Blues

“Und Sie haben also den Blues?”, fragt mich der krawattetragende Mann mit dem fränkischen Akzent, den ich noch nie zuvor gesehen habe. “Ja”, hätte ich antworten können – aber das wäre zu einfach gewesen. Es ist weniger der archaisch stampfende Blues der am Missisippi-Delta schwitzenden Baumwollpflücker, sondern eher der feinsinnigere Jazzblues Charlie Parkers: harmonisch angereichert und mit verschobenem Grundton, denke ich. Ich will die Komplexität des Lebens nicht in dieses Gespräch einbringen, kneife die Augen etwas zusammen und erwidere: “Ja, das kann man so sagen.”

Jochen Distelmeyer — Heavy (Update: Jetzt mit Verlosung!)

Verlose drei Expemplare der neuen CD von Jochen Distelmeyer

Das erste Solo-Album von Jochen Distelmeyer: "Heavy"

Selten sind diese Ereignisse für mich geworden. Noch zwei bis drei Mal im Jahr suche ich an einem Freitag gezielt den Tonträgerfachhändler meines Vertrauens auf, um eine langersehnte Neuerscheinung frisch aus der Presse zu erwerben. Heute hätte so ein Tag werden können — seit Wochen steht er in meinem Kalender. Ein zweitklassiger Plattenladen hat mich allerdings um dieses Erlebnis gebracht, denn bei ihm stand “Heavy”, die neue Platte von Jochen Distelmeyer, bereits gestern in den Regalen. Ich konnte nicht widerstehen; kurzerhand habe ich meine Vorfreude auf das Album um einen Tag verkürzt.

Live brachte “der Blumfeld-Sänger”, wie er auf dem auf der Platte befindlichen Aufkleber bezeichnet wird, seine neuen Lieder bereits vor ein paar Wochen in Hamburg zu Gehör –  und das war gut. Da man Musik besser anhören sollte, anstatt viele Worte über sie zu verlieren, von mir an dieser Stelle nur dies: Das Warten hat sich gelohnt.

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Nachtrag 28.09.2009: Wer sich selbst überzeugen möchte, kann hier etwas Feines gewinnen. Dank eines netten Kontaktes zu Jochen Distelmeyers Promotion-Agentur verlose ich unter meinen Lesern

  • 1 Album “Heavy”
  • 3 Singles “Lass uns Liebe sein”
  • 1 EP “Lass uns Liebe sein” (auf Vinyl)
  • 1 Poster

Wenn Du dabei sein möchtest, hinterlasse bitte bis Freitag, den 2. Oktober 2009 einen Kommentar unter diesem Beitrag.

Starsucks

Filiale der Kaffeekette Starbucks in der Kümmelstr. 2-8, Hamburg

Filiale der Kaffeekette Starbucks in der Kümmelstr. 2-8, Hamburg

Ich habe gespielt und verloren. Jetzt weiß ich, wie sich die wahren Opfer der Finanzkrise fühlen; all die Rentnerinnen, die ihr letztes Erspartes in Lehmann-Zertifikate investiert haben, und jetzt vor einer der vielen Suppenküchen in den Randbezirken der Großstädte Schlange stehen, um wenigstens noch eine warme Mahlzeit zu erhaschen. Auch wenn es sich bei meinem Einsatz nur um drei Euro handelte  – so tut es doch weh. 100 Mal ist es gut gegangen, das 101 Mal bin ich gescheitert.

Mein letztes Silbergeld, das bei jedem Schritt wohlig in meiner Hosentasche klimperte, habe ich verspielt. Auch wenn ich hätte wissen müssen, dass es irgendwann einmal schief gehen kann, so habe ich darauf spekuliert, dass alles funktioniert. Und dennoch fühle ich mich als Opfer eines internationalen Großkonzerns. Die Gewinnchancen standen schließlich gut; es war eigentlich eine sichere Sache. Trotzdem bin ich durch einen dummen Zufall in der weltweit wohl einzigen von über 14.400 Starbucks-Filialen ohne W-Lan gelandet. Selten wurde mir so übel mitgespielt, selten war ich so abgetrennt vom Rest der Welt.

Wenn es dort wenigstens Kaffee gäbe. Aber alles, was ich für meine drei Euro erhielt, schmeckte nicht besser als ein aufgekochtes Lehmann-Zertifikat. Ein Starbucks ohne W-Lan ist wie ein Café ohne Kaffee.

Museum der Dinge

Eine Auswahl der Dinge.

Eine Auswahl der Dinge.

Vier Euro Eintritt zahlen, um Kram zu sehen, den man schon einmal irgendwo gesehen – zu einem großen Teil sogar selbst besessen und längst entsorgt – hat? Ja, unbedingt.

Das Werkbundarchiv – Museum der Dinge zeigt Sachkultur, die von der Massenproduktion des 20. und 21. Jahrhunderts geprägt ist. Seit den 70er Jahren werden hier “designhistorisch bedeutsame Gegenstände zur Dokumentation des von der Warenkultur geprägten Alltags” gesammelt. Hier finden sich Mundharmonikas, die einen Goldfisch darstellen, genau so selbstverständlich wie historische Apple-Computer, aber auch Blechgeschirr und Stilikonen des Radiodesigns aus dem Hause Braun sowie ein Hochfrequenz-Strahlapparat.

Neben den wunderbar skurrilen Zerstörungsmaschinen, mit Hilfe derer man mitgebrachte Gegenstände auf Knopfdruck vernichten kann, ist vor allem auch die Sonderausstellung “Böse Dinge – eine Enzyklopädie des Ungeschmacks” (noch bis zum 11. Januar 2010) beachtenswert. Gezeigt werden Geschmacksverirrungen aus den Kategorien “Materialfehler”, “Konstruktionsfehler”, “Dekorfehler” und “Kitsch” der letzten hundert Jahre: vom aufblasbaren Munch-Schrei über eine Regentonne aus Hinkelsteinimitat bis hin zum Handyhalter in Skelettform findet sich hier alles, wovon der leidenschaftliche Produktdesigner Albträume bekommt.

Wer sich in Kreuzberg aufhält und designinteressiert ist, sollte sich diesen Gegenentwurf zum Manufactum-Katalog nicht entgehen lassen: Es is toll, toll, toll. Wer gar ein böses Ding mitbringt und es dem Museum überlässt, dem wird freier Eintritt gewährt.

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Werkbundarchiv – Museum der Dinge
Oranienstraße 25
10099 Berlin
Homepage: museumderdinge.de

Artikel aus dem Tagesspiegel vom 20.07.2009: “Kitsch von gestern und heute”

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Hochmotorisiertes Friedenau

Komm’ mit nach Friedenau, da ist der Himmel blau,
da tanzt der Ziegenbock mit seiner Frau Galopp,
da lacht der lieben Kuh der Ochs’ so freundlich zu.
Komm’ mit nach Friedenau, da ist der Himmel blau.

(“Friedenauer Nationalhymne”, Verfasser unbekannt)

Kurt Tucholsky lebte in diesem Stadtteil und auch die Kommune 1 war hier ansässig. Geht man allerdings heute durch Friedenau, so liegt der Duft der gutbürgerlichen Küche in der Berliner Luft, Luft, Luft – und nicht selten sieht man adrett frisierte Pudel, die offenbar denselben Friseur besuchen wie ihr Frauchen. Als die Brüder Grimm die Adjektive “gediegen” und “beschaulich” in ihr Wörterbuch einfügten, hatten sie vermutlich genau dieses Friedenau vor Augen. Gilt für die Bundeshauptstadt im Ganzen “arm, aber sexy”, so gilt für dieses Viertel “verschlafen, aber sympathisch”.

Doch der Schein trügt. Die wahre Leidenschaft der Bewohner Friedenaus liegt im Verborgenen: vor nahezu jedem der eleganten Stadthäuser steht so ein Ding unter einer Plane. Weiterlesen