Archiv für den Autor: bosch

Real

real_2013-06-28 20.42.10

Im Supermarkt. Die Frau hat strähnige Haare und einen verbesserungsbedürftigen Zahnstatus. Sie schaut mich an, ich schaue sie an. Blitzschnell dreht sie sich um und während sie mir ihren Rücken zudreht, erkenne ich, wie sie eine große Flasche Jack Daniel’s in ihrer abgewetzten Lederjacke verschwinden lässt. Interessehalber folge ich ihr noch eine Weile durch das Labyrinth der Warenregale, dann schüttelt sie mich routiniert ab. Ich gehe nicht über los, ziehe keine 50 Euro für die Ergreifung eines Ladendiebes ein. Shoplifters of the world unite and take over.

Das Steuersystem ist kaputt

“Das Steuersystem ist nicht das, wofür ich es gehalten habe.” Lange hielt Alice Schwarzer das Steuersystem für den Wegbereiter von Raffgier und Steuerbefreiung. Jetzt sieht sie, dass sie sich geirrt hat. In Wahrheit zerstöre es die Grundlagen ihres Schweizer Nummernkontos.

Deutschlands bekannteste Feminismus-Expertin Alice Schwarzer bekennt sich geirrt zu haben: “Das Steuersystem ist nicht das, wofür ich es gehalten habe“, schreibt Schwarzer in einem Beitrag für das Feuilleton der ‘Frankfurter Allgemeinen FDP-Mitgliederzeitung’. Bislang habe sie geglaubt und verkündet, dass das Steuersystem das ideale Medium der Bereicherung, der Steuerfreiheit und der Emanzipation sei. Nach der Steueraffäre um Uli Hoeneß und den neuen Erkenntnissen über Lücken im Steuergeheimnis und dem CD-Ankaufwahn der Staaten kommt Schwarzer zu dem Schluss: “Das Steuersystem ist kaputt.“

Als Medium der totalen Einnahmenkontrolle untergrabe es die Grundlagen der freiheitlichen Wirtschaft, als Vehikel der Betriebsprüfungsspionage wirke es auch ökonomisch zerstörerisch. Der Skandal, schreibt Schwarzer, “betrifft auch jene, die glauben der Totalüberwachung zu entgehen, indem sie Selbstanzeigen nicht benutzten”. Schwarzer ist Gründerin und Herausgeberin der Frauenzeitschrift Emma, sie hat seit Jahren im Fernsehen, in der BILD und auch sonst überall die Moralkeule geschwungen.

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Offspace

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Wir befinden uns in einem Projektraum in einem abgelegenem Teil der Stadt. Es wird Champagner gereicht, an den Wänden hängen Fotografien von sich auf Betten räkelnden unbedeutenden Modemenschen, im Schaufenster sitzt ein unbekleideter Mann auf einem Hocker. Alles ganz normal also. Nur die hanseatische Spröde, die versucht, die gesamte Berliner Crazyness in den winzigen Raum zu zwängen, wirkt albern befremdlich. Obschon unentwegt auf Einlass pochendes Gästelistenplätzevolk in der halboffenen Türe steht, ist dem nackten Mann nicht kalt, sagt er. Die errötenden Hereinkommer versuchen, sich möglichst unverkrampft den zweitklassigen Fotografien zuzuwenden. Hätte man sich wie 1977 bei Marina Abramoviićs Imponderabilia-Performance hautnah an dem Nackten vorbeizwängen müssen, wäre der Raum wohl leer geblieben. Beim verstohlenen Schielen auf das durchaus beachtliche Gemächt hält man sich verkrampft an seinen Gläsern fest.

Die einzig interessante Erscheinung an diesem Abend ist ein Mann mit einem riesigen Ohr (das andere ist normalwüchsig). Er steht allein mit seinem Getränk in einer Ecke des Raumes. Sein rechtes Ohr ist nicht etwa nur wenig größer als üblich, sondern es hat die größe einer Hand. Haruki Murakami mit seiner Vorliebe für Ohren könnte ihn zur Hauptfigur seines neuen Romanes machen. So steht er da, in der Ecke, mit seinem Getränk und seinem Riesenohr und wirft dem Nackerten Blicke zu. Und während ich mich noch traute, den Adamskostümierten zu fragen, ob es ihm nicht friere, so kann ich wiederum angesichts des Ohres nicht anders, als verstohlen zu starren. Konträrfaszination. Ich blicke mich um, aber niemand sonst scheint das außergewöhnliche Hörorgan vernommen zu haben. Ist es eine körperliche Fehlbildung? Kann er damit besser hören? Ist es das Ergebnis einer Schönheitsoperation? Oder ist es gar eine wegweisende Ohr-Kunst-Performance? Der Mann mit dem Ohr steht immer noch in seiner Ecke und grinst mich an, während ich naturgemäß versuche, seinem Blick auszuweichen, und wiederum sehr bemüht scheinbar interessiert den Entblößten im Schaufenster betrachte, um nur nicht auf das Ohr starren zu müssen.

Indes nehme ich einen Schluck aus meinem Glas und stelle fest, dass jemand den Champagner mit Sirup gestreckt haben muss. Holunder. Das schätze ich gar nicht. Offenbar ist der Getränkesponsor ein Siruphersteller. Da gibt man sich die allergrößte Mühe nichtkommerziell zu wirken, setzt einen Ausgezogenen auf einen Hocker, hängt unzulängliche Fotografien an die Wand und lädt sogar den Ohrenmann ein, und all das nur, um einem Getränkepanscher eine mondäne Bühne für die Anpreisung seines Streckungsmittels zu bereiten. Mangels Abstellmöglichkeiten setze ich das fast volle Glas auf dem Fußboden ab und flüchte sodann. Ich sehne mich nach einem Ort mit wilder Kunst und Flaschenbier, für das ich bezahlen darf.

Blickt nicht zurück

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Nun ist sie wieder da, die Zeit der Jahresrückblicke. Wer in den letzten Wochen keine Postkarten mit Weihnachtsmännern darauf verschickten wollte, schreibt zum Jahreswechsel eine lange E-Mail an alle Bekannten, die ohnehin keine 45 Cent für eine Briefmarke wert gewesen wären.

2013 war wieder einmal ein gutes Jahr: die FDP ist aus dem Bundestag geflogen, kein Atomkraftwerk ist explodiert und Günter Grass hat kein Gedicht geschrieben. Auch sonst war naturgemäß wieder einmal alles ganz toll und aufregend. Wer auch nur ein wenig Übung darin hat, auf seiner Website die eigene Durchschnittskarriere zu einer einmaligen Megaerfolgsstory zu pimpen, dem fällt es leicht, ein ganz mäßiges Jahr in 10.000 Zeichen so hochzujubeln, als hätte der neue Papst soeben Pussy Riot zu Priesterinnen geweiht. Glück ist eben die Abwesenheit von Unglück. Aber freut Euch nicht zu früh, denn alles bleibt, wie es war, oder wird, wie es ist: die FDP hat noch ein paar Mark Wahlkampfkostenerstattung unter dem Wiederauferstehungskopfkissen, die maroden Atommeiler sind noch nicht abgekühlt und Günter Grass ist die Tinte längst nicht ausgegangen.

Ich wünsche Euch ein besseres Jahr 2014. Und wenn Ihr Euch etwas Gutes, Wahres, Schönes vornehmen wollt: verzichtet nächstes Jahr auf das Jahresrückblickgeschreibsel.