Warenwelten #4: Tauben, Fischmarkt und Verbrecher

Zufällig führte mich mein gestriger Weg direktemang über den Fischmarkt. Ich war schon seit vielen Jahren nicht mehr dort; ist dieser Ort doch zu einer Touristenfalle verkommen, die gleich einem schwarzen Loch riesige Mengen an auswärtigen Hamburgbesuchern in sich aufsaugt, und ein paar Stunden später nichts weiter zurücklässt als bergeweise Unrat (ob ein schwarzes Loch neben Gravitationskräften auch die Fähigkeit hat, Touristen in Unrat zu transformieren, vermag ich aus physikalischer Sicht nicht zu beurteilen). Das Wassergetier, dem dieser Markt seinen Namen verdankt, wurde im Laufe der Zeit immer mehr zur Nebensache. Mittlerweile finden sich hier mehr Händler, die versuchen, stumpfe Rasierklingen, leere Batterien, kurzfristig gammelndes Obst und Gemüse sowie neuartige Autopolituren, die nicht nur den Schmutz, sondern sehr zuverlässig auch gleich den Lack des Fahrzeuges mitentfernen, an die von ihrem Reeperbahnbummel übernächtigten Hansestadtbesucher zu bringen. Nur wer ganz genau hinhört, kann irgendwo im Getümmel das vom jahrzehntelangen Marktschreien schon ganz heiser gewordene Rufen von Aale-Dieter hören, der als einer der letzten seiner Zunft noch mit Nachdruck fangfrischen Fisch anpreist.

Plötzlich musste ich stocken, als ich im Winkel meiner noch im Halbschlaf befindlichen Augen einen mir bis dahin unbekannten Marktstand entdeckte. Hier wurde lebendes Geflügel in winzigen Käfigen feilgeboten. Steckte man glückliche Legebatterienhennen in diese nur schuhkartongroßen Käfige, bekämen sie Platzangst. Steckte man andersherum das hier eingesperrte Federtier in eine konventionelle EU-genormte Legebatterie, so fühlte es sich sicher wie ein einsamer Kuhjunge in den endlosen, hügeligen Weiten der Kinowerbung und würde sofort nach Lasso, Pferd und Zigaretten verlangen. Alles, was zwei Beine und Federn hat, wurde an diesem tierfeindlichen Marktstand angeboten – so auch Tauben.

Nun bin ich weißgott kein Freund der Vögel aus der Reihe der Landwirbeltiere und Überklasse der Kiefermäuler, sondern fühle mich vielmehr dem großen österreichischen Satiriker und Sänger Georg Kreisler verbunden, der einst das Lied vom Taubenvergiften komponierte. Auch protestierte ich nicht leserbriefschreibend gegen ein Hamburger Stadtmagazin, das vor einigen Jahren unter Tierfreunden großen Protest hervorrief, da es in einer Titelgeschichte Handlungsanweisungen dazu gab, wie man sich am effektivsten der „Ratten der Lüfte“ entledigt. Auch diesen journalistischen Beitrag begrüßte ich in der Gewissheit, dass Tauben nun einmal unnütz sind: sie machen Lärm, Dreck, und selbst als Briefzusteller sind sie unzuverlässiger als die Flaschenpost. Liebesbriefe liefern sie stets an die falschen Adressaten und den sie sehnsüchtig erwartenden Liebenden bringen sie nichts weiter als Rechnungen, Mahnungen und Post vom Finanzamt. Und doch gelang einer Taube, was ich nicht für möglich gehalten hätte. Sei es nun aufgrund meiner frühzeitig eingesetzten Altersmilde oder vielleicht auch ob ihres Talents zur perfekten Imitation eines rührseligen Dackelblicks: Die Taube erweckte trotz der ihr innewohnenden Zweckfreiheit tatsächlich mein aufrichtiges Mitleid. Das voller Verzweiflung gurrende Vogeltier war nicht nur von Menschenhand gefangen, es wurde niederträchtig seiner Freiheit beraubt. Während das Schicksal des essbaren Getiers längst besiegelt war, und sich dieses bereits mit seiner Zukunft in Bratpfanne oder Backofen abgefunden hatte, hatten die Tauben noch eine allerletzte Chance, wie die Aufschrift ihres Gefängnisses eindeutig vermittelte: „Hier kann jeder eine Taube für 5 € fliegen lassen.“

Um Fassung ringend, aber angesichts des ihr drohenden Geschicks mit Tränen in den Augen flehte die Taube mich gurrend an: „Ich bin eine Taube. Hol mich hier raus.“ Ich war ratlos. An Menschenhandel hatte man sich im Rotlichtmilieu auf St. Pauli längst gewöhnt, aber hier ging es um mehr. Es ging um das Leben eines unschuldigen Tiers. Als ich den Geldschein bereits in der Hand hatte, erinnerte ich mich plötzlich an Altkanzler Helmut Schmidt, der zeitgleich nur wenige hundert Meter Luftline von mir entfernt in einem Hamburger Theater nichtrauchend für den SPD-Spitzenkandidaten Michael Naumann die Wahlkampftrommel rührte. Man darf sich nicht erpressen lassen. Was vor dreißig Jahren während der Regierungszeit Schmidts im Deutschen Herbst galt, muss auch heute in dieser kritischen Situation gelten, dachte ich. Jetzt, nachdem ich alle Härte im Kampf gegen die Taubennapper an den Tag gelegt hatte, hatte auch ich ein kleines Tränchen im Auge und steckte die Fünf-Euro-Banknote wieder ein. Auch wenn mir diese Entscheidung schwerfiel, so bin ich gewiss, richtig gehandelt zu haben. Man darf sich nicht erpressen lassen – und für das Leben einer einzigen Taube das Wohl unserer gesamten Gesellschaft aufs Spiel setzen. Was heute mit der Entführung und Freipressung von Geflügel beginnt, wird dann vielleicht schon morgen ein gängiges Geschäftsmodell für skrupellose Hundefänger oder Entführer von Problem- und Schadbären. Das dürfen wir nicht zulassen.

18 Antworten

  • Hallo Bosch,
    womöglich gehören den Verkäufern die Tauben und sie fliegen nach der Freilassung zurück nach Hause, wo sie dann am nächsten Morgen wieder in den Käfig gesperrt werden und auf dem Markt der Tränendrüsen um ihre Freilassung gurren.

  • @Holger: In der Tat ist davon auszugehen, dass es sich bei dem feilgebotenen Getier um speziell zu diesem Zweck abgerichtetes Brieftaubenmaterial handelt. Meine Tränen sind zwischenzeitlich natürlich getrocknet und die Mali hat mir längst das Zyankali besorgt.

  • Taube schmeckt gut, wenn man sie richtig zubereitet. Für fünf Euro ein exquisites Mittagessen ist durchaus keine schlechte Idee. Natürlich darf man sie genau nicht fliegen lassen.

  • Findig, find ich. Also das mit der Taubenidee. Bläd sans nett, die Abzocker (hätte ja auch fast funktioniert! Nur das der Abzuzockende trotz der Altersmilde noch weniger bläd zu sein scheint ;)…) Und wunderbar erzählt! Was den verkommenen Markt angeht: Im Sommer, so morgens um sechse, ein Käffchen und ab aufs Fischmarktponton….Füsse überm Wasser baumeln lassen und sich fragen, ob es jetzt deshalb oder deshalb schaukelt. In die Sonne gucken und dem Tag „Hallo!“ sagen, bevor man ihn dann doch nur verschläft. Hat schon was, trotz der ganzen Hähndyschalen in grellbunt.

  • Das macht offensichtlich schneller Schule als erwartet! Heute morgen wurden schon Wanderratten auf dem Markt hier in Barmbek angeboten („Wetzen lassen – 8 Cent“). Direkt neben Bonbon Pingel! Die Hälfte der zehn Ratten, die ich freikaufte, lief natürlich schnurstracks ins süße Sortiment.

  • ich kann mich noch an meinen letzten fischmarkt aufenthalt erinnern, halb sechs waren wir da (da gibt es den besten fisch). um das zu schaffen sind wir um 4 uhr in der früh von hannover gestartet! aber der fisch und die krabben waren es wert.

    die selbe entwicklung aller märkte (flohmärkte, trödel) droht auch hier statt hochwertig gebrauchtes, kommt nur neuer ramsch!

    mfg BigBo

  • Hoi-was für nette Beiträge hier-ich bin ein großer taubenfreund und finde es abschäulich in welcher Wortwahl hier über die Tiere geredet wird…Tauben haben keinen Sinn und ähnliches….früher ein Friedenssymbol und jetzt Ratten der Lüfte-
    Vielleicht sollten die Schreiber mal darüber nachdenken daß sie selber sehr unnütz sind auf dieser Erde…

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