Buxtehude

Wer in Buxtehude lebt, der hat es auch nicht leicht. Steht der Name dieser niedersächsischen Kleinstadt – genau wie ihr nordrhein-westfälisches Pendant Castrop-Rauxel – als Synonym für die Provinz schlechthin.

Normalerweise muss sich der Buxtehuder in der Fremde anhören: „Ach, die Stadt gibt es wirklich? Ich dachte immer, das sei so etwas wie Bielefeld.“ Wenn es ganz schlimm kommt, wird er gefragt, ob er den Siebziger-Jahre-Schlagerfilm „Tante Trude aus Buxtehude“ mit Rudi Carrell und Ilja Richter kenne.

Etwas in Vergessenheit geraten ist, dass in Buxtehude auch das bekannte Märchen „Der Hase und der Igel“ spielt. Im Gegensatz zum vermeintlich schnellen Igel kann ich allerdings nur sagen: „Ich bin schon wieder weg!“


Obwohl Buxtehude relativ idyllisch ist, habe ich hier im Bilde die etwas tristeren Seiten eingefangen.

Provinz

Stets versuche ich, meine kleinstädtische Herkunft so gut es geht zu verbergen. Nicht nur, dass Gedanken an Kleinstädte in mir Beklemmungen auslösen, kratzen sie auch noch an meinem über Jahre mühsam aufgebautem Hanseatenimage. Dabei stammen die meisten Menschen, die ich kenne, leben sie nun heute in Berlin, Hamburg oder München, aus irgendeiner Art von Provinz. Gedanklich jedoch haben alle die Kleinstadt längst hinter sich gelassen. Auch ich kann nach einem halben Leben in der Urbanität sagen: Verdrängung findet statt, Verdrängung hilft, Verdrängung ist gut.

Manchmal ist es unvermeidbar und gewisse Umstände ziehen mich aufs Land. Das einzige, was noch schlimmer ist als Kleinstädte, sind Dörfer. An jeder Ecke riecht es verdächtig nach einer Mischung aus Schützenverein, freiwilliger Feuerwehr und Dung. Nach 18 Uhr kann man kein Bier mehr kaufen und schnelle Internetleitungen sind Mangelware. Kreuzen Bürgermeister, Pfarrer oder Landarzt den Weg, zieht man seinen Hut; das gehört sich so. Fremde werden mit Argwohn beäugt, sogenannte Fremdenzimmer indes sind in großen Mengen verfügbar. Natürlich sind alle Fremdenzimmer frei, wie es die Schilder in den unser-Dorf-soll-schöner-werden-Wettbewerbs-gepflegten Vorgärten verheißen, denn niemand will in einem Dorf seinen Urlaub verbringen. Abends trifft man sich bei Bier und Korn im Dorfkrug und morgens um fünf kräht der Hahn: tagein, tagaus. Bis auf den Tag, an dem Schützenfest ist – dann hängen überall bunte Wimpel und es gibt Blasmusik.

Ich muss in die Stadt. Sofort.


Weitere Fotos aus der Provinz gibt es hier.

Nach dem Sturm

Regenschirme nach Sturm
Regenschirme nach dem Sturm


 

Don’t know why
There’s no sun up in the sky
Stormy weather
(Harold Arlen)

Stürmisch war es heute wieder einmal in der Freien und Hansestadt Hamburg. Eine Abwrackprämie für Regenschirme hätte heute ohne weiteres das längst ausgestorbene Handwerk des Schirmmachers zu neuem Leben erwecken können. Wäre der Strum ein paar Tage früher gekommen und ein paar Stärken heftiger ausgefallen, er hätte möglicherweise sogar die mittlerweile insolvente Kaufhauskette Karstadt retten können.

Dafür ist es nun zu spät. Das Handwerk des Schirmmachers gibt es längst nicht mehr; müsste ich heute einen neuen Schirm kaufen, ich ginge zu Karstadt. Alle meine Regenschirme habe ich in einer Filiale dieses Warenhauses erworben. Eigentlich habe ich nie etwas anderes bei Karstadt gekauft als Regenschirme. Ich weiß, das war zu wenig, um dieses Unternehmen am Leben zu halten; aber die meisten Dinge, die es dort gibt, brauche ich einfach nicht: Kurzwaren, Teppichklopfer, Modeschmuck und Lampenschirme. Aber einen neuen Regenschirm brauche ich ab und zu – schließlich halten sie nicht allzu lange dem Hamburger Wetter stand.

Karstadt geht, das stürmische Wetter in Hamburg bleibt. Falls ich mal Kinder und Enkelkinder haben sollte – ich weiß nicht, wo sie ihre Regenschirme kaufen sollen. Mein Regenschirm hat den heutigen Sturm überlebt. Trotzdem werde ich gleich morgen einen neuen auf Vorrat kaufen.