Winterfrische auf Rügen – Teil 1

Strandpromenade

Es ist Ende März. Gemäß den Prophezeiungen des Hundertjährigen Kalenders müssten zu dieser Jahreszeit ein paar Sonnenstrahlen auf der Erde eintreffen, aber es schneit, als wir die Insel erreichen. Madame und ich erleben schon im Alltag genug, also haben wir uns vier Tage Erholungsurlaub im beschaulichen Ostseebad Binz auf Rügen genehmigt.

Die Anreise mit der Bahn verläuft wider Erwarten komplikationslos, und der Weg vom Bahnhof zum Hotel Nymphe erweist sich als kurz. Das ist gut, denn ich habe vergessen, den hoteleigenen Fahrdienst von unserer Ankunftszeit in Kenntnis zu setzen. Vor dem Haus, das für die folgenden Tage unsere Herberge sein soll, steht ein Schild. Darauf steht geschrieben: „Heiter den Alltag abstreifen – mit Lust auf Meer“. Das wollen wir tun, denke ich, wenngleich ich dafür wohl andere Worte gewählt hätte. Später erfahre ich, dass das erst vor wenigen Tagen eröffnete Hotel von einer sogenannten Projektentwicklungsgesellschaft errichtet und schlüsselfertig an die jetztige Betreiberfirma übergeben wurde. Den Slogan hat sich vermutlich der leitende Bauingeniuer, quasi als kreativen Ausgleich zu statischen Berechnungen, erdacht, um sich unsterblich zu machen. Während ich damit beginne, heiter den Alltag abzustreifen, stelle ich fest, dass sich in der Übernachtungsstätte mehr tätige Handwerker als Gäste aufhalten. Erstere haben ihre natürliche Neigung zum morgendlichen Frühbohren, -hämmern und meißeln allerdings erstaunlich gut im Griff, wie sich an den nächsten Tagen herausstellen soll. Vermutlich hat der Ingenieuer auch hierfür einen besänftigenden Spruch im Repertoire, z. B. „Heiter bohren – noch schöner am Nachmittag“.

Unser Zimmer ist geschmackvoll in gedämpften Farbtönen eingerichtet. Die gebuchte Meerseite macht sich allerdings lediglich beim Blick aus einem 40 Zentimeter schmalen Fenster bemerkbar. Das ist nicht so schlecht für ein Haus, das in der zweiten Reihe steht, denke ich, während ich darüber sinniere, ob diese Tatsache auch im Prospekt erwähnt wurde. Meine urlaubsbedingte Grundheiterkeit vermag diese Tatsache allerdings nicht zu trüben: Mein Fenster zur Welt verfügt über eine Diagonale von 24 Zoll und ist ein Apple iMac samt Zugang ins weltweite Netz, der zur Standardausstattung der Zimmer gehört. Manchmal kann es so einfach sein, mich ein bisschen glücklich zu machen. Dass Madame und ich nicht die ersten Gäste in diesem Raume sind, wird mir beim Einschalten des Rechners klar: Das Vorbewohnerpärchen hat uns ein mit der in den Computer integrierten Kamera aufgenommenes Selbstportrait in eindeutiger Pose hinterlassen. Dass der Mann auf dem Bild sein entblößtes Genital in der Hand hatte, brauchte ich der jungen Dame an der Rezeption so detailliert nicht zu schildern. Mein dezenter Hinweis darauf, dass sicher nicht alle Gäste im Umgang mit der modernen Technik vertraut seien und wir „delikates Bildmaterial“ vorgefunden hätten, reichte aus, um dem Empfangsfräulein einen Satz rote Ohren zu bescheren. „Winterfrische auf Rügen – Teil 1“ weiterlesen

Monte-Carlo-Simulation

Monte Carlo
Foto: 7681

Was für eine schöne Vorstellung: strahlender Sonnenschein, blühende Palmen, exklusive Spielcasinos, hitzige Formel-1-Rennen, attraktive Boxenluder und luxuriöse Yachtclubs. Alles ist im Überfluss vorhanden. Die Reichen und Schönen räkeln sich gelangweilt am Swimmingpool, während sie genussvoll an ihren Cocktails schlürfen, die so dekadent fruchtüberladen sind, dass man mit ihnen leicht die Hälfte der Dritten Welt ernähren könnte. Mittendrin finden sich zahlreiche Menschen mit viel zu großen Sonnenbrillen. Das sind Steuerflüchtlinge oder Mitglieder der Fürstenfamilie, die nicht erkannt werden wollen.

Stattdessen simuliert ein Großrechner in einem tristen Außenbezirk Londons mittels eines komplexen mathematischen Verfahrens verschiedene Szenarien der möglichen Wertentwicklung eines Aktienfonds. Das nennt man Monte-Carlo-Simulation.

Eine Bahnfahrt, die ist nicht immer lustig

Koffer

Eigentlich fahre ich gern mit der Bahn. Natürlich gibt es viele Gründe, die dagegen sprechen, aber auch einige dafür. Für meine unregelmäßigen Fahrten in die schleswig-holsteinische Provinzheimat haben sich in der letzten Zeit die Züge der privaten Nord-Ostsee-Bahn (NOB) als respektable Alternative zur bimmelnden und meist bummelnden Regionalbahn des Großkonzerns mit Börsenambitionen herausgestellt. Die Züge sind moderner und aufgeräumt, man kann eine Fahrkarte im Zug nachlösen, ohne dabei an den Schwarzfahrerpranger gestellt zu werden, und der Service ist freundlicher. Letzeres dachte ich zumindest bis Sonntag, als ich den Dialog zwischen einer mit diversen Koffern und Taschen bepackten älteren Damen und einem Zugbegleiter der NOB, ich möchte ihn im Verlauf des weiteren Textes einfach Schaffner nennen, direkt neben mir mitbekam.

Schaffner (leicht sauertöpfisch): „Wohin fahren Sie?“
Dame: „Ich fahre bis Sylt.“
Schaffner (grantig, mürrisch und missmutig): „Solange kann der Koffer nicht hier stehen bleiben. Der versperrt den Weg.“
[Anm. Einer ihrer Koffer stand im Gang, parallel zum Sitz.]
Dame: „Ich kann den Koffer aber nicht auf die Ablage heben, der ist zu schwer.“
Schaffner (unwirsch): „Dann schieben sie ihn unter den Sitz. Der Koffer muss da weg.“
Dame: „Der Koffer passt aber nicht unter den Sitz.“
[Anm. Der Koffer war wirklich viel zu groß, um ihn unter dem Sitz zu verstauen.]
Schaffner (verdrießlich): „Egal, der Weg muss frei sein.“

… sprach der Schaffner und verschwand in seinem Dienstabteil, um mit Engelszungen und freundlichster Stimme die Fahrgäste auf dem Weg nach Westerland zu begrüßen, die Vorzüge der Nord-Ostsee-Bahn zu preisen und die Angebote des Cateringwagens anzukündigen. Warum dieser Schaffner der Dame nicht half, den Koffer auf die Ablage zu heben, bleibt mir ein Rätsel. Ich stellte den Koffer hinauf; der Schaffner hätte es in der Zeit, die er mit der Diskussion verbrachte, sicher fünf Mal geschafft. Unmöglich, das.

Noch mehr Bahnspaß gibt es bei Bedarf hier.

Jugendherberge

JugendherbergeKürzlich lag eine Kiwi auf unserem Frühstückstisch. Diese zur Gattung der Strahlengriffel zählende Frucht, welche auch als chinesische Stachelbeere bekannt ist, erinnerte mich an meine Kindheit. In der Zeit zwischen dem Erblicken des Lichts der Welt und der geschlechtlichen Reife erfolgten mehrere Aufenthalte in verschiedenen Jugendherbergen, die mich noch Dekaden danach gelegentlich in schweißbadenden Alpträumen verfolgen. Ob im nordfriesischen Tönning oder in Goslar im Harz, überall zeigten die Einrichtungen des Deutschen Jugendherbergswerks das gleiche Bild.

Die Herbergseltern begrüßen die Schulklasse. Die Herbergsmutter ist kräftig und hat sehr dicke Oberarme. Ihre Gesichtsfarbe ist sehr rot und deutet auf Bluthochdruck hin. Der Herbergsvater ist untersetzt, er trägt einen dunkelblauen Rollkragenpullover und raucht Pfeife. Eigene Kinder hat das Paar nicht. Ihnen sind die ständig wechselnden Schulklassen lästig genug und für die Bedienung der Industriegeschirrspülmaschine halten sie sich einen Zivildienstleistenden. „Jugendherberge“ weiterlesen