Schwangere Auster

Kongresshalle, Berlin-Tiergarten

Mindestens so interessant wie das Festival selbst ist das Gebäude, in dem es stattfindet. Der Architekt Hugh Stubbins hat die Kongresshalle als amerikanischen Beitrag zur Bauausstellung Interbau 1958 konstruiert: Auf einem künstlichen Hügel stehend sollte ihre beleuchtete Silhouette als „Leuchtturm der Freiheit“ in den Osten strahlen, 1980 ist die Dachkonstruktion pfuschbedingt eingestürzt, hin und wieder wurde die Halle ob ihrer futuristischen Anmutung in Science-Fiction-Filmen gezeigt.

„In Berlin sagen immer alle, das Gebäude wird »Schwangere Auster« gennant“, sagen in Berlin immer alle. Dabei nennt es in Wahrheit niemand so: Alle behaupten nur immerzu, dass es so genannt werde.

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Phallussymbol oder einfach nur ein „d“? Was sich der Architekt bei der Planung dieses Schornsteins gedacht hat, werden wir wohl nie erfahren. Und eigentlich ist es auch egal.

Thomas Demand — Nationalgalerie

Der Katalog zur Ausstellung
Der Katalog zur Ausstellung

Potsdamer Straße 50, Berlin. Es regnet. Neue Nationalgalerie, erbaut nach den Plänen von Ludwig Mies van der Rohe. Strenge Architektur: Stahl und Glas. In der oberen Etage Fotografien von Thomas Demand.

Etwa vierzig überwiegend großformatige Arbeiten. Keine normalen Fotografien, sondern Abbildungen von Modellen im Maßstab 1 zu 1. Nachgebaut aus Pappe, zusammengehalten von UHU Alleskleber, fotografiert, danach unwiderbringlich zerstört. Der Titel der Ausstellung: Nationalgalerie — genau wie das Gebäude. Alles Größenwahn? Irgendwie schon. Alles großartig? Ganz bestimmt.

Die Motive: Stationen der deutschen Nachkriegsgeschichte. Die Kulisse von Robert Lembkes Rateschaustutio, Uwe Barschels Badewanne, die gestürmte Stasi-Zentrale u. a. Jedem Bild vorangestellt: Ein Text von Botho Strauß. Diese manchmal irreführend, allesamt lesens- und nachdenkenswert.

Die Atmosphäre: kühl. Die Museumsaufsicht: streng und unfreundlich; möglicherweise rekrutiert aus den Reihen ehemaliger Mauerschützen. Der Katalog: 35,— Euro, kaufen. Ausstellung bis zum 17. Januar 2010: unbedingt hingehen.

HafenCity

HafenCity: 155 Hektar groß, Büros für 40.000 Arbeitsplätze, 5.500 Wohnungen, unzählige rechte Winkel. Die öffentlichen Plätze heißen Magellan-Terrassen, Vasco-da-Gama-Platz und Marco-Polo-Terrassen. Gehetzte Schlipsträger mit Kaffeebechern in der Hand treffen auf Touristen, die busweise angekarrt werden, um eines der größten städtebaulichen Projekte Europas zu bestaunen. Baustellenlärm und -staub; direkt nebenan absolute Sterilität. Stahl und Glas dominieren das Bild, das angepflanzte Grün wirkt wie ein Fremdkörper. Ein Spielplatz ohne Kinder und ein Konzertsaal, dessen Baukosten nicht abzusehen sind, kein Lebensmittelgeschäft weit und breit. Urbanes Wohnen und Arbeiten soll in der HafenCity Hand in Hand gehen. Aber hier leben? Nein Danke.


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