Zum Beispiel hier im Laundromat

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Man kann nicht den ganzen Tag an Griechenland denken. Irgendwann muss man schließlich auch mal seine dreckige Wäsche waschen. Früher hatte ich mal eine eigene Waschmaschine. Als die kaputt ging, habe ich einen Münzautomaten im Keller des von mir bewohnten Mehrfamilienhauses benutzt. Damals war ich genervt von diesem Zustand, konnte mir aber auch nicht ausmalen, dass das irgendwann Share Economy heißt und hip sein würde. Jetzt ist der Uber-Wasch-Automat in meinem Waschkeller kaputt und ich muss in den Salon am Ende der Straße gehen. Aber ich will nicht klagen. Lebte ich in Griechenland, müsste ich vermutlich bald mit der Hand waschen und sorgte mich um die Beschaffung des Flüssigfeinwaschmittelnachschubs für rechtsdrehende Baumwollschwarzwäsche.

Als ich die Wohnungstür öffne, huscht in diesem Moment ein über mir wohnender Nachbar mit einer großen blauen Ikea-Plastik-Tasche voller dreckiger Wäsche zaghaft murmelnd, aber doch vernehmlich mürrisch grüßend, an mir vorbei. Während ich überlege, mit dem mir nicht näher bekannten Hausbewohner eine Konversation über unser gemeinsames im Keller des Mietshauses befindliches Leid zu beginnen, und die Frage, ob er bereits oder ob womöglich ich mich mit der Hausverwaltung in dieser Angelegenheit in Verbindung setzen solle, gehen wir wortlos fast nebeneinander her. Wir haben nicht nur dasselbe Problem, sondern auch denselben Weg. Dafür sind Ikea-Tragetaschen gemacht, denke ich, während ich mich frage, ob der Transport von dreckiger Wäsche zur Münzwäscherei in blauen Ikea-Taschen je in die sogenannte Popliteratur Einzug gefunden hat.

Beim Betreten des Waschsalons sage ich „Moin“, wie man es in Hamburg zu tun pflegt, aber in Waschsalons scheint es unüblich zu sein, einander zu begrüßen, obwohl man ja eigentlich so etwas ist, wie Kollegen, aber vielleicht ist man auch eher so etwas wie Parteifreunde. Es ist mein erster Besuch in einem Waschsalon und ich wundere mich darüber, dass ich mich darüber wundere, dass keine gutgebauten Boys in Boxershorts herumsitzen, die wie in alten Jeanswerbungen gerade ihre Nietenhosen reinigen. Während ich rotierenden Trommeln dabei zusehe, wie sie sich zügig mit Wasser füllen, tippt mein mittlerweile übergroße Kopfhörer tragender Nachbar hektisch auf seinem Smartphone herum.

Angesichts einer dreiviertelstündigen Ereignisloskeit wundert mich es indes nicht mehr, dass das die Tätigkeit des Wäschewaschens – abseits von betriebstypischen Waschzetteln – bislang keinen von mir als bemerkenswert empfundenen Einzug in die Geschichte der Literatur zu verzeichnen hatte. Aus verschiedenen Gründen und zur Zerstreuung blättere ich ein wenig in Rainald Goetz‘ Buch Klage, dessen blau-weißer Einband mich schon wieder an Griechenland denken lässt. In dem Buch passiert naturgemäß nicht viel, aber immerhin wird darin keine Wäsche gewaschen und die Krisen sind eher feuilletonistischer Natur.

Schon ein paar Umdrehungen später bin ich erlöst. Möglicherweise handelt es sich bei dem schwedischen Möbelhaus gar nicht um ein Köttbullar-Business, sondern in Wirklichkeit um einen Blaue-Tragetaschen-Konzern, denke ich, während ich bewusst retardierend die saubere Wäsche in die Ikea-Tasche lege, um mir die Unannehmlichkeit des wortlosen Nebeneinanderhergehens mit meinem Nachbarn auf dem Rückweg zu ersparen.

Alltägliche Zettelbotschaft

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Nach dem Aufstehen auf dem Tisch einen Zettel mit einem stilisierten Herzen darauf finden. Früher hätte durchaus die Möglichkeit bestanden, auf diesem die bis dahin unbekannte Telefonnummer des Menschen, mit dem man zuvor die Nacht verbracht hat, vorzufinden. Heute stand dort lediglich: „Bitte Wäsche waschen!“

Das ist auch okay so, denn was nützt alle Romantik, wenn die Oberbekleidung nach Bratfett und Schweiß stinkt? Ihr müsst auch mal wieder mit in den Alltag kommen.

Hündin und Herr

Ich bin auf den Hund gekommen wie man sagt,
Der Hund bestimmt mein ganzes Leben
Seit diesem Tag.
Ich gehe vor die Hunde wenn,
Ich ihn nicht mehr hab.

(Tocotronic)

Abhängigkeiten ketten sie aneinander, sie sind wie ein altes Ehepaar. Vielleicht mochten sie einander früher einmal. Rudolf, der Herr, hat Blondi, seine Hündin, ab und zu getätschelt und regelmäßig gefüttert. Blondi bedachte Rudolf dafür mit einem freundlichen Blick. Irgendwann aber haben sie sich auseinander gelebt. Trotzdem gehen sie noch täglich miteinander vor die Tür, denn ohneeinander geht es auch nicht. Wenn Blondi nicht so recht will, wie er es gern hätte, schreit er sie an. Sogar Anzeichen von Tätlichkeiten kann man gelegentlich beobachten. Blondi erträgt all dies seit Jahren mit der allergrößten Gleichmut. Im Laufe der Zeit hat die Hündin es gelernt, sich an Rudolf zu rächen. Wo sie nur kann, trödelt sie, schnuppert hier und da an irgendwelchen Dingen, die sich am Wegesrand befinden, und bleibt immer häufiger unvermittelt stehen. Immerzu lässt sie Rudolf, der es nicht besser verdient hat, auflaufen. Blondi emanzipiert sich. Wüsste man es nicht besser, könnte man manchmal sogar meinen, dass Blondi Rudolfs nunmehr Herrin sei. Tagein, tagaus machen sie einander das Leben schwer, obwohl sie einander doch Zuneigung und Vertrauen entgegenbringen sollten. Die Hölle, das sind sie beide. Rudolf wird immer jähzorniger. Blondi bestünde die Prüfung zur Blindenhündin heute wohl nicht noch einmal.

Arschlochcabriofahrer

Und dann dem Arschlochcabriofahrer, der mir, ohne dass es die Verkehrssituation erforderte, fast die Hacken abgefahren hat, laut in seine offene Karre hinterherbrüllen „DEIN AUTO BRENNT ALS NÄCHSTES!“, anschließend aber doch den Grillanzünder nicht, wie man es in den Boulevardmedien gelernt hat, auf seinem Autoreifen plazieren, sondern ganz brav dazu verwenden, die Kohle zum Glühen zu bringen, um sich anschließend fast an den in Plastikfolie eingeschweißten Würsten zu verschlucken.