mir sind ähnliche Geschichten auch passiert, aber niemals sooo lange. Unser Kunstlehrer war da auch groß drin, nach Unterrichtsschluss noch Leute abzufangen; allerdings knüpfte er die Themen in rasanter Art und Weise hintereinander, so dass für dieses Phänomen noch ein neuer Ausdruck erdacht werden muss. Außerdem war es interessant – zumindest die ersten 5 min, nach 25 min sah es dann schon anders aus.

  • Oh, daß ich das noch nicht gekannt habe. Werde selbst des öfteren der Bördelei geziehen. Aber die meckernden Menschen wissen nicht einmal, was sie da geboten bekommen: eine Bördelgeschichte. Wunderbar. Ich werde das nächste Mal mein Publikum darauf hinweisen. ;-)

  • Jeder hat ja auch seine Lieblingsbördelthemen. Wer bördelt nicht mal gern.

    In der Sendung mit der Maus wurde das Bördeln auch mal erwähnt. Es werden nämlich auch Konservenbüchsen durch Bördeln verschlossen. Das ist sehr gut zu wissen.

  • Bördeln ist grundsätzlich gesund. Aber nur in geringen Dosen – da es im Übermaß entgegengesetzt wirkt; der Bördeler wird, sofern er das rechte Maß einhält, als kompetent und geistreich angesehen, verliert er aber das Maß, als Nervensäge und Schwätzer. Also bördelt nur, Leute – aber überbördelt euch nicht!

  • Wir bördeln ja schon lange. Meine Schwiegermutter sagt seit Ewigkeiten, vermutlich wider besseres Wissen: „Da haben wir uns was aufgebördelt!“

  • Pingback: datenschmutz.net
  • @SoulOcean: Was bitteschön ist denn „unterwassermundgeklöppelt“?

    Und: Ja, der Herr mit dem freundlichen Gesicht ist der Autor dieses Blogs. Das Bild entstand tatsächlich am WiHuMaPla.

  • Der WiHuMaPla ist ja auch unverkennbar langweilig:-). Sie lieferten einen Kommentar zum „Deichking“ im Blog für HamburgLiebende.
    Im Freundeskreis verwendeten wir das Wort „Unterwassermundgeklöppelt“ vor ein paar Jahren als RedensArt.
    „Sie macht in Unterwassermundgeklöppelt“ = Seidenmalerei, Serviettentechnik, etc.
    „Das war jetzt aber Unterwassermundgeklöppelt“ = lau, seicht, fad, etc.

  • Bördelgeschichte? Hab ich ja noch nie gehört. Ist das ein offizielles Wort, oder eine Eigenkreation von dir @ bosch?

    Würde mich sehr wundern, wenn es das wirklich gibt. Klingen tut es aber nicht schlecht ;)

  • @nehemia: Das steht so im Duden, Wahrig, Meyers Universallexikon und der Encyclopaedia Britannica. Lediglich in die Wikipedia wurde dieses Wort noch nicht aufgenommen, aber ich arbeite daran.

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