HfbK: Jahresausstellung 2016

Hochschule für bildende Künste, Jahresausstellung 2016. Menschen mit Kunsthochschulfrisuren, Kunsthochschulbrillen und Kunsthochschulschals sitzen gelangweilt in Räumen, in denen sich ihre jeweiligen Kunstwerke befinden, ihr Kettenrauchen mehr Pose als Performance. „Du bist ja auch noch immer da“, wird ein in die Jahre gekommener Professor von einem ebenfalls ergrauten Bekannten begrüßt. Ja ja, ein paar Jahre müsse er schon noch, und uff, Grundklassen im Malen und Zeichnen zu unterrichten sei auch nicht immer schön. Aber immerhin zeigten seine Studenten ihre Werke nicht öffentlich, denn „ausstellen, sollte man nur, wenn’s auch etwas Interessantes zu sehen gibt“, so er, seiner Emeritierung wohlwollend entgegensehend.

Am meisten nerven die istdaskunstoderkanndaswegfragenden Zahnarzt- und Rechtsanwaltseltern, die von ihren kunststudierenden Sprösslingen jedes Jahr aufs Neue durch den Rundgang geschleift werden; ihr Verständnis so klein wie ihr Interesse. Dennoch erscheint das Abseitige oft interessanter als die Hauptsache selbst: Auf den Gängen Bierflascheninstallationen, Schmierereien, Krams. Hier und dort ein verzweifelter schriftlicher Hinweis, dass gebrauchtes Geschirr kein Aschenbecher sei und zurück in die Mensa gehöre. Die Putzkräfte haben längst kapituliert, wohl auch aus Angst, versehentlich eine Bachelorarbeit zu zerstören. Danke für gar nichts, denn irgendwie ist es ja auch ganz charmant und aufgeräumt und sauber haben es die Zahnärzte und Rechtsanwälte ja schon zu Hause. Der Dilletantismus zeigt sich auf den Fluren schon in guten Ansätzen und irgendwann gesellt sich vielleicht auch noch die Genialität dazu. Und dann kommt alles ins Museum.

 

Ausstellung: David Bowie im Martin-Gropius Bau

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Die Räumlichkeiten ein dunkler Schlauch, Besucher dicht gedrängt wie auf einem Konzert, aber Kopfhörer tragend. Die aus London importierte Ausstellung versucht, sich dem Phänomen David Bowie zu nähern. Kann das gelingen? Nein. – Zu viel Text. Kein roter Faden. Verwirrung. Wer ein paar Jahre zu jung ist, um den Pop 70er und 80er Jahre bewusst erlebt zu haben, bleibt im Vagen. Macher erschlagen Besucher mit der Vielfalt von Musik, Text, Interview, Theater, Film, Mode und Installtion. Chaos.

Daran kann man verzweifeln, muss man aber nicht. Der Audioguide leitet einen durch die Ausstellung. An den richtigen Stellen werden automatisch Musik oder Tondokumente eingespielt. Das funktioniert wunderbar. Wer sich darauf einlässt, an diese Ausstellung nicht den Anspruch eines Hauptseminars zu stellen, kann durch die mehr als dreihundert gezeigten Exponate flanieren und die Geschichte des Pop erhören, erleben und erfühlen. Die Kuratoren haben eine begehbare Collage erschaffen, die vollkommen zu durchdringen in der Kürze der Zeit unmöglich ist. Und trotzdem kann man sich daran erfreuen, vom Meister und seinen Zeitgenossen zu hören, wie sie im Tonstudio gearbeitet haben; wie Bowies grimassenschneidendes Gesicht auf zwei interagierende halslose Männcheninstalltionen projiziert wird, oder wie plötzlich Ziggy Stardust ertönt, wenn man ums Eck kommt. Aufgrund der thematischen Vielfalt, kann sich jeder aussuchen, was ihm gefällt. Glitzer und Musik.

Die Ausstellung versucht, sich dem Phänomen David Bowie zu nähern. Kann das gelingen? Ja. Aber nicht mit den Augen, sondern eher kleinerprinzmäßig. Auch wenn man die Ausstellung vielleicht nicht viel schlauer verlässt als man hinein gegangen ist, so bekommt man doch ein Gespür dafür, wie groß der Einfluss David Bowies auf die Popkultur war: nämlich sehr groß.

Der Eintrittspreis ab 14 Euro ist zwar nicht gerade knapp bemessen, aber dafür dauert die Unterhaltung auch länger als Kinofilm. Die Ausstellung im Berliner Martin-Gropius-Bau läuft noch bis zum 10. August 2014.

In Hypnose: Trance Turbine

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Ein Raum in einem Raum, kein Fenster, die Wände weiß, auf dem Boden Sand. Darin: eine weiße Liege (bequem) und ein schwarzer Stuhl (mäßig bequem), eine Videokamera sowie ein Hypnotiseur und ich. Die ‚Trance Turbine‘, ein Kunstprojekt von Mika Neu. Der Künstler fragt in seiner Beschreibung: „Wie würde Kunst rezipiert, wenn man ihr frei und ohne Einfluss Dritter an einem völlig neutralen Ort begegnete?“

Man muss sich darauf einlassen können, bei manchen funktioniert es besser, bei anderen weniger gut, so der Hypnotiseur. Ich solle die Augen schließen und eins werden mit der Liege – erst die Füße, dann die Beine, dann der Oberkörper, dann die Arme, dann der Hals, dann der Kopf usw. Ja ja. Der Hypnotiseur fragt, ob ich ein Kribbeln in der Nase spüre, und plötzlich denke ich, es funktioniert ja doch, aber genau in diesem Moment befindet sich ein Insekt auf meiner Nase. Ich verscheuche es mit einer fuchtelnden Handbewegung und dann geht es weiter. Meine Augen sind geschlossen, Dämmerzustand. Ich solle mir einen angenehmen Ort vorstellen usw. Nun denn. Ich bin am Meer (oder wäre es lieber), ich lege mich auf ein Bett, das sich in einem leeren Raum befindet, ich träume, erwache,  setze mich an einen Schreibtisch und schreibe auf, was ich geträumt habe, hole einen Zettel aus meiner Hosentasche, auf dem steht: Ich habe Cello gespielt: BachNaturgemäß.

Das war’s auch schon mit der Hypnose: keine Schlange Kaa aus dem Dschungelbuch mit Spiralaugen, kein Schnippen mit dem Finger, wie es die Hypnotiseure im Fernsehen tun. Ich bin entspannt, etwas benommen und hatte die ganze Zeit das Gefühl, dass ich jederzeit hätte aufstehen und gehen können. Ich öffne meine Augen, das Licht ist gleißend hell wie in einer nordkoreanischen Gefängniszelle bei Nacht. Falls mein Zahnarzt je bohren möchte, werde ich ganz konventionell um eine wirksame Betäubungsspritze bitten.

Hamburger Kunsthalle: Lost Places

Alexandra Ranner, Schlafzimmer 2
Alexandra Ranner, Schlafzimmer II/08, 2009

Hamburger Kunsthalle, Galerie der Gegenwart. Zwei Etagen „Alice im Wunderland“: Tate Liverpool bringt die perfekte Langeweile in die Hansesestadt, Kaninchen und Dalí, man kent das alles. Interessant wird es im Untergeschoss: „Lost Places“, „20 Positionen zeitgenössischer Photographie und Videokunst“, wie der Katalog verlautbart. Immer wunderbar zu sehen: die Fotografien von Joel Sternfeld, aber auch die Videoinstallation „Nostalgia“ von Omer Fast, der die Geschichte illegaler Auswanderer aus unterschiedlichen Perspektiven erzählt. Etwas lieblos hineinkuratiert wird die Düsseldorfer Schule: die Bechers, Gursky, Ruff etc., man braucht ein paar große Namen für die Plakate an den Bahnhöfen, damit die Besucher ins Museum strömen usw.

All das wäre gar nicht nötig, denn eigentlich bräuchte es in diesem Kubus nur die eine Installation von Alexandra Ranner, die mich gleich zwei Mal innerhalb von einer Woche das Museum aufsuchen ließ:

„Schlafzimmer II/08“, 2009 – die perfekte Illusion. Von innen tönt lautstark ein Alarmsignal, ich zögere, den von außen weiß gestrichenen Raum zu betreten. Innen herrscht schummriges Licht. Im Raum: auf der einen Seite ein Schlafzimmer – Bett, Fenster und Fernseher, kein Ton. Auf der anderen Seite stehe ich und zwei weitere Besucher. Zwischen Schlafzimmer und Besuchern: Ein Spiegel, der einer sein könnte, Atmosphäre. Nichts passiert, Ratlosigkeit. Der Spiegel ist Nichts, ist Illusion. Kein Kunsthistoriker, der sich berufen fühlt, kann das, was in diesem Raum ist, und gleichzeitig nicht ist, beschreiben. Man kann es nicht sehen, man muss es erleben. Zaghaft bewege ich meine Hand dorthin, wo ich den Spiegel vermute, ein lautstarkes Warnsignal ertönt, ich schrecke zurück. Eine Dame vom Aufsichtspersonal ermutigt mich, durch den nicht vorhandenen Spiegel in das Schlafzimmer zu treten, das Warnsignal wird noch deutlicher. Ich bin drin; das Bett, die Decke, beide sind aus Gips. Es ist dunkel, es ist laut. Enervierend tönt das Alarmsignal. Auf der einen Seite des Raumes bin ich, auf der anderen Seite befinden sich die anderen Besucher – wir spiegeln einander nicht. Es ist bedrückend und faszinierend zugleich.

Eine Woche später suche ich das Schlafzimmer erneut auf, wieder bin ich mit zwei anderen Besuchern auf der sicheren, lautlosen Seite des Raumes. Wir warten, ich beobachte die anderen, nichts passiert. Dieses Mal habe ich noch mehr Freude daran, die Wirkung des Raumes auf die anderen zu beobachten. Die Ratlosigkeit in ihren Gesichtern war die Größte. Dann fasse ich Mut und gehe durch den nicht vorhandenen Spiegel. Plötzlich kommt eine andere Museumswärterin herein und herrscht mich an, nicht „hineinzuspringen“. Ich weiß nicht, ob sie die andere Seite des Raumes oder das Bett aus Gips meint, die Situation ist nun noch beklemmender. Ich verlasse die Installation ratlos. Ist sie begehbar oder bin ich ein Vandale? Möglicherweise werde ich es nie erfahren.