Der Schriftsteller brachte noch nie auch nur ein einziges Wort zu Papier. Stattdessen war er unablässig Verstört vom Unvermögen der Bernhardschen Romanfiguren. Irgendwann, als er wieder einmal von seiner andauernden Schlaflosigkeit heimgesucht wurde, kam ihm der erste Satz in den Sinn. Es war der perfekte Beginn für seinen Roman. Ein Satz, bei dem selbst Ilsebill das Nachsalzen vorübergehend stoppte. Normalerweise lagen für diesen Fall, den der Schriftsteller so lange schon herbeisehnte, Papier und Bleistift direkt neben ihm auf dem Nachttisch. Heute jedoch, da er sein Schreibzeug das erste Mal brauchte, lag es nicht dort. Als er endlich, an einem ganz anderen Ort, sein Schreibzeug gefunden hatte, stand im der Schweiß auf der Stirn. Der Satz, der alles ändern sollte, war ihm entfallen. So sehr er sich auch bemühte, die Worte kamen ihm nicht mehr in den Sinn. Fortan befiel ihn die Obsession, dass ihm jemand seinen Satz gestohlen haben könnte. Zwanghaft schlug er seitdem in Buchhandlungen und Bibliotheken sämtliche Bücher auf, nur um auf deren erste Seite nach seinem Satz zu suchen. Der Satz war für immer verloren.
Klaus Lemke: Rocker
“Du flachst mich nicht, Torte.”
– aus Rocker, 1972
Vor vielen Jahren ein bierseliger Abend mit Freunden. Uns kommt spontan die Idee, ins Kino zu gehen. Gezeigt wird Klaus Lemke – Rocker aus dem Jahre 1972. Ich hatte bislang noch nie von diesem gehört und während ich in der ersten Reihe ganz außen sitze, wundere mich über die vielen Menschen, die plötzlich diesen alten Schinken sehen wollen. Ja ja, Kulstatus sagt man immer so leicht dahin, aber dieser Film hat ihn wirklich – zumindest in Hamburg, wo sich alles abspielt. “Ja, gucken und gucken, da kommt ja nichts.“
Juckreiz
Niemand kann sagen, woher genau es kommt. Plötzlich ist es da. Man will ihm nicht nachgeben, aber so sehr man auch mit sich ringt, irgendwann tut man es doch. Es ist kein Schmerz, aber es juckt. Lange Zeit hat die Forschung das nicht ernst genommen. Amerikanische Psychologen haben kürzlich Menschen mit Schmerzen und Menschen mit Juckreiz nach ihrer jeweiligen Bereitschaft befragt, Lebenszeit gegen Befreiung von ihrem Leid einzutauschen. Beide Gruppen waren geneigt, mehr als 20 % ihrer Lebenserwartung herzugeben.
Dann geht es wieder los. Und wenn man sich bis aufs Blut gekratzt hat, hat man natürlich eine Ahnung davon, was diesen Juckreiz auslöst. Daran denkend möchte man den Prozentsatz großzügig erhöhen, muss aber feststellen, dass es keinen Gegenpart gibt, der dieses Geschäft annimmt.
Vogel Strauß
Wie sinnlos die Welt dir erscheinen mag, vergiss nie,
dass du durch dein Handeln wie durch dein Unterlassen dein
redlich Teil zu dieser Sinnlosigkeit beiträgst.
(Arthur Schnitzler)
Obwohl seine Augen größer sind als sein Gehirn, weiß der Vogel Strauß, dass es keine Lösung ist, bei drohender Gefahr, den Kopf in den Sand zu stecken. Der Irrglaube, er täte ebendies, hält sich zwar hartnäckig, ist jedoch einer falschen Beobachtung geschuldet. Tatsächlich legt sich der Struthiu camelus flach auf den Boden, um bei Fährnis sein Nest zu schützen.
Die Dinge sind zuweilen anders als sie erscheinen.
Aktives Handeln
What good am I if I know and don’t do?
(Bob Dylan)
Endlich hat er eine Entscheidung getroffen, wie all das weitergehen sollte. Eine kleine Schlacht im Krieg gegen das eigene Phlegma war nun gewonnen; er hat sich für die Umschulung zum Pornorapper angemeldet. Vielleicht war das nicht ganz genau das Richtige für ihn, aber irgendwas musste passieren. “Stop da fat lethargy, MC”, summte er ein wenig zu selbstzufrieden vor sich hin, aber dies war die einzige Chance, ein paar Props zu erhalten. Dann ritt er auf den nassen Straßen der Stadt dem Turm, der über alles ragte, entgegen. – So weit ihn sein totes Pferd trug.
Immer nie am Meer
Einen kurzen Moment davon Träumen, frische Luft zu inhalieren, den Blick in die Ferne schweifen zu lassen und dem Rauschen der Wellen zu lauschen etc. Dann plötzlich vom Lärm des Müllwagens vor dem Fenster geweckt werden. Gierig verschlingt er meinen Abfall und presst ihn zusammen, nimmersatt. Das Meer ist nur wenige hundert Kilometer entfernt und doch erscheint es unerreichbar. Sodann sisyphosgleich damit fortfahren, die Tonnen wieder zu befüllen, in der kommenden Woche erneut vom Krach des Müllfahrzeugs geweckt werden und auf das Abschmelzen der Polkappen warten, damit das Meer zu mir kommt.


