Schalter

Lichtschalter

Obschon man sich der Konsequenzen nicht vollends bewusst ist, möchte man manchmal einfach den Schalter umgelegt wissen. Imponderabilitäten ist auch so ein Wort, das keiner kennt, das aber auch nicht in jedem Wortschatz zwingend vorhanden sein muss. Unwägbarkeiten klingt schließlich ausreichend beängstigend und beschreibt das Gemeinte exakt.

Während der Pessimist vehement die Ansicht vertritt, dass es nicht mehr schlimmer ginge, wird der Optimist nicht müde, ihm ein „Doch“ entgegenzuhauchen. Wenn das alles nicht mehr auszuhalten ist, haben wir zwei Möglichkeiten. Erstens: Wir warten darauf, was eintritt, wenn jemand den Schalter umlegt. Zweitens: Wir legen den Schalter selbsttätig um. Was dann passiert, passiert dann …

ÖPNV-Kalamitäten

Kaktus

Der Busfahrer ist ein untersetzter junger Mann. Er trägt eine weinrote Filzkrawatte und hat einen zauseligen Kinnbart. Vergeblich wartend steht er an der Tram-Haltestelle und telefoniert mit der Leitstelle der Straßenbahn. Laut und deutlich erwähnt er dabei mehrfach die ihn eindeutig identifizierende Dienstnummer. Die Tram kommt nicht, was den Busfahrer erbost, weil er deshalb seinen Bus nicht rechtzeitig übernehmen kann. Später, in der sehr verspäteten Bahn sitzend, telefoniert er mit seiner eigenen Leitstelle. Wieder nennt er zuerst laut und deutlich seine Dienstnummer und entschuldigt sein offenbar wiederholtes Zuspätkommen. „Das Leben hat mich gefickt“, murmelt er in das Telefon. „Meine Alte poppt fremd und ich habe seit zwei Tagen nicht geschlafen.“ Dann erzählt er von Sekundenschlaf im Dienst und übermäßigem Kaffeekonsum und dass er sein Auto zu Schrott gefahren habe. Zusammengesackt sitzt er da, kein Häufchen Elend, sondern eher ein Achttausender. Man möchte nicht mit ihm tauschen.

Anschließend in der S-Bahn unterhalten sich zwei Studentinnen der Humanmedizin im Praktischen Jahr. Beide befassen sich gerade mit onkologischer Chirurgie. Entzückt erzählen sie einander ihre schönsten Karzinomausräumgeschichten. Dabei kichern sie. Man möchte nicht bei ihnen auf dem OP-Tisch liegen.

Abgrillen

Gartenstühle

Spät im Herbst, wenn die Tage schon kurz sind, pflegen die Russen aus dem Vorderhaus die Tradition des Abgrillens. Bis spät in die Nacht hinein sitzen sie trotz großer Kälte beisammen und garen zum letzten Mal in diesem Jahr Fleisch über glühenden Kohlen. Die Frau singt, alle klatschen, lachen, trinken Wodka.

Eingehüllt in Decken liegen wir nahe dem offenen Fenster und hören den Russen im Innenhof zu. Der Geruch von verkohltem Fleisch dringt zu uns herein, aber die Frau singt zu anrührend, als dass wir das Fenster schließen möchten. Die Frau kennt viele Lieder. Die Lieder, die sie singt, kennen wir nicht, wir verstehen sie nicht. Sie könnten von der Liebe oder von der Heimat handeln, vermutlich handeln sie von beidem. Wir warten auf Kalinka, aber Kalinka kommt nicht. Wir möchten Wodka trinken, aber wir haben keinen Wodka.