Neun von zehn

“Gibt es denn gar nichts, worüber Du Dich freuen kannst?”, fragte sie mich irgendwann einmal. Und ich muss länger überlegen, ob es das wirklich gibt. Dinge oder Momente, die sehr, sehr gut sind. Also neun von zehn etwa. Neun von zehn ist schon sehr, sehr gut. Besser geht es kaum noch. Und natürlich gibt das trotz allem, was das Leben beschwert.

Neun von zehn ist, wenn bei “So What” auf “Kind of Blue” zum ersten Mal die Trompete von Miles Davis einsetzt. Neun von zehn war, wenn ich bereits wach neben ihr lag, sie von einem Sonnenstrahl geweckt wurde und dann ihre Nase kräuselte. Neun von zehn ist ein Satz von Thomas Bernhard, wenn er wütend ist. Neun von zehn ist ein gute heiße Schokolade, wenn es draußen -18 Grad Celsius ist.

Neun von zehn sollte alles sein, denke ich, während ich der aktuellen Ausgabe eines Magazins blättere und eine Checkliste entdecke, in der ich mühelos neun von zehn Punkten erreiche. Und dann denke ich daran, wie neun von zehn es war, als ich zum ersten Mal eine scheinbar schwierige Mathematikaufgabe gelöst habe und starre auf das Magazin und weiß nicht einmal mehr, wie eine einfach Subtraktion funktioniert. Statt einen Rechenschieber zu bemühen, kann ich nur noch einen weiteren dieser Eins-von-zehn-Texte schreiben, die mir und allen anderen längst zum Halse heraushängen.

Zauberwürfelkünstler

Ein junger Mann in der U-Bahn starrt wie in Trance an die Decke und bedient nebenbei in Blitzgeschwindigkeit ein mechanisches Geduldsspiel der achtziger Jahre. Nur selten gerät er ins Stocken, zählt dann an seinen Finger irgendetwas ab und fährt fort. Weisen alle Seiten des Zauberwürfels dieselbe Farbe auf, beginnt er von vorn. Bis zur Endstation.

Fragen

Wolke

Betrinkst Du Dich manchmal, wenn Du allein bist? Hast Du ein Emotion-Abo? Magst Du Bärte? Glaubst Du an die Liebe? Und an große Brillen? MP3 oder Vinyl? Hast Du Nina Pauers Artikel geliked? Liest Du die Packungsbeilage? Duftet es nach Rosen, wenn Du pupst? Was ist in Deinem Jutebeutel? Weinst Du im Kino? Wenn ja, hast Du Papier- oder Stofftaschentücher dabei? E-Mail oder handgeschöpftes Büttenpapier? Hast Du schöne Füße? Entenküken oder Welpen? Wann hast Du zuletzt einen Baum umarmt? Singst Du unter der Dusche Songs von The National oder William Fitzsimmons? Welche ist Deine Lieblings-Bionade? Farb- oder Schwarz-Weiß-Film? Wie findest Du Yoga-Männer? Fragst Du mich, was ich denke? Liest Du auf dem Klo “Psychologie heute”? Gehst Du barfuß durch den Morgentau? Hast Du einen Karton, in dem Du alte Liebesbriefe aufbewahrst? Wenn Du ein Flauschhase wärst, welche Farbe hätte Dein Fell? Frozen Yogurt oder Bubble Tea? Machst Du die vernünftigen Dinge zuerst? Kannst Du Photosynthese erklären? Weißt Du, welches Jahr wir haben? Wärmflasche oder Kirschkernkissen? Wie oft sagst Du “hach”? Liest Du auf Bühnen aus Deinem Tagebuch vor?

Vogel Strauß

Wie sinnlos die Welt dir erscheinen mag, vergiss nie,
dass du durch dein Handeln wie durch dein Unterlassen dein
redlich Teil zu dieser Sinnlosigkeit beiträgst.
(Arthur Schnitzler)

Obwohl seine Augen größer sind als sein Gehirn, weiß der Vogel Strauß, dass es keine Lösung ist, bei drohender Gefahr, den Kopf in den Sand zu stecken. Der Irrglaube, er täte ebendies, hält sich zwar hartnäckig, ist jedoch einer falschen Beobachtung geschuldet. Tatsächlich legt sich der Struthiu camelus flach auf den Boden, um bei Fährnis sein Nest zu schützen.

Die Dinge sind zuweilen anders als sie erscheinen.

Aktives Handeln

What good am I if I know and don’t do?
(Bob Dylan)

Endlich hat er eine Entscheidung getroffen, wie all das weitergehen sollte. Eine kleine Schlacht im Krieg gegen das eigene Phlegma war nun gewonnen; er hat sich für die Umschulung zum Pornorapper angemeldet. Vielleicht war das nicht ganz genau das Richtige für ihn, aber irgendwas musste passieren. “Stop da fat lethargy, MC”, summte er ein wenig zu selbstzufrieden vor sich hin, aber dies war die einzige Chance, ein paar Props zu erhalten. Dann ritt er auf den nassen Straßen der Stadt dem Turm, der über alles ragte, entgegen. – So weit ihn sein totes Pferd trug.