Ohne Titel

Wie jeden Tag saß das Mädchen mit dem Akkordeon vor dem Supermarkt auf dem tristen Marktplatz und spielte traurige Weisen. Die meisten Menschen beachten sie gar nicht und ziehen teilnahmslos vorbei, wie auch ich das meistens tue. Nur heute, als ich an der Bushaltestelle wartete, schenkte ich ihr einen flüchtigen Blick und war dankbar, dass sie wenigstens nicht „Besame mucho“ spielte. Gleichzeitig bemerkte ich im Augenwinkel eine Frau, die Andrea G., einer Mitschülerin aus Grundschulzeiten, die mir vor etwa einem Vierteljahrhundert mit voller Wucht und Absicht, aber ohne Grund, gegen das Schienbein trat, zum Verwechseln ähnelte.

Ob des Anblicks setzte unerwartet eine Art Phantomschmerz in meinem Schienbein ein. Unberechtigt war dies, denn der Knochen meines Unterschenkels war sowohl noch vorhanden als auch vollkommen intakt. Dennoch betrat ich grundlos leicht humpelnd den Linienbus. Neben mir saß ein älteres Ehepaar, das mir jedoch noch etwas zu jung für die Worte, welche ich mitzuhören nicht beabsichtigt hatte, erschien. Etwas zu laut sagte die Frau: „Helmut, ich bin froh, dass du deinen Geist wiederhast und wieder mit mehr Mut in den Tag startest.“ Helmut indes blickte ins Leere und machte dazu einen wenig geistreichen Eindruck.

Mir blieb nichts weiter, als meinen Kopfhörer aufzusetzen und zur Zerstreuung Bachs Goldberg-Variationen einzuschalten.

9 Antworten

  • Das Bild erinnert mich an den – vermutlich – rumänischen Akkordeonisten vor meinem Supermarkt, der so unerträglich schief spielt, dass es fast einen Podcast wert wäre. Wenn ich denn podcastete.

  • Weißt du wie das ist, wenn man etwas vorher gar nicht kannte, dann drauf aufmerksam (gemacht) wird – und fortan verfolgt es einen und taucht überall auf? Mir geht es so mit den Goldbergvariationen. Die nehmen wir seit letzter Woche in Musik durch, und dieser Eintrag ist ein weiteres kleines Mosaiksteinchen vom Goldbergvariationenüberall.
    Genauso geht es mir momentan auch noch mit dem Sprichwort: „Mühsam ernährt sich das Eichhörnchen.“

  • Helmut ist wirklich ganz großartig. Das ist richtig toll.
    Vielleicht kann ich eine kleine Geschichte ähnlichen Kalibers erzählen, denn von Goldbergvariationen habe ich keine Ahnung.
    Neulich in Köln: Ein dicker Mann, mit einer Hand auf eine Aluminium-Krücke gestützt sagt zu mir und meinem Begleiter: Morgen ! Wir zurück: Ja, Morgen ! Wir gehen weiter,
    von von vorn kommt ein junger Mensch, der in sein Handy fragt: “ … bist du kaputt?“
    Darauf der Krückenmann: „Ja, kaputt, alles kaputt. Wir müssen umdenken!“

  • Ich habe viele Mädchen und Jungen, die vor ein Supermarket sitzen oder irgendwo, und Musik spielen, um ein Paar Geld zu gewinnen. Manchmal ist das Leben traurig….

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