Immer wieder Saal II

Eigentlich habe ich diesen Text nur geschrieben, um einmal den radialen Weichzeichner ausprobieren zu können.

Am liebsten sitze ich am großer Fenster mit Blick auf das Schulterblatt. Rundherum hat sich in den letzten Jahren vieles verändert: früher trafen hier Altona, Eimsbüttel und St. Pauli aufeinander — heute ist das Schanzenviertel ein eigener Stadtteil mit breitem Bürgersteig. Schon als Kind habe ich hier zusammen mit meiner Lieblingstante, die ganz in der Nähe wohnte, beim türkischen Gemüsehändler Fladenbrot gekauft. Meinen Opa begleitete ich bei nahezu jedem Hamburgbesuch zu 1000 Töpfe, einem Gemischtwarenladen, der sich damals noch in den Räumlichkeiten der nun besetzten Roten Flora befand.

In den Räumlichkeiten des Gemüsehändlers befindet sich heute eine schicke Bar, in die abends aufgebrezelte Möchtegerneppendorferinnen einkehren, und 1000 Töpfe hat sich längst aus dem Schanzenviertel zurückgezogen. Auch das Antiquariat mit dem unfreundlichen Besitzer, den altmodischen Herrenfriseur und den unaufgeräumten Taschenladen gibt es hier längst nicht mehr. Kleine Gewerbetreibende können die steigenden Mieten im Viertel nicht mehr bezahlen und ziehen sich zunehmend zurück; internationale agierende Sportartikelhersteller und Burgerbrätereien kommen.

Ich will nicht das Klagelied der Gentrifizierung singen; schließlich ist all das weitestgehend bekannt. Ich bin ich selbst kein Schanzenureinwohner und kann auch gar nicht singen. Das zunehmend ballermannesque Flair an lauen Sommerabenden befremdet jedoch auch mich. Hin und wieder beschleicht mich der Gedanke, dass man diesen ehemals charmanten Stadtteil durchaus sprengen könnte, ohne dass ich danach etwas vermissen würde — wenn man einmal vom Saal II und dem Café unter den Linden absieht.

So sitze ich auch heute, an einem regnerischen Sonntagnachmittag, im Saal II und blicke aus dem Fenster. Ob man am Tresen bestellen müsse, ob die Bedienung an den Tisch komme, fragt mich das Mädchen, das sich zu mir an den Tisch gesetzt hat. „In den letzten 15 Jahren* ist immer jemand an den Tisch gekommen“, antworte ich und merke, dass auch an mir die Zeit nicht spurlos vorübergegangen ist: Mit wem ich hier schon alles gesessen habe, über was ich hier schon alles gesprochen habe, was ich hier schon alles getrunken habe ... Auch wenn sich rundherum alles verändert, in den Saal komme ich immer wieder gern zurück.

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* (fast) 15 Jahre (kann es auf den Tag genau nicht sagen, aber es muss seit Mitte der 90er gewesen sein), und abends muss man natürlich am Tresen bestellen.

18 Antworten

  • An Tagen, an denen es so früh dunkel wird und wir Musik von William Fitzsimmons hören, mögen wir die Heimeligkeit, die unsere selektiven Erinnerung hervorruft, während wir uns fragen, ob das Mädchen, das nach zwei Tagen wieder fuhr, wirklich nicht in uns verliebt war.
    Ich mochte an Hamburg nicht, dass vieles wie in in Stein gemeißelt schien. Alles hatte sich gefunden, alles funktioniert, alles ist an seinem Ort. Da ist es doch schön, wenn sich mal was bewegt. Ob es nun ausgerechnet besser wäre, wenn es 1000 Töpfe noch gäbe, oder den unfreundlichen Antiquitätenhändler? Ich weiß es nicht. Den Reiz, den dieser Gedanke verursacht, kann ich aber gut nachvollziehen.

  • @rokr: Es war zumindest nicht schlechter, als zumindest das Schanzenviertel noch frei von Adidas-Flagship-Stores und McDonald’s-Filialen war. Mädchen wiederum kommen und gehen. Der Saal II bleibt.

  • In Ansaetzen ist es vielleicht mit dem Hackeschen Markt hier in Berlin zu vergleichen.
    Ich entsinne mich gern der Zeit, als es sich nicht chiqute, die Cafe`s in diesem Viertel zu besuchen. Es sei denn, man gehoerte einer Randgruppe an – Studenten oder Bohemien kluengelten ihr dasein in den grauen Strassen. Keiner wollte zu jener Zeit den „Hacken Markt“ kaufen.
    Nun, einige Jahre spaeter ist der Charme verflogen und es reihen sich Branded names an branded names, Werbe- und Modelagenturen aneinander. Man tuencht kein Kruemelkuchen mehr in seinen Kaffee sondern Backware von „Butter Lindner“ …

  • @Pierro: Na ja, das Schanzenviertel ist mehr wie Kreuzberg, in dem sich allerdings McDonald’s erfolgreich weigert aufzugeben, weil es immer noch genug Leute gibt, die dort Burger essen. Nun kommen bald auch H&M und Starbucks. Bis zu Butter Lindner dauert es sicher noch eine Weile.

  • mcdonalds bashing ist mir zu stumpf in ein stadtteil wo alle nike, adidas und hundm tragen und alle kneipen coca-cola, nestle und becks verkaufen.

    die konzerne sind seit 20 jahren im stadtteil aber jetzt gibts ein fastfood laden und alle regen sich auf einmal auf…

    m.

  • Ein bischen platt der ‚Möchtegerneppendorferin‘-Hinweis. Der Mensch ist nicht Stadtteil. So banal ist die Welt dann Gott sei Dank doch nicht.

    So gut ich deine Eindrücke nachempfinden kann: wir landen leider alle früher oder später in der Glorifizierungsfalle.

  • @Spanier und @Daniela: Natürlich mache ich es mir einfach. Denn dies ist nicht irgendein Befindlichkeitsblog, dies ist mein Befindlichkeitsblog.

    Man kann sich nun natürlich an einzelnen Worten aufhängen, die einem als nicht passend erscheinen mögen. Grundsätzlich jedoch gebe ich hier meine Beobachtungen des letzten 15 Jahre wieder. Nennt es von mir aus das Tappen in die Glorifizierungsfalle; aber was ist schlecht daran, ein altes Musik- und Theaterantiquariat einem Designerbrillenladen, in dem es Gestelle ab 250 Euro aufwärts gibt, vorzuziehen?

    Niemand kann ernsthaft die Augen davor verschließen, dass es den Stadtteil verändert, wenn ein jahrelang existierender Gemüsehöker, der mit Margen im geringen einstelligen Bereich operiert, plötzlich verschwindet, weil sein gewerblicher Mietvertrag ausläuft, und es sein Geschäftsmodell esnicht hergibt, plötzlich ein Vielfaches der bisherigen Mietkosten aufzubringen. Ob man es nun als einen Gewinn für die Vielfalt bewertet, wenn dort eine weitere Bar eröffnet, die goldenes Bier aus durchsichtigen Flaschen für 3,50 Euro verkauft, mag jeder für sich bewerten.

    Ich kann Menschen, die bereits viele Jahre am Schulterblatt oder in der Susannenstraße leben, verstehen, wenn sie genervt davon sind, dass der Gemüsehändler weg ist, und sie an lauen Sommerabenden plötzlich täglich ballermannähnliche Zustände vorfinden. Natürlich gibt es auch erfreulichere Entwicklungen in der Schanze, z. B. im Haus 73 (wenngleich auch nicht unbedingt samstagabends). Dort finden auch unter der Woche zahlreiche Konzerte, Lesungen sowie ein junges Theaterfestival statt. Viele Dinge, die man eigentlich von der Roten Flora, deren Aktivisten sich eher abgeschottet haben, und wenn meist durch Krawall auffallen, erwarten würde.

    Sei’s drum. Die Veränderung ist nicht aufzuhalten: H&M und Starbucks kommen – und irgendwann wird es hier, wenn auch nicht wie in der Mönckbergstraße, so doch aber aussehen wie in allen erfolgreich gentrifizierten Stadtteilen. Und falls sich in 15 Jahren eine Escada-Boutique in den Räumlichkeiten befindet, wo heute überteuerte Biermixtetränke an aufgebrezelte Mädchen ausgeschenkt werden, wird es ihnen vielleicht ähnlich gehen wie mir, und sie werden mit einem leichten Wehmut auf die alten Zeiten in ihrer damaligen Lieblingsbar mit den leckeren Biermixgetränken zurückblicken.

    Auch wenn ich meine Texte normalerweise nicht weiter erkläre; für Euch tu ich es gern: der obigen Beitrag beschreibt meine Stimmung an einem verregneten Sonntagnachmittag. Mir geht es wie vielen anderen Menschen auch: rundherum verändert sich alles – manches zum Guten, manches zum Schlechten. Da ist es doch eigentlich ganz schön, wenn ein bis zwei Läden, in denen man sich wohlfühlt, bleiben, wie sie immer waren. Nicht mehr, aber auch nicht weniger.

  • Bis auf den einen Punkt stimme ich dir absolut zu.

    Ich finde es schade – also mein persönlicher Befindlichkeitskommentar – wenn man als Mensch aufgrund seiner Herkunft, Lebensweise, seines Wohnviertels etc. stigmatisiert wird. Nicht mehr, aber auch nicht weniger.

  • Daniela: es macht aber Spaß und du glaubst gar nicht wie Hamburger darauf abfahren, sagen zu können, dass sie in Eppendorf wohnen. Na, erwischt? :-)

  • „Nach Osdorf nimm immer einen Knüppel mit“, hat mein Opa immer gesagt.

    (soweit zum stadtteilweise Abgrenzen in einer Großstadt. Ein Service für alle Zugezogenen @hhilove ;) – mein Opa war übrigens Nienstedtner, also Altonaer, dann Hamburger. Seine Mutter war noch Untertanin des dänischen Königshauses)

  • @Daniela: Da es sich hier nicht nur um ein Befindlichkeitsblog, sondern zuweilen auch um ein Literaturprodukt handelt, erlaube ich mir, hin und wieder auf das Stilmittel des Klischees zurückzugreifen.

    Künftig werde ich schreiben: „Attraktive junge Damen, deren Wohnsitz ihrem äußeren Anschein auch gut einem der vornehmeren Viertel der Hansestadt zuzordnen sein könnte, deren falsche Perlenohrringe allerdings darauf hinweisen, dass sie sich dies (noch) nicht leisten können, okkupieren in Horden bevorzugt stylisch gedimmte Bars, in denen Cocktails zu Preisen gereicht werden, die selbst echten Eppendorfern übel aufstoßen dürften. Das ist nicht weiter schlimm, sondern eine gute Schule für das weitere Leben. So lernen sie, gelangweilt mit einem Drink in der Ecke herumzustehen, ohne sich dafür ein teures Cocktailkleidchen anschaffen zu müssen.“

    Das wäre dann allerdings etwas zu lang für meinen Geschmack. Ich möchte noch einmal ausdrücklich betonen, dass ich hier niemanden – weder echte noch falsche Eppendorferinnen – aufgrund ihrer bewusst gewählten oder zufälligen Herkunft stigmatisieren möchte. Denn in Wirklichkeit haben sie in meinem latent vorhandenen Gutmenschenherzen alle ihren festen Platz.

  • …ich mische mich mal ein….

    als alteingesessener altonaer habe ich natürlich keinerlei berührungsängste. ich unterhalte mich gerne mit menschen aus eppendorf…….

    ich mag sie sogar,,,,,die eppendorfer/innen….diese kleinen, putzigen menschen, die mir zu gerne erzählen, daß altona ja schon immer ein arbeiterviertel war und daß in eppendorf ja soviele kreative leben.

    ich sag`JA zu eppendorf!

    in diesem sinne

    GLÜCK AUF!

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