Bonanza Coffee Roasters

„Don’t die Before Trying.“ Fantastic espresso at @bonanzacoffee: Ethiopian ‚Adado‘. #boschcoffee

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Berlin, Prenzlauer Berg, Oderberger Straße. In der sehr hübschen und ruhigen Straße mit zahlreichen pastellfarbenen sechsstöckigen Altbauten aus der Gründerzeit, ganz in der Nähe, wo früher die Mauer Ost und West trennte, befindet sich das Café. „Don’t die before trying“, heißt es auf dem handgemalten, mittlerweile von der Witterung merklich in Mitleidenschaft gezogenem Schild aus den Anfängen von Bonanza. 2006 waren die Gründer Yumi Choi und Kiduk Reus die ersten in Deutschland, die sich ernsthaft mit Specialty Coffee beschäftigt haben. Damals nannten sie ihr Unternehmen ganz selbstbewusst Bonanza Coffee Heroes. So steht es auch noch immer über der Eingangstür.

Betritt man morgens das Café, bemerkt man als erstes die Musik. Bei Bonanza läuft immer gute Musik: Bob Dylan, The Smiths, David Bowie, aber auch viele neue Sachen aus der Indie-Ecke. (Gerüchteweise hört man, dass anfänglich, als Kiduk noch selbst hinter der Espressomaschine stand, immerzu Pink Floyd lief.) Wenn man früh genug aufsteht, hat man die Chance, ein leckeres Croissant zu ergattern. Aber das Wichtigste ist natürlich der Kaffee. Den gibt es immer. Kaffee und keinen Schnickschnack, so könnte man das Konzept von Bonanza am prägnantesten auf den Punkt bringen.

Die Anfänge der Coffee Bar

Es hätte aber auch anders kommen können. Die beiden Entrepreneure haben sich in den Niederlanden kennengelernt und wurden schnell beste Freunde. Yumi, die in Berlin geboren wurde, studierte damals Kunst in Rotterdam. Der Niederländer Kiduk arbeitete zu dieser Zeit bereits erfolgreich als Grafikdesigner. Getrieben von dem Gedanken, etwas Eigenes auf die Beine stellen zu wollen, waren sie damals gemeinsam auf der Suche nach einer Geschäftsidee. Den Plan, eine Wodka-Bar zu eröffnen haben sie zum Glück für die Kaffeewelt schnell verworfen. Yumi ist über eine Freundin, die damals bei Monmouth Coffee in London gearbeitet hat, darauf gestoßen, dass Kaffee auch ganz anders schmecken kann, als sie es bis dahin gewohnt war. Auch ihr Geschäftspartner hatte sein koffeinhaltiges Erweckungserlebnis eher zufällig, bei Caffenation in Antwerpen.

Kaffee schien den beiden interessant genug. Obwohl sie damals über nur wenig Know-how verfügten, fassten sie beherzt den Entschluss, dass dem Kaffee-Business ihre Zukunft gehören solle. Kiduk hatte aus seinem vorherigen Job etwas Geld gespart und so konnten sich die Gründer einige Zeit für die Vorbereitungen lassen. Rund ein Jahr dauerte es schließlich bis zur Eröffnung ihres Cafés. Über Internet-Foren wie toomuchcoffee.com gelangten die Pioniere an wichtige Informationen und knüpften erste Kontakte in die in anderen Teilen Europas und Amerika bereits aufkommende Szene. Latte-Art brachten sie sich mühsam selbst bei. Während kunstvoll mit Milchschaum verzierte Espressogetränke längst zum guten Ton gehören, betraten sie damals Neuland. Aber es gab auch Rückschläge. Beim Versuch, einen PID-Controller, der für stabile Temperaturen in der La Marzocco Linea-Espressomaschine sorgen sollte, einzubauen, schlitzte sich Kiduk versehentlich die Pulsader auf und musste ins Krankenhaus eingeliefert werden. Zum Glück ging es danach schnell bergauf. Recherchereisen führten zu Cafés und Röstereien nach London und in die USA. In Portland haben sie bei Stumptown Coffee ihre gemeinsame Liebe zum Filterkaffee entdeckt. In Seattle stießen sie schließlich auf den auf die Maschinen-Manufaktur Synesso. Zurück in Berlin verkauften sie daraufhin ihr gesamtes Equipment wieder und gingen als erste Kaffeebar in Europa mit einer äußerst temperaturstabilen Synesso Syncra an den Start. Bei der Suche nach einer passenden Location machte der Name Bonanza (= ein englisches Wort spanischen Ursprungs und bedeutet soviel wie „ergiebige Goldgrube“ oder auch „Glücksfall“) alle Ehre. Von dem ganz in der Nähe befindlichen sonntäglichen Mauerpark Flohmarkt, der von Beginn an regelmäßig für größeren Andrang sorgte, ahnten die Kaffee-Enthusiasten nämlich bei der Unterzeichnung ihres Mietvertrages noch nichts. (Während sich noch heute sonntags lange Warteschlangen auf die Straße bilden, kommt der wahre Genießer naturgemäß bevorzugt an den anderen Wochentagen in die Oderberger Straße.) Für ihren riesigen Enthusiasmus wurden Yumi und Kiduk von einem örtlichen Espressomaschinen-Händler anfänglich noch belächelt.

Arbeit mit und für Coffee Professionals

Nach nunmehr zehn Jahren harter Arbeit, belächelt sie niemand mehr. Heute können Yumi und Kiduk auf ein Unternehmen blicken, das in der internationalen Kaffeewelt einen exzellenten Ruf genießt. Nur eine Dekade zuvor waren Bonanza die Avantgarde. Die Erkenntnis, dass Kaffee eine Frucht ist, und dass auch Espresso durchaus gewollte Säuren enthalten darf, sowie die (Wieder)entdeckung des Filterkaffees war damals in den Köpfen noch nicht angekommen. Viel Gegenwind gab es anfangs von zahlreichen selbsternannten Kaffeekennern, insbesondere auch aus dem deutschsprachigen Internetforum Kaffee-Netz, in dem bis heute konservative Meinungsführer den Ton angeben. Manchmal schossen Bonanza aber auch über das Ziel hinaus. Für einige Zeit stand ein Clover Coffee Maker, ein von Stanford-Ingenieuren entwickelter automatischer single cup brewer, der eine extrem saubere Tasse brüht, im Laden. „Die Kunden waren damals noch nicht reif dafür“, sagt Yumi. Heute verziert dieses sehr seltene Gerät Kiduks heimische Küche. Doch die Zeiten haben sich zum Glück gewandelt. Die Kunden in Berlin sind weltoffener geworden und trauen sich heute, auch einmal etwas Neues auszuprobieren. Mittlerweile ist Berlin eines der prosperierendsten Zentren der europäischen Spezialitätenkaffee-Bewegung. Das ist auch den Vorreitern Yumi Choi und Kiduk Reus zu verdanken.

Das alles ist natürlich eine Teamleistung. „Derzeit arbeiten wir mit einem sehr guten Gruppe von Leuten zusammen. Ich würde sagen, es ist das beste Team in unserer Unternehmensgeschichte – in allen Bereichen: von unseren Bürokräften, über unsere Barista bis hin zu unseren Röstern. Alle sind sehr motiviert“, gibt Co-Gründer Kiduk erfreut kund. Während in Deutschland der Beruf des Baristas häufig nur ein Job ist, der meist in Teilzeit von Aushilfskräften erledigt wird, ist Bonanza auf der Suche nach wahren Coffee Professionals. „Wir wollen Vollzeitarbeitsplätze mit Entwicklungsperspektive schaffen“, sagt Yumi Choi. „Wir haben die Ressourcen und die Plattformen dafür: von Green Buying über Sample Roasting ist bei uns alles möglich. Auch haben wir die neuesten technischen Voraussetzungen, die ermöglichen, dass die Leute sich bei uns austoben können. Dabei investieren wir oft als erste in state-of-the-art Espressomaschinen, außerdem ermöglichen wir unseren Reisen in die Anbauländer.“ Allerdings wird auch nach interessanten Charakteren gesucht. „Wenn jemand vom Typ her gut zu uns passt, bringen wir ihm auch schon mal das nötige Kaffee-Know-How bei.“ Intern hat das Unternehmen eine Kultur des Coachings etabliert, bei der alle Mitarbeiter voneinander lernen.

Da es in Deutschland kaum Fachkräfte gibt, ist die Belegschaft international bunt gemischt. Neben Mitarbeitern aus Schweden, Finnland und England finden sich auch Polen, Australier und Ungarn sowie viele weitere Nationalitäten unter der Belegschaft. Da Yumi und Kiduk sich auf Englisch unterhalten, ist dies auch die Unternehmenssprache. Obwohl man in den angesagteren Vierteln Berlins mit Englisch bestens über die Runden kommt und sich auch die Kunden in der Coffee Bar längst an das Englischsprechen gewöhnt haben, bietet die Rösterei ihren Mitarbeitern seit Kurzem Deutschunterricht auf freiwilliger Basis an. Schließlich ist es hilfreich, sich auch außerhalb der Kaffeewelt mit seiner Umgebung verständigen zu können. Außerdem gibt es einige Gastronomiekunden, denen es leichter fällt, auf Deutsch zu kommunizieren. Die ständige Weiterbildung gehört bei Bonanza zum festen Programm. Dabei sind die Unternehmensgründer selbst mit gutem Beispiel vorangegangen. Yumi und Kiduk lernten Kaffees anhand objektiver Kriterien zu bewerten und wurden hierfür nach erfolgreicher Prüfung als zwei der ersten deutschen Coffee Professionals überhaupt vom renommierten Coffee Quality Institute als Q-Grader zertifiziert. Aber auch über das eigene Unternehmen hinaus ist es für Bonanza stelbstversändlich, sich in der Community zu engagieren. So hat man nicht nur das Berliner Barista Camp unterstützt, sondern auch die Veranstaltungsserie Brew-up mitorganisiert. Bonanza steckte auch hinter den treibenden Kräften bei der Gründung der Berlin Coffee Society. „Informationen mit unseren Kollegen und Mitbewerbern auszutauschen, zu lernen und uns zu verbessern hat für uns Priorität. Unsere Geheimnisse nicht für uns zu behalten“, ist fester Bestandteil der Philosophie, sagt Yumi. Im Gespräch merkt man, dass es den Gründern nicht nur darum geht, das eigene Unternehmen voranzubringen, sondern die gesamte Branche. Auch über Berlin hinaus spielt dies für das gesamte Team eine wichtige Rolle. So ist Kiduk im vergangenen Jahr nach Kolumbien zur „Best of Cauca“-Competition gereist und hat so die Region bei ihren Anstrengungen, einen Markt für High-End-Kaffee zu etablieren, unterstützt.

Nicht selten trifft man auch privat den einen oder anderen Mitarbeiter – von denen übrigens einige, genau wie die beiden Gründer, ursprünglich aus dem kreativen Bereich stammen – bei einer Tasse Kaffee im Laden an. Sie schätzen ihr Produkt, aber auch die Atmosphäre. Kein Wunder, dass das Unternehmen eine für die Gastronomiebranche eher untypisch niedrige Personalfluktuation zu verzeichnen hat.

Die Anfänge der Rösterei

In den ersten Jahren bezog Bonanza einen eigenen Espresso-Blend von Ronald Albrecht, dem Röster der Berliner Kaffeerösterei. Später dann veredelte Willy Andraschko die Kaffeebohnen für das Café in Prenzlauer Berg. Erst 2009 trauten sich Bonanza selbst ans Kaffeerösten. Zu diesem Zeitpunkt benannten sie sich – etwas bescheidener – in Bonanza Coffee Roasters um. Im Mittelpunkt des Coffee Shops, wo sich heute die Brew Bar mit einer Mahlkönig EKK 43 (einer EK 43 mit zwei Mahlwerken), einem Über Boiler und der Zapfanlage für das aufbereitete Umkehrosmose-Wasser befindet, stand damals ein kleiner 3-kg-Röster aus dem Hause Probat. Erworben haben die Bonanzas die historische Maschine aus dem Jahre 1918 einst von Peter von Gimborn. Dieser hat ihn von seinem Urgroßvater, dem Gründer der Firma Probat, geerbt. Im Kaufvertrag wurde festgelegt, dass Bonanza den Trommelröster nicht an Dritte weiterveräußern darf, sondern ihn im Falle eines Verkaufs zuerst der Familie von Gimborn anbieten muss.

But first @bonanzacoffee ☕️❤️ | #boschcoffee

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Mittwochs und Donnerstag blieb das Café in den Anfangsjahren geschlossen. An diesen Tagen wurden Rezepte entwickelt, Rohkaffees, die zu Beginn über den Importeur Inter American bezogen wurden, ausgewählt, geröstet und die Ergebnisse gecupped und sich weitergebildet, was das Zeug hielt. Schnell erfolgte auch die Produktionsröstung auf dem kleinen Trommelröster. Rasch konnte Bonanza die ersten Abnehmer aus der Gastronomie, darunter die Cafés Oliv, 103 sowie das Hotel The Circus gewinnen. Dort stießen sie auf Felix Breun, der heute General Manager bei Bonanza und die tragende Säule im Tagesgeschäfts ist. Um schnell umfangreichere Rösterfahrungen zu machen, hat Bonanza seinen Kaffee damals fast zum Selbstkostenpreis an die ersten Abnehmer weitergegeben. Die Ergebnisse konnten sich schmecken lassen und die Lernkurve verlief steil. Nicht zuletzt weil Bonanza eine der ersten Röstereien überhaupt war, die mit Software-Unterstützung reproduzierbare Resultate erzielte.

Der Rösterei-Umzug

Irgendwann platzte das Café in der Oderberger Straße – auch wegen des stetig wachsenden Rohkaffeelagers – aus allen Nähten. Bei mittlerweile 30 Röstungen am Tag, kleineren Feuern und Überschwemmungen sowie einem von schweren Rohkaffeelieferungen abgesenkten Bürgersteig vor dem Ladenlokal war die Kapazitätsgrenze schließlich überschritten. Als der Balkon des Vermieters von röstbedingt herumfliegenden Pergamenthäutchen der Kaffeebohnen geflutet wurde, drohte der Rausschmiss. Auch die Buchhaltung und der Versand der Bestellungen war in Yumis winzigen Küche nicht mehr zu bewerkstelligen. 2013 erfolgte der dringend erforderliche Umzug in einen Hinterhof im Stadtteil Wedding.

Die von zwei riesigen bissigen Hunden des Nachbarn besser als nur gut bewachte Rösterei in der Hochstraße beherbergte den größeren Röster, einen von Kiduk selbst refurbishten Probat UG 22. Außerdem war hier ausreichend Platz für Felix‘ Skateboard-Rampe, die allerdings nach kurzer Zeit dem weiter wachsenden Rohkaffeelager weichen musste. Die unbeheizte Halle sollte zunächst lediglich als Übergangslösung dienen. Allerdings zeigte sich die Suche nach der perfekten Location für die Rösterei schwieriger als ursprünglich angenommen. Aber immerhin bot das Büro über der Rösterei ausreichend Kapazitäten, um von dort aus das Wholesale-Geschäft auszubauen – und auch die Röster wussten nach kurzer Eingewöhnung mit den Temperaturschwankungen kompetent umzugehen.

Nach drei harten Wintern konnte endlich der Umzug der Rösterei in den jetzigen Standort in der Waldemarstraße in Kreuzberg realisiert werden. Hier erinnert nichts mehr an das etwas unwirtliche Provisorium im Wedding. Die neue, vom Rotterdamer Designstudio Monomark eingerichtete Halle ist hell, freundlich und einladend. Sie bietet ausreichend Platz für die Röstmaschine und das Rohkaffeelager, die vom vorderen Bereich, in dem eine Kaffeebar eingerichtet wurde, durch Fenster einsehbar sind. Außerdem gibt es hier seit dem Abschluss der Umbauarbeiten ausreichend Platz für ein eigenes Labor und Raum für Schulungen.

Best @bonanzacoffee ever. Of course with the best @adrianantonn behind the brew bar. | #boschcoffee

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Die Röstmaschine, die jetzt im Gebrauch ist, besteht nur noch zu wenigen Einzelteilen aus dem zuvor benutzten Probat UG 22 aus dem Jahre 1959 und wurde darüber hinaus komplett neu aufgebaut. „Während sich die Kaffeewelt weitergedreht hat und wir heute viel mehr über den Anbau und das Zubereiten von Kaffee wissen, hat sich die Röstertechnik nicht wesentlich weiterentwickelt. Unser Gerät bietet uns jetzt die Kontrolle über sämtliche Variablen, die beim Rösten einen Einfluss haben. So können wir z. B. erstmals den Airflow, die Trommelgeschwindigkeit und Gasventile exakt steuern“, so Kiduk. Natürlich stellen diese neuen Steuerungsmöglichkeiten das Röst-Team zunächst vor neue Herausforderungen. Man ist sich aber sicher, dass sich die Fortschritte in der technischen Entwicklung auch bald in der Tasse schmecken lassen.

Epilog

Wenn man vor dem kleinen Shop in der Oderberger Straße steht, kann man manchmal kaum glauben, was hier oft gleichzeitig alles hinter den Kulissen passiert. Heute röstet Bonanza Kaffee für zahlreiche Cafés in Berlin und ganz Europa. Reisen führen die Mitarbeiter zu Farmen in den Anbauländern, zuletzt nach Kolumbien, Honduras, Äthiopien und Brasilien. Dort werden Rohkaffees von hervorragender Qualität ausgesucht, die sonst nicht erhältlich sind, und Kontakte zu den Produzenten aufgebaut und gepflegt. Ergänzt wird der Einkauf durch langjährig gewachsene Beziehungen zu vertrauenswürdigen Importeuren. Die erste Synesso Syncra im Café ist – nach einer Kees van der Westen Spirit und einer La Marzocco Strada – mittlerweile einer dreigruppigen Espressoaschine von Slayer gewichen. Täglich gibt es einen wechselnden Filterkaffee, der auf einem Batch-Brewer von Fetco zubereitet wird. Aber auch die mit allergrößter Akribie von Hand mittels Kalita Wave und Aeropress gebrühten Spezialitäten werden von den Kunden immer häufiger verlangt. Vor zwei Jahren hat man sich – unternehmenstypisch nach langen internen basisdemokratischen Diskussionen – dazu entschieden, nur noch ein ideales Profil für Filter und Espresso zu rösten. Die jeweiligen Charakteristika des jeweiligen Kaffees betont, z. B. ob ein Kaffee viel Körper hat, sehr süß oder sehr spritzig ist; die Brühmethode entscheidet nicht darüber, wie ein Kaffee geröstet wird. Auch dies ist ein noch verhältnismäßig neuer Ansatz.

Say hi to my favourite coffee dog @chotifeed. She’s the real boss at @bonanzacoffee. | #boschcoffee x #boschzoo

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Viel hat sich verändert in den vergangen zehn Jahren, aber die Liebe zum Kaffee ist, was alle bei Bonanza gemeinsam antreibt. Kaffee ist eines der meistkonsumierten Getränke überhaupt. Obwohl Bonanzas Marktanteil so klein ist, dass er bezogen auf den Gesamtmark kaum messbar ist, handelt es sich um ein Unternehmen mit riesiger Innovationskraft, getragen von einem großartigen Team. Trotzdem sieht sich Bonanza nicht als elitären Anbieter. „In Deutschland ist die Zielgruppe für Specialty Coffee noch ziemlich klein“, sagt Yumi. „Die Szene muss sehen, ob und wie es hinbekommt, nicht nur Kaffee für Enthusiasten zu machen, sondern besseren Kaffee auch einer breiteren Öffentlichkeit zugänglich zu machen. Dabei ist es gut, für bessere Qualitäten auch höhere Preise zu bezahlen“, macht sie als einen Trend für die kommenden Jahre aus. Stets gilt jedoch dabei der Grundsatz: „Alle unternehmensinternen Diskussionen drehen sich darum, was Werte schafft und nicht, was dem meisten Profit bringt“, gibt Yumi mir abschließend mit auf den Weg.

Das „Heroes“ haben sie zwar vor einigen Jahren aus ihrem Namen gestrichen. Obwohl David Bowie lange Zeit anderen Genussmitteln als Kaffee den Vorzug gegeben hat, gilt für die Bonanza Coffee Roasters, was der Wahlberliner einst sang: „We can be heroes. Forever and ever.“


Dieser Artikel erschien im Standart Magazine, Ausgabe 4, in einer stark redigierten englischsprachigen Fassung.

Ausstellung: David Bowie im Martin-Gropius Bau

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Die Räumlichkeiten ein dunkler Schlauch, Besucher dicht gedrängt wie auf einem Konzert, aber Kopfhörer tragend. Die aus London importierte Ausstellung versucht, sich dem Phänomen David Bowie zu nähern. Kann das gelingen? Nein. – Zu viel Text. Kein roter Faden. Verwirrung. Wer ein paar Jahre zu jung ist, um den Pop 70er und 80er Jahre bewusst erlebt zu haben, bleibt im Vagen. Macher erschlagen Besucher mit der Vielfalt von Musik, Text, Interview, Theater, Film, Mode und Installtion. Chaos.

Daran kann man verzweifeln, muss man aber nicht. Der Audioguide leitet einen durch die Ausstellung. An den richtigen Stellen werden automatisch Musik oder Tondokumente eingespielt. Das funktioniert wunderbar. Wer sich darauf einlässt, an diese Ausstellung nicht den Anspruch eines Hauptseminars zu stellen, kann durch die mehr als dreihundert gezeigten Exponate flanieren und die Geschichte des Pop erhören, erleben und erfühlen. Die Kuratoren haben eine begehbare Collage erschaffen, die vollkommen zu durchdringen in der Kürze der Zeit unmöglich ist. Und trotzdem kann man sich daran erfreuen, vom Meister und seinen Zeitgenossen zu hören, wie sie im Tonstudio gearbeitet haben; wie Bowies grimassenschneidendes Gesicht auf zwei interagierende halslose Männcheninstalltionen projiziert wird, oder wie plötzlich Ziggy Stardust ertönt, wenn man ums Eck kommt. Aufgrund der thematischen Vielfalt, kann sich jeder aussuchen, was ihm gefällt. Glitzer und Musik.

Die Ausstellung versucht, sich dem Phänomen David Bowie zu nähern. Kann das gelingen? Ja. Aber nicht mit den Augen, sondern eher kleinerprinzmäßig. Auch wenn man die Ausstellung vielleicht nicht viel schlauer verlässt als man hinein gegangen ist, so bekommt man doch ein Gespür dafür, wie groß der Einfluss David Bowies auf die Popkultur war: nämlich sehr groß.

Der Eintrittspreis ab 14 Euro ist zwar nicht gerade knapp bemessen, aber dafür dauert die Unterhaltung auch länger als Kinofilm. Die Ausstellung im Berliner Martin-Gropius-Bau läuft noch bis zum 10. August 2014.

Urlaub in Berlin

Brunnenstraße, Berlin-Mitte

Es ist Sommer und warum im Sommer nicht dorthin fahren, wo es schön ist? Nach Berlin. Das ist naturgemäß kein richtiger Urlaub, wie man ihn im Katalog bestellt; mit Strand und Meer oder Bergen und Schnee. Ich war schon einmal hier für ein paar Jahre, es ist noch nicht allzu lange her, das ist gut, denn so bin ich, obschon hier alles ständig im Wandel ist, noch einigermaßen orientiert. Kein Strand, keine Berge, kein Ortswechselschock – das ist gut. Ich wollte nur ein paar Tage bleiben, nun sind schon ein paar Wochen daraus geworden, genau genommen Monate. Ich muss aufpassen, dass mich dieses Berlin nicht wieder kriegt, so wie es mich damals schon einmal bekommen hat, also plane ich seit Wochen meine baldige Abreise.

Es ist also kein richtiger Urlaub, mit Erholung bei einem guten Buch und viel Schlaf, wie man es sich immer vorstellt, wenn man an Urlaub denkt. Es ist nicht einmal eine Städtereise in eine der aufregenden Metropolen dieser Welt, New York oder meinetwegen Paris. Es ist einfach nur die kontinuierliche Planung meiner Abreise von einem sehr vertrauten Ort, an dem mich eigentlich nichts hält, und an dem ich bleibe, weil mich woandershin auch nichts zieht und schon gar nicht jemand. Der Rest ist überwiegend Wachzeitverbringung.

Zentrum meines sogenannten Urlaubsaufenthaltes ist dieses Mal Berlin-Mitte. Ich tue hier, was man in Berlin-Mitte zu tun pflegt: Morgens gehe ich frühstücken, irgendwas mit französischem Käse, mittags esse ich immerzu Pastrami-Sandwiches, nachmittags sitze ich in Kaffees und trinke Flat White. Abends besuche ich Restaurants, Bars, Clubs und Galerien. All dies wird nur unterbrochen von unvermeidlichen Gesprächen mit Menschen über Projekte. Projekte sind gut, denn sie haben einen definierten Schlusszeitpunkt, sie passen zu Berlin, wo an jeder Ecke etwas aufpopt, was contemporary ist: Bars, Clubs, Galerien und Beziehungen. Naturgemäß kommen die meisten Projekte nie zustande und die anderen bringen kein Geld ein. Mit Ersterem lernt man umzugehen und Letzteres wird einfach im Nachhinein als Kunst deklariert. Es ist wie immer alles eine Frage der Narration. Das Schöne an Klischees ist, dass sie so oft zutreffen, denke ich und blicke in den Spiegel und sehe einen Mann mit Vollbart, großer Hornbrille und einem Jutebeutel, in dem sich ein paar leere Notizbücher und ein Ladegerät für ein mobiles Telefon befinden.

Das Wichtigste in Mitte sind Kontakte. Man muss hier nicht nur Leute kennen, man muss die richtigen Leute kennen. Wenn ich groß bin, mache ich eine Rating-Agentur für Mitte-People auf. Als Bewertungsfaktoren fließen ein:

  • Gästelistenplätze (gewichtet nach Bedeutung der Veranstaltung): 5-20 Punkte, Zugang zur VIP-Lounge: 5 Bonuspunkte.
  • Auf der Fashion Week in der ersten Reihe sitzen: 10 Punkte, dabei ein überteurtes, aber nicht schönes Designer-Kleid tragen: 5 Bonuspunkte.
  • Über den roten Teppich auf der Berlinale gehen: 25 Punkte, Foto zusammen mit Filmsternchen aus Amerika: 5 Bonuspunkte.
  • Im angesagtesten Coffee Shop der Stadt kennen sie Deinen Namen: 10 Punkte.
  • Türsteher erkennt Dich und freut sich, wenn er Dich sieht: 15 Punkte, Türsteher lässt Dich an der Warteschlange vorbeiziehen: 5 Bonuspunkte.
  • DJ zur Begrüßung umarmen: 10 Punkte, DJ-Kumpel erfüllt einen Musikwunsch: 5 Bonuspunkte.
  • Küsschen von der Barfrau zur Begrüßung: 20 Punkte, Barfrau gibt einen Drink aus: 10 Bonuspunkte.
  • Die wichtigen PR-Agenturen der Stadt nehmen Dich auf ihren C-Promi-Verteiler auf: 10 Punkte, die Agenturen bemustern Dich mit neuartigen Drinks, Klamotten und Gadgets: bis zu 30 Bonuspunkte.
  • Mit dem VIP-Shuttle nach Hause gebracht werden: 50 Punkte.
  • Eine Galerie trägt Deinen Namen: 100 Punkte.

All das multipliziert man mit dem Klout-Score, der versucht, die Bedeutsamkeit von Personen in Social Networks zu erfassen. Das Ergebnis hat wie bei Ratings zur Folge: Wer hat, dem wird gegeben – noch mehr Gästelistenplätze und manchmal auch falsche Freundschaften mit Menschen, die man nicht mag, und die einen auch nicht mögen, aber einen ähnlich hohen Mitte-Score aufweisen.

Und während ich auf einer der vielen Bürowärmungszelebrationen herumstehe und über einen fancy Namen für meine Menschenbewertungsagentur nachdenke, um einem der vielen Geschäftsengel möglichst viel Kapital aus dem Ärmel zu leiern, entdecke ich an der Bar eine schöne Frau in einem schönen Kleid. Wir lächeln einander zu und gehen auf die Dachterrasse. Außer uns ist nur noch ein Heizpilz da; ich sage, ach wie romantisch, dann plötzlich küssen wir uns leidenschaftlich. Anschließend verrät sie mir ihren Namen und sagt, dass sie Atomphysikerin sei und schon immer mal jemanden mit Bart küssen wollte. Das Experiment ist gelungen. Zwei Sätze, noch ein Kuss, kein Austausch von Kontaktdaten. Berlin-Mitte, ein immerwährender Karneval. Und weiter zur nächsten Verabredung.

Man weiß, dass man sich von so einem Ereignis nicht aus der Bahn bringen lassen darf, genau wie man sich niemals in DJanes, Türsteherinnen, Agenturkolleginnen und Bloggerinnen verlieben darf. Visier herunterklappen und weiter. Trotzdem denke ich plötzlich, dass Berlin ja gar nicht so schlecht ist, wie alle immer sagen, also, wie ich immer sage, und dass hier ja wohl doch einiges möglich ist usw. Und wie ich mich dabei ertappe, mir die Hauptstadt schön zu reden, folgt die Erdung in Form eines dicken Türstehers einer Bar, die eigentlich ein viel zu kleiner Club ist. Es ist nicht mein erster Besuch hier und trotzdem habe ich immer ein ungutes Gefühl, wenn jemand an der Tür steht, den ich nicht kenne, und, was noch schlimmer ist, der mich nicht kennt. Was ich mit dem Laden zu tun hätte, fragt er mich, und ich antworte wahrheitsgemäß, dass ich hier gelegentlich Getränke trinke und seltener, so es die Umstände zuließen, auch tanze. Dem Türsteher gefällt die Antwort nicht, aber vor allem gefalle ich ihm nicht und es tritt eine Art Verhörsituation, für die man Berlin, insbesondere aber die Berliner Türsteherschaft schnell hassen lernt. Er hält mich für einen Werbefuzzi, und er scheint Werbefuzzis nicht zu mögen. Ob ich in einer Agentur arbeite, fragt er und ich setze mein Pokerface auf und sage nein, was nur noch halbrichtig ist. Er hat Menschenkenntnis, sonst wäre er kein Türsteher, und bohrt weiter. Ob ich in einem Internetunternehmen arbeite. Ich verneine erneut. Was ich denn mache, will er wissen. Ich bin Autor, sage ich, was ebenso halb gelogen ist, wie meine Auskunft zu meinem Werberdasein, aber das ist egal, die Antwort scheint ihm zu gefallen. Er lässt mich endlich in den Laden, der viel zu voll und viel zu laut und viel zu verraucht ist. Und ich frage mich, wozu das alles, und ärgere mich, dass ich die unwürdige Türsteherprozedur über mich habe ergehen lassen und trinke kein Getränke und tanze keinen Tanz und verlasse nach wenigen Minuten den Laden wieder, um unangeschnallt im Taxi durch den Berliner Sommerregen dorthin zu fahren, was ich gerade mein Zuhause nenne, was aber kein Zuhause ist, weil ich hier nur Gast bin. Und während ich im Taxi sitze, denke ich, dass es doch alles nicht so doll ist in diesem Berlin und dass es Zeit wird, die Stadt wieder zu verlassen, bevor sich der Running Gag meiner Anwesenheitspermanenz in meinem Freundeskreis manifestiert. Und irgendwann werde ich zurückkommen, weil ich es eigentlich ja mag, und dann geht wieder alles von vorne los.

 

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Diesen Text habe ich gern für das wunderbare Magazin BLANK geschrieben. In Ausgabe 01/2012 wurde er veröffentlicht. Die vollständige Ausgabe kann hier heruntergeladen werden.

Laufmaschinen

Berlin Fashion Week Catwalk

Mechanisch stakseln sie über den Laufsteg, starr ihr Blick. „Du darfst auf keinen Fall lächeln“, hat man ihnen gesagt, und eisern halten sie sich daran. Lange Schritte, konzentriert setzen sie einen Fuß vor den anderen, während sie mit den Augen einen imaginären Punkt am Ende des Raumes fixieren. Manchmal, wenn man ganz aufmerksam ist, kann man ein kleines Wanken beobachten, wenn sie in ihren schlecht passenden und viel zu hohen Schuhen hin und her rutschen. Für den Bruchteil einer Sekunden haben die Laufmaschinen dann etwas Menschliches.

Aus den Lautsprechern dröhnt elektronische Musik, die wummernden Bässe drohen die viel zu dünnen Mädchen wegzufegen. Kleider werfen keine Falten und Marcel Duchamps Flaschentrockner scheint das Idealbild des weiblichen Modeweltkörpers zu sein: ein Gerippe mit vorstehenden Knochen. Eine naturgegebene knabenhafte Frauenbrust ist keine Tragödie, die mit Silikonkissen bekämpft werden muss – aber eben auch kein Schönheitsideal, das mittels Wattediät heruntergehungert werden sollte. Ob manch ausgemergelter Erscheinung muss ich meinen Blick vom Laufsteg abwenden. Die Frauen seien für Models normal dünn, so meine fachkundige Begleitung. Die Normen müssen sich ändern, denke ich, und möchte die Models füttern. In der kommenden Saison sehen wir auf dem Laufsteg Frauen mit Hüften und Brüsten.