Balkonien etc.

Balkon

Einen Balkon müsste man haben, denkt man sich, wenn man in einer Wohnung ohne einen solchen offenen, betretbaren Vorbau, der aus einem Stockwerk eines Gebäudes herausragt, lebt. Oh, wie schön ist Balkonien, man sitzt dort mit einem guten Buch bei einem Glas Rotwein und genießt den Blick auf die untergehende Sonne.

Tatsächlich zeigt das Thermometer statt der angekündigten 22 meist lediglich 4 Grad Celsius. Deutlich hörbar vernimmt man wochentags hämmernden Baulärm und am Wochenende rasenmähende Kleingärtner, deren Grillfleischgeruch einem zu jeder Tageszeit perfide in die Nase kriecht. Kehrt vorübergehend Ruhe ein, beginnt es umgehend zu regnen. Durch die reinigungsbedürftige Glasscheibe der Balkontür beobachtet man dann, wie Gartenmöbel auf der an dem Gebäude anhängenden Freifläche von der Witterung gezeichnet werden.

Nur einen Tag im Jahr genießt man das Leben als Balkonbesitzer. Dann blendet die Sonne allerdings gerade so stark, dass das Lesen eines Buches unmöglich gemacht wird und außerdem ist an diesem Tag niemals trinkbarer Rotwein im Haus. Der monatliche zu entrichtende Mietzins einer Balkonage in einer deutschen Großstadt dürfte in etwa der Miete eines Briefkastens in Panama entsprechen. Dafür könnte man stattdessen einmal im Jahr einen wirklich schönen Urlaub verbringen. Mit Sonne, Ruhe und Rotwein. Oh, wie schön ist Balkonien

HfbK: Jahresausstellung 2016

Hochschule für bildende Künste, Jahresausstellung 2016. Menschen mit Kunsthochschulfrisuren, Kunsthochschulbrillen und Kunsthochschulschals sitzen gelangweilt in Räumen, in denen sich ihre jeweiligen Kunstwerke befinden, ihr Kettenrauchen mehr Pose als Performance. „Du bist ja auch noch immer da“, wird ein in die Jahre gekommener Professor von einem ebenfalls ergrauten Bekannten begrüßt. Ja ja, ein paar Jahre müsse er schon noch, und uff, Grundklassen im Malen und Zeichnen zu unterrichten sei auch nicht immer schön. Aber immerhin zeigten seine Studenten ihre Werke nicht öffentlich, denn „ausstellen, sollte man nur, wenn’s auch etwas Interessantes zu sehen gibt“, so er, seiner Emeritierung wohlwollend entgegensehend.

Am meisten nerven die istdaskunstoderkanndaswegfragenden Zahnarzt- und Rechtsanwaltseltern, die von ihren kunststudierenden Sprösslingen jedes Jahr aufs Neue durch den Rundgang geschleift werden; ihr Verständnis so klein wie ihr Interesse. Dennoch erscheint das Abseitige oft interessanter als die Hauptsache selbst: Auf den Gängen Bierflascheninstallationen, Schmierereien, Krams. Hier und dort ein verzweifelter schriftlicher Hinweis, dass gebrauchtes Geschirr kein Aschenbecher sei und zurück in die Mensa gehöre. Die Putzkräfte haben längst kapituliert, wohl auch aus Angst, versehentlich eine Bachelorarbeit zu zerstören. Danke für gar nichts, denn irgendwie ist es ja auch ganz charmant und aufgeräumt und sauber haben es die Zahnärzte und Rechtsanwälte ja schon zu Hause. Der Dilletantismus zeigt sich auf den Fluren schon in guten Ansätzen und irgendwann gesellt sich vielleicht auch noch die Genialität dazu. Und dann kommt alles ins Museum.

 

Von langen Sätzen und kurzen Gedanken

„Pro Satz nur einen Gedanken“, so die gestrenge Lektorin. Eigentlich einleuchtend, denn welcher Leser vermag schon superlangen Bandwurmsätzen inhaltlich noch Folge zu leisten, aber was ist eigentlich mit dem Klimawandel? Hört man doch zuletzt, dass am Nordpol die Temperaturen bis auf null Grad gestiegen sind. Das ist immerhin 30 Grad Celsius mehr als normal, was wiederum viel beunruhigender ist als unübersichtliche Satzkonstruktionen. Ein Satz, ein Gedanke, man müsse sich als Autor beschränken usw. Als Leser kann man das nur begrüßen. Andererseits wäre man angesichts des massenweise in die Welt herausgeblasenen Geschreibsels froh, wenn ein Satz, wie lang er auch sein möge, überhaupt einen Gedanken enthielte, und was hat damals wohl das Lektorat gedacht, als es zum ersten Mal auf das Werk Thomas Bernhards stieß?

#einheitsmomente: Wie Politiker für die Deutsche Bank werben

Ein wenig stutzte ich als ich diesen Sonntag die PDF-Ausgabe des Tagesspiegel durchblätterte. Auf der ersten Seite des Wirtschaftsteils befand sich eine kleine, als solche gekennzeichnete, Anzeige, in der die Deutsche Bank unter dem Hashtag #einheitsmomente zum 25. Jubiläum zur Abwechslung einmal etwas gute Stimmung verbreiten will. Das ist an sich nichts ehrenrühriges.

Was mich allerdings befremdet, ist die Tatsache, dass eine aktive Bundesministerin so offensichtlich für die Deutsche Bank wirbt: Ein gefühliges Zitat herausgegriffen aus einer knapp fünfminütigen Interviewveröffentlichung, ein Foto von Manuela Schwesig (SPD) und dann die nebeneinander stehenden Schriftzüge „Bundesministerin für Familie, Senioren, Frauen und Jugend“ – „Präsentiert von Deutsche Bank“.

Naturgemäß gehe ich davon aus, dass die Deutsche Bank keine finanziellen oder sonstigen Gegenleistungen getätigt hat. Unglaublich ist für mich allein die Tatsache, dass hier mit dem Amt der Bundesministerin nichts anderes als schnöde Imagewerbung für ein Kreditinstitut gemacht wird, das in den vergangenen Jahren keinen Skandal ausgelassen und maßgeblich zu zahlreichen Krisen, in denen wir uns heute befinden, beigetragen hat.

Nach langer Zeit des Haderns erweist sich Twitter nun einmal wieder als ein Instrument des direkten Drahtes zu den Spitzen der Politik. Nach nunmehr fast 100 Retweets und Likes, die sich somit meiner durchaus nicht unberechtigten Frage, ob man als Ministerin für die Deutsche Bank werben dürfe, erreichte mich die folgende Antwort:

Die Antwort von Manuela Schwesig lässt für mich jedenfalls folgende Schlüsse zu:

  1. Sie ist naiv und hat selbst gar nicht bemerkt, dass sie Teil einer Imagekampagne für die Deutsche Bank geworden ist. (Dann ist sie für ihr Amt nicht geeignet.)
  2. Sie ist nicht gut beraten worden. Ihr Stab hat die Falle nicht bemerkt. Ein vermeintlich harmloses Interview wurde ausgeschlachtet. (Dann vertraut sie den falschen Mitarbeitern.)
  3. Sie findet gar nichts Schlimmes dabei. (Dann sei auf die Möllemannsche Briefbogenaffäre verwiesen, bei der der einstige Bundeswirtschaftsminister für den Einkaufswagenchip eines Verwandten auf offiziellem Briefpapier des Ministeriums warb und daraufhin seinen Hut nehmen musste.)

In der Pressemitteilung der verantwortlichen Agentur mc-quadrat heißt es jedenfalls nicht ohne Stolz:

„Uns war es besonders wichtig, dass der Zuschauer beim Anschauen der Filme das Gefühl bekommt, die Geschichten persönlich erzählt zu bekommen. Der dokumentarische Wert stand für uns dabei im Vordergrund“, sagt Philipp Stelzner, Regisseur und Geschäftsführender Gesellschafter von mc-quadrat. Fokussiert auf die Geschichte wurde so eine Atmosphäre geschaffen, die den Zuschauer gespannt den Personen zuhören lässt und Gänsehaut erzeugt.

Gänsehaut erzeugt bei mir indes weniger die Tatsache, dass sich Manuela Schwesig zu Zeitpunkt der Wiedervereinigung, wie heute viele andere Sechzehnjährige auch, mit der Berufswahl schwergetan hat, sondern vielmehr, dass bei dieser Kampagne auch andere noch aktive Spitzenpolitiker wie Stanislaw Tillich (CDU, Ministerpräsident des Freistaates Sachsen), Aydan Özoğuz (SPD, Beauftragte der Bundesregierung für Migration, Flüchtlinge und Integration) und Petra Pau (Die Linke, Vize-Präsidentin des Deutschen Bundestages) keine Bedenken damit haben, Kraft Einsatz ihres Amtes die Deutsche Bank zu unterstützen.

Wolfgang Thierse (SPD, ehemaliger Präsident des Deutschen Bundestages), Ulrich Wickert (Journalist) und Klaus-Dieter Lehmann (Präsident des Goethe-Instituts) und einige andere, vor allem Unternehmerpersönlichkeiten, spielen dabei in dieser Kampagne nur noch eine Nebenrolle.

Zweifelsohne ist der 25. Jahrestag der Wiedervereinigung Gedenken wert, der Schicksale und Leistungen in Ost und West. In dieser Imagekampagne wächst allerdings zusammen, was nicht zusammen gehört: Als Bundesminister lässt man sich nicht von der Deutschen Bank präsentieren.

 


Anmerkung: Der Autor war vor langer Zeit einmal bei der Deutschen Bank angestellt und ist heute als freier Kommunikationsberater tätig. (Die obigen Kampagne lehnt er trotzdem auf allen Ebenen ab.)