Was vom Winter übrig bleibt

Eisig und weiß liegt die Flur,
es wird Nacht und es schweigt die Natur,
ein Anblick so vertraut,
noch einmal und es taut
der Schnee

(Blumfeld)

Hamburg: 4 Grad. Zehn Tage war ich nicht in der Stadt. Es ist nun wahrlich nicht so, dass plötzlich der Frühling ausgebrochen wäre, aber es taut doch merklich. Noch immer muss man Obacht geben, nicht auszurutschen. Wer jetzt hinfällt, wird unangenehm nass — da ist ein blauer Fleck noch das kleinere Übel.

In Berlin habe ich unter der Dusche immer Radio gehört. Radio höre ich sonst nie. Man hört dort Musik, die man gar nicht hören will, und erfährt dort Dinge, die man gar nicht wissen will. Vorgestern habe ich erfahren, dass jemand das Gewicht des in der Hauptstadt liegenden Schnees in Elefanten umgerechnet hat — um sich das besser vorstellen zu können: vier Milliarden Elefanten (vielleicht waren es auch nur vier Millionen). Eine tolle Einheit ist das, jetzt kann ich mir alles viel gleich viel besser vorstellen und frage mich, warum die Schneemenge nicht in Fußballfelder umgerechnet wurde. Wo doch sonst immer alles in Fußballfelder umgerechnet wird. Aber auch in Berlin wird der Schnee irgendwann schmelzen und ich bin gespannt, in welche Einheit man dann die dabei freigesetzte Menge an Flüssigkeit umrechnen wird. Milchseen oder Champagner-Doppel-Magnum-Flaschen wären eine probate Maßeinheit. Fußballfelder sind doch zu zweidimensional; schade eigentlich.

In Hamburg höre ich kein Radio unter der Dusche. Hier hat sich nichts verändert. Das Sofa im Café steht noch immer im Keller. Der Schnee schmilzt.

Winter und so

Glätte, auf Straßen und Trottoirs, überall glattes Eis: Das Gleichgewicht halten, ausrutschen, taumeln, sich schließlich doch noch ganz knapp, gerade so irgendwie auf den Beinen halten. Hundermal geht es gut, jedenfalls wenn man nicht seine Hände — sei es aus Lässigkeit oder Schutz vor der Kälte — in den Jackentaschen vergräbt. Man muss schon ein bißchen mit den Armen rudern können und dabei naturgemäß albern aussehen, um sich auf den Beinen halten. Das ist der Preis, den man zu zahlen bereit sein muss. Beim hundertersten Mal fällt man schließlich doch. Manchmal bricht man sich die Knochen, meistens aber nicht. Zwei Monate geht das nun schon so — und während wir uns anfangs noch gefragt haben, wo die vielbeschworene Klimaerwärmung bleibt, wenn man sie braucht, werden wir uns schon bald an die Ewigwinterigkeit gewöhnt haben.

All das Adrenalin, das dabei unsere Körper durchflossen hat. So etwas erbleben wir sonst in einer Dekade nicht. Das Herz rast und wir sind plötzlich ganz wach, obwohl wir uns noch Minuten zuvor beklagten, wie müde uns die ganztätige Dunkelheit zu machen pflegt. Falls dieser Winter eines Tages dann doch vorbei sein sollte, werden wir alle Bungeejumper, Cliffdiver oder Houserunner, weil wir einfach süchtig geworden sind nach dem Adrenalinkick und ihn immer und immer wieder erleben wollen …