Wendy-Boy

Alles Glück der Erde
liegt auf dem Rücken der Pferde.
(aus einem Poesiealbum)

Wenn es zwei Dinge gab, die ich in meinem Leben als Grundschüler nicht sonderlich geschätzt habe, so waren es Poesiealben und die Freizeitgestaltung meines damals besten Freundes Lars (*).

Ständig überreichten einem doofe Mädchen – andere gab es damals noch nicht – ihre rosafarbenen Büchlein, in denen man sich als Zeichen der eigentlich gar nicht vorhandenen Freundschaft auf der jeweils rechten Seite mit einem Sinnspruch verewigen sollte. Die jeweils linke Seite ließ Raum für gestalterische Freiheiten in Form von Glanz- und Glitzerbildchen, Scherenschnitten oder ganz banalen Stickern, die es mit Bedacht einzukleben galt, ohne die Seiten mit Klebstoff zu verschandeln. Wer über ausreichend Begabung verfügte, konnte auch seine Buntstifte zum Einsatz bringen. Mir war das alles eine Qual. Oft schleppte ich das Büchlein wochenlang in meinem Schulranzen herum, bevor ich mich dazu durchringen konnte, ein paar Linien mit dem Bleistift zu ziehen und in schönster Handschrift einen Spruch zu kopieren, den ich einige Seiten zuvor erspäht hatte. Den besonders doofen Mädchen gab ich schließlich, nachdem die Rückgabe mehrfach angemahnt wurde, das Album einfach unbearbeitet zurück.

flickr: Voltigieren
Foto: genewolf (unter Creative Commons by-nc-nd)

Noch schlimmer wog allerdings die Freizeitgestaltung meines Freundes Lars. Er hatte eigentlich nie Zeit für gemeinschaftliche Unternehmungen wie Kino, LEGO, oder was Jungs in dem Alter sonst so treiben, wenn es nach ihrem freien Willen ginge. Lars musste seine gesamte Zeit mit Voltigieren oder Ausmisten verbringen, denn als Sohn einer Reiterhofbesitzerin wurde er in eine Reiter- Voltigier- und Ausmistdynastie hineingeboren. Seine gesamte Kindheit verbrachte er damit, alberne Turnübungen auf dem Rücken eines Pferdes zu vollziehen, welches dabei gemäßigten Schrittes an einem Seil befestigt seine Kreise drehte. Danach galt es, die Pferde zu striegeln und die Ställe auszumisten. Jeden Tag dasselbe Spiel und am Wochenende Voltigierturniere. Wer am besten voltigierte, bekam zur Belohnung ein buntes Schleifchen. Irgendwann war sein gesamtes Elternhaus verziert mit lauter bunten Schleifchen. Ich bin sicher, dass Lars auch gern mal auf einen Baum geklettert wäre oder von mir aus auch manchmal Fußball gespielt hätte, wenn er dazu Zeit gehabt hätte; aber er wurde unter Androhung der Enterbung dazu gedrängt, in einer für einen Jungen unwürdigen engen Hose, zusammengepfercht in Trainingsgruppen mit poesiealbenführenden Mädchen, lächerlichste Übungselemente der Sportakrobatik auf einem Pferderücken zu vollziehen. Immer wenn ich Lars nach gemeinsamen Freizeitaktivitäten frug, verwies er traurigen Blickes auf seine Voltigierverpflichtungen. Die geraubte Kindheit konnte auch das Wendy-Abo, das ihm seine Eltern spendierten, nicht gutmachen. Von da an war mir klar, dass das Glück der Erde niemals auf dem Rücken der Pferde liegen könne. Lars und ich haben uns nach der Grundschule aus den Augen verloren. Und wenn er nicht den Reiterhof seiner Mutter übernommen hat, betreibt er heute womöglich erfolgreich einen Pferdewurst-Imbiss oder vielleicht eine Abdeckerei. Letzteres tat übrigens auch sein Großvater.

(*) Name geändert

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32 Gedanken zu „Wendy-Boy“

  1. Auch eine tolle Geschichte. Ich finde Voltigieren an sich nicht schlecht (genauer: geht so ;-)). Aber es gehört zu den Sportarten, und das ist nicht so toll, die ab einem gewissen Alter nur noch als Trainer/in oder gar nicht mehr ausgeübt werden. In der Kombination wie oben beschrieben finde ich das dann wirklich eine verschwendete Kindheit. Lars ist der erste Junge, von dem ich weiß, dass er Voltigieren betrieben hat.
    P.S. Die Fotos habe ich gesehen. Sicher, auf hohem Niveau stellen sich da auch noch Erwachsene in den Sattel, großes Tennis, bzw. Vaulting beim CVI München 2004…

  2. Am besten in meinem Poesiealbum fand ich:

    „Wenn Du einst in vielen Jahren
    wieder blickst auf dieses Blatt,
    Wirst Du Dich wohl kaum erinnern,
    wer dies einst geschrieben hat.“

    Dafür sind Poesiealben da.

  3. Inzwischen ist das Poesiealbum zum Freundebuch geliftet geworden, das nun auch von Jungs ständig weitergereicht wird. Und die dortigen Fragen nach Lieblingssong, -band, -lehrer, -fußballer, -sportart, -fernsehsendung, -kinofilm, -tier, -game, -gericht etc. verhindern ein Vergessenkönnen nach zwanzig Jahren wahrscheinlich…

  4. Ich hasse Pferde. Und zwar abgrundtief. Aus vollstem Herzen. Und noch mehr hasse ich Frauen, die Pferde toll finden. In meiner Klasse gabs auch so eine, die sich ständig Reitstiefel wünschte und damit dann auch mal in die Schule kam. Noch heute mag ich keine Pferdemädchen und selektiere diese als künftige Gesprächspartner sofort aus.

  5. Lieber bosch,
    ich schreibe mich auf’s letzte Blatt,
    weil ich Dich am liebsten hab‘,
    wer Dich lieber hat als ich,
    der schreibe sich dann hinter mich.

  6. Vielen Dank für die schönen Poesiealbumsprüche.

    @noweblog: Immer wenn auf Pferde die Sprache kommt, denke ich an meinen alten Schulfreund Lars – und auf Pferde kommt im Laufe des Lebens ja häufiger mal die Sprache. Ich musste es einfach aufschreiben. Vielleich hilft es ja, das Trauma zu überwinden?

    1. Naja, ich denke, dass Lars vom Voltigieren wahrscheinlich eher kein Trauma davon getragen hat. Warum das für „bosch“ so ein traumatisches Erlebnis ist, obwohl er diesen Sport selber nicht ausgeführt hat, entzieht sich meiner Vorstellungskraft. Vielleicht hat er es ja sogar gerne gemacht. Es gibt auch Jungs, die Pferde mögen und nicht gefühlskalt wie ein Eisberg sind.

  7. ich hatte so eine unglaublich häßliche schrift, dass ich die meisten meiner einträge selbst für ästhetisch unbrauchbar hielt. dann hab ich immer versucht möglichst unauffälig die seiten raus zu operieren und es noch mal zu versuchen. aber im basteln war ich auch sehr schlecht.

  8. Pingback: fourtysomething
  9. Muss ich mir eigentlich Sorgen machen, wenn ich ohne Nachzugucken wußte, was Voltigieren ist?

    Ich habe diesen (im Nachhinein für Jungen wirklich unwürdigen) „Sport“ (?) j aauch mal betreiben dürfen, als mich meine Eltern mit meinem damaligen besten Freund auf einen Reiterhof verfrachteten. Zu meiner Schande muss ich gestehen, dass mir das damals Spaß gemacht hat.

    Tolle Geschichte, die Dir sicher ein paar interessante Google Such Besucher einbringt… Stichwort „Abdecker“ und so ;)

  10. In 36 Jahren Seefahrt hatte ich an Bord einen einzigen Freund, der dieser Sportart ausübte. Jost aus dem Rheinland war ein Pfundskumpel (sein Instrument war übrigens die Geige!).

    Der Bub hat mir in schwerer Zeit sehr geholfen, er war auch der einzige Azubi, der von Opa mit einem Geburtstagsgedicht bedacht wurde (In leicht entschärfter Form sogar in der Reeder Prawda abgedruckt).

  11. He Leute, ihr alten Lästermäuler! Nachdem ich für das alberne Voltigieren zu moppelig wurde, habe ich umgesattelt (im wahrsten Sinne des Wortes) und bin Springreiter geworden. Seitdem hängen die Weiber an mir wie die Kletten. Seit dem letzten CHIO in Aachen bin ich jetzt aber mit der Tochter meines Sponsors liiert. Die war in der vorletzten Runde bei Germany’s Next Top Model, echt ein super scharfes Gerät! Sorry, hab jetzt leider keine Zeit mehr, bin quasi schon auf dem Weg zum Weltcup-Finale nach Kuala Lumpur und muss meinem Pfleger noch die Stiefel zum Polieren rausstellen. Man sieht sich, Euer Lars

  12. In den späten 70ern schrieb ich einer Klassenkameradin namens Claudia B. in Ihr P-Album:

    „Wenn Dich die Flöhe beißen
    und Dir das Hemd zerreißen,
    dann denk an mich.
    Tag und Datum weiß ich nicht,
    und wenn Du mich fragst,
    dann beiß‘ ich Dich!

    Im Original folgt in der dritten Zeile noch ein „Du Affgesicht“, welches ich allerdings entschärfend wegließ… Trotzdem führte dieser Eintrag zu einem Tränenausbruch (nein, sie war nicht gerührt…) bei der zuständigen P-Album-Inhaberin. Die Tatsache, dass der Eintrag in einer Schrift erfolgt war, die mit der vorgeschriebenen Schönschrift nicht viel zu tun hatte und auch noch deutliche Spuren eines Tintenkiller-Einsatzes aufwies, könnte ebenfalls dazu beigetragen haben…

  13. Bosch – du rettest meinen Sonntag…:) Wenn ich das nächste Mal in Hohenlimburg bin, bringe ich mein Poesiealbum mit, bitte, bitte schreib dann was rein!!!

  14. Zum Trost: Auch Mädchen haben unter diesen schrecklichen Büchern gelitten. Bis heute stellen sich mir alle Nackenhaare, wenn ich irgendwo ein Glitterbildchen in rosa Umgebung sehe.

    Was Du allerdings total verkennst: Unter Reitern sind Jungs in der Minderheit, es reiten aber die schönsten Mädels (die auch nicht so tussig sind) und dies ziemlich lange, bevor sie sich für einen Buben interessieren. Ich gebe Dir schriftlich: Wäre Lars an meinem jugendlichen Reiterhof gewesen, ich hätte ihn sofort geheiratet. Er aber nicht mich, weil er als Hahn im Korb die freie Auswahl hatte und sich sicherlich eine Blondere und Reichere ausgesucht hat. Wahrscheinlich läßt sich Lars jetzt die Sonne auf den Bauch scheinen und lacht über die Typen, die dachten, mit einem Fußball könne man einem Mädchen imponieren…

  15. was habt ihr? ich verstehe das nicht ! ICH LIEBE PFERDE ÜBER ALLES !!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!
    ich hasse euch alle ( hab 2 eigene ponys !!!!:D (:nena&skive )

  16. ihr müsst mal bei google unter “ pferde warum wir sie lieben “ nachgucken ! und euch dort dann das video wo “ schnell “ darauf steht anschauen !!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!

    PS: ICH LIEBE PFERDE ÜBER ALLES!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!

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