Postvergnügen

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„… dort oben ist die Behörde in ihrer unentwirrbaren Größe —
ich glaubte annähernde Vorstellungen von ihr zu haben,
ehe ich hierherkam, wie kindlich war das alles …“
(Franz Kafka, Das Schloss)

Kapitel 1: In meinem Briefkasten liegt eine Benachrichtigungskarte der Deutschen Post. Warum die Büchersendung — wie ansonsten üblich — nicht einfach bei einem der ganztägig anwesenden Nachbarn abgegeben oder auf den Briefkasten gestellt wurde, bleibt unergründlich.

Ich wundere mich zudem, dass die Sendung in einem Postamt zur Abholung bereitgelegt wird, zu dem mich der Weg einmal durch die halbe Stadt führt.

Kapitel 2: Es ist kalt und regnet. Trotzdem nehme ich den Weg in die Hellbrookstraße auf mich. Dieser nimmt mit öffentlichen Verkehrsmitteln gut eine halbe Stunde in Anspruch. Hier angekommen, wird mir nach 10 minütiger Wartezeit beschieden, dass das Päckchen, von dessen Inhalt ich zum jetzigen Zeitpunkt noch nichts ahne, nicht bereitliegt. „Wir würden sie doch nicht durch die halbe Stadt schicken“, sagt die Frau hinter dem Schalter. Noch bevor ich den Halbsatz „Doch, das würden sie …“ herausbringe, teilt die Postfrau mit, dass meine Sendung in der für meine Straße zuständigen Filiale Überseering bereitliege.

Kapitel 3: Es ist noch immer kalt, der Regen hat zugenommen. Die Fahrt in die Filiale Überseering dauert eine weitere halbe Stunde. Auch hier Wartezeit, dann die Ernüchterung: Das Päckchen liegt nicht vor. Man stempelt meine Benachrichtigungskarte, bringt den Vermerk „Sendung liegt nicht vor“ an, kopiert sie und nimmt meine Telefonnummer auf. „Normalerweise rufen die Kollegen immer an, ob die Sendung auch vorliegt. Wir würden sie schließlich nicht umsonst in ein andere Filiale schicken.“ Noch bevor ich den Halbsatz „Doch, das würden sie …“ herausbringe, verweist mich die Dame an den Leiter der Zustellung. Da könne ich noch einmal „mein Glück“, wie sie es auszudrücken pflegte, versuchen.

Kapitel 4: Ich nehme den Weg in das Innere eines Gebäudes auf mich, das ich, handelte es sich hier nicht um ein börsennotiertes Unternehmen, durchaus als Verwaltungstrakt bezeichnen würde. Der Leiter der Zustellung nimmt meine Benachrichtugskarte entgegen und verschwindet mit dieser für eine Viertelstunde in einem Hinterzimmer. An seiner Tür klebt ein nicht nur gelbes, sondern auch vergilbtes Plakat: Auf diesem preist eine gelbe Hand mit Sonnenbrille namens Rolf, die einst für die Einführung der fünfstelligen Postleitzahlen warb, eine sogenannte Service-Hotline an. Jeder Anruf kostet 12 Pfennig (!). Ob die Führungskraft der Zustellung hinter dieser Tür nach meinem Paket sucht oder einen Kaffee trinkt, bleibt mir verborgen. Meine Büchersendung ist auch hier nicht aufzufinden. Auch der Mann mit dem Plakat an der Tür nimmt meine Telefonnummer auf. Sicher ist sicher, denke ich, überlege aber trotzdem, wo ich jetzt 12 Pfennig herbekommen solle, falls auch er mein Frachtgut nicht auffindet.

Kapitel 5: Am nächsten Tag um 7.30 Uhr werde ich von einem Anrufer geweckt. Ich höre das Klingeln zu spät. Da aber die Rufnummer hinterlassen wird, rufe ich umgehend zurück. Meine Gesprächspartnerin von der Post weiß aber leider nicht, worum es geht. Nach etwa fünf Minuten der Ratlosigkeit teilt sie mir mit, dass ich meine Büchersendung in der Filiale Grasweg abholen könne.

Kapitel 6: Nachdem mich die Abholung dieser Büchersendung insgesamt über zwei Stunden meiner kostbaren Lebenszeit gekostet hat, stelle ich ernüchtert fest, dass es sich bei dem Buch lediglich um ein Belegexemplar eines Seniorenratgebers handelt, in dem ein Foto von mir abgedruckt ist. Hätte ich das vorher gewusste, dann hätte ich mich nie auf diese beschwerliche Jagd gemacht — und stattdessen etwas Kafka gelesen.

12 Antworten

  • Ja, genau dafür lieben wir unsere Post! Die kommen auch nicht auf die Idee, die Sendung erneut zuzustellen, wie es sämtliche Mitbewerber tun, nein das geht ja gar nicht. Meine Konsequenz, ich versende so weit möglich nichts mehr mit der Post, hilft aber auch nichts …

  • Herr Bosch, für solche Themen habe ich einmal ein Blog begonnen: „Postprivatisierung“ …

    Sie meinen Sie hätten statt der Odysee durch die blühenden Postämter lieber Kafka gelesen? Ich meine, Sie sind eventuell Opfer einer Übernahme der „Post“ durch Russische Emigranten, Deutsch-Russen oder ähnliche Landsleute geworden, da mir Mitglieder dieser Ethnien immer wieder darlegten, sie seien auf der Welt um Kafka zu realisieren /em> ;=)

    PS: das o.g. Blog ist zwar inhaltlich ok, formal aber nicht, bitte nicht beckmessern ;=)

  • Moin Bosch,

    ich bekomme meine Sachen auch immer zum Überseering – der ganze Gebäudekomplex (nicht nur die Postfiliale) erinnert mich immer an ein Regierungsgebäude einer unbedeutenden Sowjetrepublik, in dem es nach alten Leuten und Asbest riecht.

  • Ich lach mich kaputt!

    Mir gings ähnich.
    Da ich nicht wußte von wem meine Postsendung ist bin zum Postamt gefahren. Musste dort nur die lächerliche Gebühr von 1,40 bezahlen, um meine eigene Postkarte im Empfang zu nehmen, deren Einsendeschluß für ein Gewinnspiel an dem Tag lag. Angeblich zu wenig Porto drauf. Der Bus und meine Fahrtzeit war kostbarer. Der Gewinn hieß dann für mich: „Nicht mehr an Preisausschreiben teilzunehmen, denn es kann teuer werden!“

  • UPS ist noch schlimmer. Die schicken einen nach drei vergeblichen Zustellversuchen irgendwo runter nach Billbrook, direkt in die Vorstraßen zur Hölle, wo keinerlei öffentliche Fernverkehrsmittel mehr ankommen.

  • Das Photo ist wirklich sehenswert – und dieser Artikel lesenswert. Ohne die unsägliche Tölpelei der Post wären Dir zwar zwei Stunden mehr zum Kafkalesen geblieben, aber mir wäre ein ebenfalls sehr lesenswerter Artikel entgangen, und das Photo hätte ich auch nie gefunden. So hat fast alles sein Gutes.

  • Großartige Geschichte, die sich hinter diesem fotografisch aufgenommenen Dokument verbirgt. Ich stand auch einmal mit meinem Abholschein am Schalter und die Sendung war nicht da. Die Post nahm meine Telefonnummer auf. Die Antwort zwei Wochen später auf einer Karte: „Wir haben die Sendung leider nicht auffinden können. Wir bitten, dass Sie weiterhin Vertrauen in unser Unternehmen haben.“ Ein halbes Jahr später tauchte das Päckchen, in dem sich das Geburtstagsgeschenk einer Freundin befand, bei dieser Freundin wieder auf.

  • LOL. Aber wir hatten alle unseren Spaß beim Lesen der Geschichte. Also war es doch nicht nur vergeudete Lebenszeit :-)

  • lieber bosch,
    dein blog ist wunderbar lustig. die nutzlosen schönschreibübungen in knalligen farben, mal verschnörkelt, mal in arial sind ein genuss.
    die geschichte mit der post weckt wahrscheinlich bei den meisten die erinnerung an skurile erfahrungen mit eben dieser. zur ähnlichen komik neigt übrigens die deutsche bahn…
    ich freu mich deinen blog gefunden zu haben und werde nun fleissiger leser sein.
    viele grüsse
    mi

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