Kleinstadt

Fußgängerzone, Itzehoe

When you’re growing up in a small town,
You know you’ll grow down in a small town.
There is only one good use for a small town,
You hate it and you’ll know you have to leave.

(Lou Reed)

Die Stadt hat jetzt auch einen Pop-up-Store. Es ist keiner von diesen hippen temporären Läden, wie wir sie aus Berlin-Mitte kennen. Hier gibt es keine ausgewählten Teile von angesagten Nachwuchsdesignern, sondern im Erdgeschoss der seit langem leerstehenden Warenhaus-Filiale werden Kleidungsstücke der vorletzten Kik-Kollektion mit einem Rabatt von 20% verwertet. Wo sich früher die Kurzwarenabteiltung befand, ist heute eine Resterampe. Es riecht nach Chemielabor.

Wie Krebs frisst sich der Leerstand durch die Einkaufsstraße. Aber es gibt auch Zeichen der Hoffnung: Immerhin scheinen 1-Euro-Shops und Billigfriseure zu florieren. Der wiedereröffnete Jeansladen gegenüber dem Wurst-Pavillon nennt sich voller verzweifelter Ironie “Comeback”, aber die einsam vor dem laden stehende zigarettenrauchende Verkäuferin deutet bereits darauf hin, dass das Comeback nur von kurzer Dauer sein wird. Früher gab es ein paar Eisdielen, in denen Cappuccino mit Sahne serviert wurde. Heute trifft man sich in einem der vielen Bäckereicafés zu aufgebackenen Teiglingen, die vorzugsweise mit fettiger Salami belegt werden, und Bohnenkaffee aus großen Bechern.

Das Einkaufszentrum der Stadt begeht in diesem Jahr sein vierzigjähriges Jubiläum. Von feiern mag niemand sprechen. Auch den solariumgebräunten pummeligen Mädchen mit blonden Strähnen ist nicht nach Party zumute. Dicht gedrängt belegen sie die Sitzgelegenheiten vor der offenen Küche der Filiale der amerikanischen Burgerbratkette und kratzen mit ihren glitzersteinverzierten aufgeklebten Fingernägeln auf den winzigen Displays ihrer Smartphones herum. Die Plakate in den Schaufenstern der Mobilfunkläden werben indes für Seniorenhandys. Es gibt nichts, was den demographischen Wandel in dieser Region besser aufzeigt.

Das Traurigste sind immer die Buchläden, also besuche ich beide. Es gibt hier kaum Bücher abseits der Taschenbuch-Bestseller-Liste. Routinemäßig schaue ich bei Thomas Bernhard und Arno Schmidt und blicke erwartungsgemäß ins Leere. Nicht, dass ich je ein Buch von Arno Schmidt mehr als nur interessiert durchgeblättert hätte, aber irgendwann wird der Tag kommen, an dem ich eines erwerben möchte, um es zu lesen. In diesem Fall wäre es gut, wenn die Buchhandlung vor Ort ein Exemplar bereithielte. Die größte Gemeinheit, die der sogenannte Literaturbetrieb einem Nobelpreisträger zuteil werden lassen kann, ist, sein lyrisches Werk in der Geschenkbuchecke neben der gesamten Dümmlichkeitscomedy dieses Landes zu positionieren. Überhaupt der Kulturbetrieb: Im Stadttheater kann man zu Ticketpreisen, die höher sind als im Hamburger Thalia-Theater oder der Berliner Volksbühne, Operngastspiele des Nordharzer Städtebundtheaters und 80-Jahre-Schlager-Galas besuchen. Das letzte verbleibende Kino zeigt erst in sechs Wochen wieder einen halbwegs brauchbaren Film; diesen aber auch nur zwei Mal. Hätte die regionale Tageszeitung ein Feuilleton, wären dies die hässlichsten Seiten der Stadt.

Ich gehe in eine Kneipe, die heißt wie ein griechischer Weingott. Allein sitze ich am Tresen und unterhalte mich mit dem Barkeeper. Er klagt ein wenig darüber, dass noch weniger los sei, nachdem auch die letzte Kaserne in der Gegend geschlossen wurde. Ein wenig fühle ich mich wie Moritz von Uslar in der brandenburgischen Provinz, nur ohne Boxclub. Nach einer Stunde haben wir einander nichts mehr zu erzählen. Ich zahle meine zwei großen Pils vom Fass und einen Laphroaig: 8,90 Euro. Das ist ein fairer Kurs, denke ich. Und während ich mich noch frage, ob hier wirklich alles schlecht ist, überlege ich, ob es hier überhaupt einen Boxclub gibt.

You Are My Sunshine

Text-Bild-Schere

You are my sunshine,
My only sunshine.
You make me happy
When skies are grey.
You’ll never know, dear,
How much I love you.
Please don’t take my sunshine away.

(Oliver Hood)

Die fröhliche Melodie entstammt ursprünglich einem ukrainischen Volkslied. Der Amerikaner Oliver Hood schrieb Ende der 1930er Jahre den uns heute bekannten Text dazu. Von You Are My Sunshine existieren unzählige Aufnahmen, die bekannteste ist vielleicht das Duett von Johnny Cash und June Carter.

Jahrzehnte konnte ich diesem Lied nicht sonderlich viel abgewinnen. Irgendwann aber sang sie es mir ins Ohr. Ganz objektiv gehört, hatte sie keine ausgeprägt schöne Gesangsstimme. Die Art ihres Votrages hatte eher etwas von einer naiven Niedlichkeit. Ich aber war immer sehr gerührt, wenn sie You Are My Sunshine für mich sang. Für mich hatte sie die schönste Stimme der Welt.

All das scheint lange her zu sein. Unlängst habe ich ich die Version des amerikanischen Jazzgitarristen Bill Frisell auf meiner Festplatte entdeckt. Mit ihm konnte ich nie etwas anfangen. Als Kind hat er zu heftig auf der Klarinette geblasen und als Erwachsener zu anstrengenden Krach mit John Zorn zusammengeelärmt. 2005 nahm Frisell zusammen mit einem Streichtrio eine ziemlich irre Platte auf, deren Musik von Maler Gerhard Richter inspiriert war. Ich konnte das nicht hören, niemand konnte das hören. Und dann das ganze elegische Countryzeugs, das er später auf seinen sechs Seiten produzierte. All das ist mir ein Graus. Aber seine wunderbar reharmonisierte Version von You Are My Sunshine ist so großartig, dass man sechs Minuten lang alles um sich herum vergisst.

 
Bill Frisell – You Are My Sunshine

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Dies ist ein Beitrag aus meiner Serie “Der Soundtrack meines Lebens”. Weitere Beiträge dazu finden sich hier.

Stätten meiner Jugend

Und überall hört man die Eltern klagen:
“Mein Gott, was haben wir falsch gemacht?”
“Also, wenn Du mich fragst, ich kann’s Dir nicht sagen.
Aber wenn das mal nichts mit dem System zu tun hat.”

(Blumfeld, Jugend von heute)

Keksfabrik

Ehemalige Keksfabrik

Wo früher die Keksfabrik stand, befindet sich heute eine Wiese. Meine Großmutter erwarb hier früher kiloweise Bruch: zersplitterte Dominosteine und zerbröselnde Keksröllchen mit Schokoladenüberzug. Mehl mit Zucker und Butter und Zucker und Butter. Bereits im Sommer versprühte die Fabrik mit dem roten Emailleschild, das sie als “königlicher Hoflieferant” anpries, den aufdringlichen Duft von Lebkuchen. Mittlerweile esse ich Kekse wieder gern.

Tanzschule

Ehemalige Tanzschule

Wo früher die Tanzschule stand, befindet sich heute ein Parkhaus. In meiner heimatlichen Kleinstadt gab es damals zwei Tanzschulen. Ich besuchte die coolere von den beiden. Sie zeichnete sich dadurch aus, dass der Disco Fox nicht mit der steiferen Standard-Handhaltung neben dem Kopf, sondern mit der lockeren Variante von unten, also auf Hüfthöhe, vermittelt wurde. Wie in Jugendkursen üblich, herrschte ein gewisser Frauenüberschuss. Dies hatte zur Folge, dass Gastherren aus fortgeschritteneren Kursen einsprangen. Weil sie besser tanzen konnten, bekamen meistens die attraktiveren Tanzpartnerinnen ab. Die schönste Frau in meinem Tanzkurs war sehr groß und sehr blond und sehr schön. Irgendwann traute ich mich, sie aufzufordern. Leider hieß sie genau wie meine Mutter: Renate. Das war einerseits sehr unangenehm, weil mich das so blockiert hat, dass ich nie mehr mit ihr Tanzen konnte. Andererseits befreite mich dies schlagartig von der Peinlichkeit meiner Erektion. Obwohl ich kein sonderlich guter Tänzer war, brachte ich es bis zum Bronzekurs. Heute stehe ich gewöhnlich in Ecken herum und tanze noch auf Scheidungen und Beerdigungen.

Bank

Ehemaliges Direktorenzimmer

Wo früher das Büro des Bankdirektors war, befindet sich heute eine sexualpädagogische Beratungsstelle. Im Rahmen meiner Bankausbildung verbrachte ich einige Monate in dieser Filiale. Der Direktor war sehr groß und sehr breit, man nannte ihn Klotz. Ihm wohlgesinnte Menschen bezeichneten seinen Führungsstil als “Management by Zuckerbrot und Peitsche”. Sein verrauchtes Zimmer war auch im Sommer stets auf Minusgrade heruntergekühlt. Weil das penetrante Lüftung nicht gegen den Gestank an kam, nebelte er sich zusätzlich mit einem sehr schweren Eau de Toilette ein: Fahrenheit von Christian Dior. Obwohl sich all dies negativ auf seine Stimmbänder auswirken musste, konnte er viel besser sehr laut schreien als leise sprechen. Noch heute zucke ich ein wenig zusammen, wenn mein Nase Fahrenheit vernimmt.

Der geteilte Pimmel

Gerhard Richter – Panorama, Neue Nationalgalerie

Neue Nationalgalerie, Berlin-Tiergarten. Das Werk Gerhard Richters wird gezeigt: Panorama. Vor dem Mies-van-Rohe-Bau keine Warteschlange. Doch der Schein trügt. Sie befindet sich im Erdgeschsoss des Gebäudes. Der Ausstellungsbesuch wird zum Happening. Menschen warten geduldig und freuen sich insgeheim darüber. Sie sind Teil einer Kulturbewegung – obwohl sich nur wenig bewegt. Ich warte darauf, dass die Ersten ihre Klappstühle, die sie auch bei Autobahnstaus auf die Schnellstraße zu stellen pflegen, herausholen. Das tut aber niemand. Nach über einer halben Stunde des Anstehens darf man ein Ticket lösen. Zwei Zweitklässler werden von ihren Eltern in die Ausstellung gezerrt, irgendwo entdecken sie den Titel der parallel laufenden Ausstellung Der geteilte Himmel. “Der geteilte Pimmel, der geteilte Pimmel”, rufen sie und amüsieren sich, die dazugehörigen Bildungsbürgerelter blicken indigniert. Richter ist auch Tourismusfaktor. Man merkt es daran, dass der Herr an der Garderobe gut gelaunt ist und freundlich viel Spaß in der Ausstellung wünscht. So etwas hat es früher in Berlin nicht gegeben.

Die Ausstellungsräume sind überfüllt. Ich schwanke zwischen Genervtheit von den vielen Menschen, die mir den mir den Blick auf Kerze, Schädel und Seestück versperren, und Genervtheit von Menschen, die nie niemals den Fuß in ein Museum setzen, aber gegen deren Schließungen klickstark auf Facebook demonstrieren. Malerfürst, ja Malerfürst, denke ich. Was für eine bescheuerte Bezeichnung. Unser Teuerster etc. Aber warum sind wir eigentlich alle hier? Ich wünsche mir Kontemplation, aber ständig werde ich angerempelt, ständig klicken Kameras. Mir bleiben nichts als ein paar Flüchtige Blicke auf die beeindruckende stilistische Vielfalt: Abstraktion und Hyperrealismus, Verwischungen etc. Während ich mich frage, ob es überhaupt Kunst ist, wenn man etwas sieht und es versteht, knufft neben mir eine Rentnerin ihren Mann in die Seite und sagt: “Schon wieder so eine typische Öl-Fotografie.” Nach einer Stunde muss ich hier raus. Ich möchte in einem Ohrensessel sitzen und im Katalog blättern.

Akkordeon

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Akkorde, Akkorde, Akkordeon.
Glaub’ an das Glück,
denn sonst flieht es davon.

(Alexandra)

Die Verheißung ist die größte. “Froh und heiter mit Akkordeon und Gesang” soll es beim Auflegen dieser Musikkonserve werden. So verspricht es zumindest Plattenhülle. Also kratze ich meine letzten 20 Cent zusammen, um diese in Vinyl zu investieren. Zuhause angekommen stelle ich fest, dass ich gar keinen Schallplattenspieler besitze. Frohsinn und Heiterkeit schicke in den Wartestand. Aufgeschoben ist nicht aufgehoben.