Destruktive Filter in der digitalen Fotografie

Aufgenommen mit instagr.am
Aufgenommen mit instagr.am

Fast jeder hat heute ständig eine Kamera in seinem Mobiltelefon dabei. Wir produzieren so viele Bilder wie keine Generation zuvor, aber sie werden nicht besser. Ich möchte hier nicht von gestalterischen Aspekten, sondern von ganz einfachen technischen, reden. Die digitale Technik ist in den letzten Jahren beachtlich vorangekommen: mit modernen Kameras können wir heute bei fast vollständiger Dunkelheit nahezu rauschfreie, scharfe Fotos aufnehmen – und das ganz ohne Blitz oder Stativ. Und trotzdem werden unsere Bilder immer schlechter. Selbst mit den winzigen Sensoren moderner Mobiltelefone können heute bei guten Lichtbedingungen ordentliche Ergebnisse erzielt werden.

Jedoch verschlechtern wir unsere Fotos mit voller Absicht: Zwar möchten wir einerseits möglichst viele Momente unseres Lebens im Bild, welches möglichst sofort in all unseren sozialen Netzwerken verfügbar sein sollte, festhalten. Andererseits hängen aber dennoch einem romantischen Bild der analogen Fotografie nach, ohne Jahre unseres Lebens mit chemischen Prozessen in der Dunkelkammer verbringen zu wollen. Wir sehnen uns nach der Ästhethik vergangener Jahrzehnte (Schwarzweiß, Vignetten, Lomographie etc.) und verwenden destruktive Filter, um unser visuelles Ideal zu erreichen. Unsere ohnehin schon unzulänglichen Handyaufnahmen werden jedoch durch die Anwendung von beliebten Applikationen wie instagr.am oder Hipstamatic noch weiter verschlechtert; das Original geht dabei oft verloren. Im Moment der Aufnahme kommt uns die historische Anmutung noch ansprechend vor.  Aber ist uns wirklich bewusst, dass es oft kein Zurück gibt? Wie werden wir in ein paar Jahren auf diese Bilder blicken?

Destruktive Filter in der digitalen Fotografie

19 Gedanken zu „Destruktive Filter in der digitalen Fotografie

  1. Jon Wetzlar schreibt:

    Auch in der analogen Fotografie wird mit „Effekten“ gearbeitet: Brompapier oder Lochkameras zum Beispiel schaffen eine erkennbare Ästhetik. Oder die Fehlfarbenfotografie oder speziell bearbeitete Polaroids. Es sollte eine Übereinstimmung von Bildinhalt und Form sein, ich wähle die Bildsprache den Motiven entsprechend oder meiner künstlerischen Einstellung aus. Dann gibt es noch die andere Version, und die sehe ich bei den von dir angesprochenen Applikationen. Die werden benutzt, um beliebige oder unbedeutende Motive aufzuwerten. Das ist reine Bastelei ohne jeden Wert. Man muss nicht Jahre warten, um diese Spielart der Digitalfotografie langweilig zu finden. Zumal sie zur Zeit fast jeder benutzt. Böse wird es natürlich, wenn die Source verarbeitet wird und das ursprüngliche Bild verloren ist. Deshalb mein Tipp: Speicherkarte frei machen und vorher überlegen, was ich wie und wofür fotografieren will.

  2. ekimas schreibt:

    das funktioniert so: je weniger man auf einem foto die realität erspähen kann, desto mehr hat man das gefühl, die athmosphäre wäre eingefangen worden. dieser psychoeffekt ist ok oder? alles gute ist ist doch eh phantasie!

  3. Das Spiel mit Effekten und Stilen kann man in jeder Form als Kunst betrachten. Das massenhafte produzieren von angeblich falsch gewedelten Fake-Polaroids ist nicht nur albern sondern in ewiger Widerholung auch noch schmerzhaft. Ich öffne keine Instagramm-Links mehr, die mir auf Twitter oder sonstwo begegnen. Weiß ja vorher, dass man mir kein Foto zeigen will, sondern nur ein „Guck mal, wie geil mein iPhone ist“.

  4. @Jon: Ganz richtig. Wobei ja viele Effekte, die heute als Stilmittel eingesetzt werden, doch eher optischen Unzulänglichkeiten geschuldet waren. Vignetten sind doch eher ein Abbildungsfehler als eine wünschenswerte Tatsache. Anderseits können sie natürlich dazu dienen, das Objekt im Zentrum stärker zu betonen. Wie immer ist es hilfreich, wenn man weiß, was man warum tut. Und das Originalbild irgendwie archiviert.

    @Noweblog: Ja, aber ist diese Knipserei auch überlegt?

    @ekimas: Da ist was dran. So habe ich die Sache nie betrachtet.

    @Enno: Denke eher nicht, dass es ein iPhone-Zeige-Ding ist. In meinem instagr.am Stream finden sich übrigens auch ganz wunderbare Aufnahmen. Trotzdem bleibt bei mir eine gewisse Skepsis, ob wir uns nicht in ein paar Jahren über diese Modeerscheinung ärgern werden.

    @SRP: Ja, alles schon probiert. Das ist natürlich nicht nur dem Bild gegenüber destruktiv, sondern bei entsprechendem Speichelfluss auch nicht optimal für die Linse.

  5. Hey. Ich hab mal oben auf „gefällt mir“ geklickt. Warum? Weil ich es gut finde, dass Du das Thema aufgreifst und aus Deiner Sicht schilderst, wie Du diese Entwicklung warnimmst.

    In vielen Punkten kann ich Dir zustimmen (Sehnsucht nach früheren Stilen), in anderen weniger (unsere Fotos werden immer schlechter).

    Wie immer ist es eine Frage der Perspektive, mit der man auf die Fotografie schaut. Ich finde – wie ich es ja in meinem Artikel geschrieben habe, dass wir von den Neuerungen profitieren können und deren Handlungsspielräume kennen müssen.

    Wer mag, kann sein Foto von mir aus mit allen möglichen Filtern zukleistern. Dieses Recht kann man ja niemandem absprechen. Wenn mir das Foto dann (aus welchen Gründen auch immer) gefällt, klicke ich wie hier „gefällt mir“ und schreibe evtl. noch einen Kommentar dazu.

    Das „Retro“ „in“ ist, gehört meiner Meinung nach dazu. Ist auch okay.

    So – jetzt mache ich Feierabend und wünsche Dir ne schöne Woche. Cya!

  6. Ich habe eigentlich nichts gegen den so angesagten Retro-Look, ausser dass es manchmal schade um den Verlust von Farben ist.

    Manche Bilder lassen sich tatsächlich sogar damit aufwerten. In dieser Masse wirken sie allerdings für mich mittlerweile uniform und langweilig.

    Zum Glück ist ja alles, was „in“ ist, irgendwann mal wieder „out“

  7. Es ist ein Trend… und die Fotografie war immer auch eine Geschichte der Trends, auch im analogen Zeitalter.

    Wenn der Retro-Look zu dem Bild passt.. warum nicht? Der Lomograph hat auch kein „Zurück“ zu dem „normalen“ (was immer das sein soll) Bild… Der Schwarz-weiß-Fotograf konnte auch nicht nach 10 Jahren sagen „ach, hätte ich das Bild mal damals in Farbe gemacht“. C’est la vie.

    Hipstamatic lebt geradezu davon, dass die Effekte NICHT auf bereits bestehende Fotos anwendbar sind. Wird auch ausdrücklich gesagt. Das finde ich auch irgendwie spannend. Und gleichzeitig entspannend.

    Werde ich mich noch in 10 Jahren an die Fotos erinnern? Oder gerne angucken? Ich weiß es nicht. Aber ehrlich gesagt, kümmert es mich nicht unbedingt. Nicht immer. Manchmal will ich nur das schnelle, den schnellen, schmutzigen Hipstamatic/Inficam/LoMob/Sonstwas Spaß. Quick. Dirty. Vergänglich.

  8. Wenn man so will kann man heutzutage analoge Fotografie auch als eine Art Effekt verstehen um sich von der digital knippsenden Masse abzuheben. Man fotografiert ja technisch nicht state of the art sondern erlegt sich wie bei Handyfoto auch bestimmte Grenzen selbst auf.

    Der Prozess ist freilich auch destruktiv denn man kann wie der dogwatcher schon geschrieben hat eben nicht sagen hey hätte ich das Bild mal in Farbe gemacht oder mit Film XY oder dem und dem Entwickler und vielleicht noch ein wenig mehr gepusht.

    Ein Foto zu machen nur um des Effektes Willen ist ungefähr genauso sinnvoll wie die momentane Modeerscheinung in den Kinos, da werden Filme produziert die nicht funktionieren aber hey sie sind in *plattenhall anwerf* 3D. Wenn ich aber die Kamera als Werkzeug sehe und sei es nur die am Handy und produziere damit ein gutes Bild wird es mich am Ende nicht interessieren mit welcher Kamera oder welchem Programm. Das Bild ist dann eben in Blei gegossen und ist so wie es eben ist. Wie gesagt beim analogen kann ich auch nicht im Nachhinein sagen hätte ich mal. Gleiches gilt zB. auch für die Bildkomposition im digitalen. Du hast nur eben im digitalen den riesen Vorteil direktes Feetback am Display zu bekommen.

  9. Pixelboogie schreibt:

    Die Tatsache, dass eine (im konventionellen Sinn) technisch fehlerhafte Fotografie gefühlsmässig wirksamer sein kann
    als ein technisch fehlerloses Bild, wird auf jene schockierend wirken, die naiv genug sind zu glauben,
    dass technische Perfektion den wahren Wert eines Fotos ausmacht.

    (Andreas Feininger)

    Plöp! ;)

    1. @Pixelboogie: Das ist natürlich richtig, was Herr Feininger schreibt, wie natürlich alles richtig ist, was er geschrieben hat. Ich frug mich ja auch bloß, ob die künstliche Nachbildung technischer Unzulänglichkeiten vergangener Zeiten ebenfalls zu dieser gefühlsmäßigen Wirkung führen könne. Oder ob die inflationäre Anwendung von digitalen Filtern nicht doch nur eine modische Spielerei ist.

  10. Oder so:
    Nehmt Objektive mit starker Vignettierung, druckt Eure Fotos aus und lasst sie dann ewig in der Sonne liegen. Das gibt den gleichen Effekt. Nur kommt’s dann natürlicher rüber. Bzw. weniger gesteuert. Nich so perfekt.

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