Utz, Kapitel 3: Schleudertraining


Foto: pulfi

Utz quälte sich sehr. Er fährt nicht gern mit dem Linienbus seit dem Vorfall, damals. Außerdem ist er nicht nur erster Beisitzer im Verein zur Pflege der Schirmmützenkultur Deutschlands e. V., sondern auch überzeugtes ADAC-Mitglied. Zu seinem vorletzten Geburtstag bekam Utz einen Schleuderkurs geschenkt. Seitdem konnte er vom Schleudern nicht mehr lassen. Überall musste er, nachdem er diesen Lehrgang mit Auszeichnung absolvierte, seine Kenntnisse in die Praxis umsetzen: auf engen Einbahnstraßen, einsamen Landstraßen und immer wieder auch auf stark frequentierten Autobahnen. Es war wie eine Sucht. Sobald Utz hinter dem Steuer eines Kraftfahrzeuges saß, musste er das Lenkrad herumreißen und gleichzeitig mit ganzer Kraft die Handbremse ziehen. Der Druck ließ erst von ihm ab, wenn sein Auto um 180 Grad gedreht war.

Der Zwang zum Schleudern beherrschte ihn im Laufe der Zeit immer mehr und irgendwann war das unvermittelte Umdrehen der Fahrtrichtung der einzige Kick in seinem tristen Leben, der ihm noch den Ansatz einer Befriedigung verschaffen konnte. Auch zahlreiche Psycho- und Verhaltenstherapien konnten ihm nicht den Weg in die richtige Richtung weisen. Nach dem letzten Therapeutenstammtisch, bei dem alle Psychotherapeuten der Stadt utzgeschädigt – schleudertraumatisiert und mit Halskrausen bekleidet – resigniert beisammensaßen, war klar, dass es niemanden gibt, der Utz von seinem Schicksal befreien konnte.

Seit der letzten von ihm verursachten Massenkarambolage steckt Utz in seiner bislang düstersten Melancholie. Nicht der vielen Verkehrsopfer wegen bläst er Trübsal, sondern einzig und allein, weil ihm das Schleudern fehlt. Nur stark benebelnde Psychopharmaka machen es ihm möglich, das abscheulichste aller Verkehrsmittel zu benutzen: den öffentlichen Linienbus.

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