Distanzschule

Kuss

Prater, Kastanienallee, Berlin-Prenzlauer Berg

Man braucht nicht viel davon, um glücklich zu sein.
Wir küssen uns im Sonnenschein.
Das dunkle Königreich wird nicht mehr aufzuhalten sein.
Das Schlechte in der Welt bricht nunmehr über uns herein.

(Tocotronic)

Wir sitzen in einer Bar und das nicht zum ersten Mal. Sie ist eine kühle Blonde mit einem sehr norddeutschen Namen. Während wir uns angeregt über dieses und jenes unterhalten, kommen sich unsere Lippen plötzlich sehr nahe etc. Als ich dazu ansetze, meine Augen zu schließen, zischt sie mir leise zu: “Denk nicht einmal daran.”

Vielleicht hätte ich es trotzdem versuchen sollen. Dann hätte sie mir eine schallende Ohrfeige verabreicht, um mir sofort darauf in die Arme zu fallen und mich leidenschaftlich zu küssen, wie es in Hollywood üblich ist. Vielleicht wäre dabei aber auch nur meine Brille zu Boden gefallen und in tausend Scherben zerborsten, wie es in Hamburg-Altona üblich ist.

Als sei selbstverständlicher nichts auf der Welt, justiere ich binnen Bruchteils einer Sekunde unseren Distanzbereich auf ein übliches Maß. Als wäre nichts geschehen, nippen wir weiter an unseren Getränken und fahren mit der Konversation fort.

Viele Jahre später dann in denkbar unpassenden Situationen immer und immer wieder die aufkommende Frage, ob die kühle Blonde damals wirklich gezischt hat oder ob es ausschließlich in meinem Kopf stattfand.

Kingsizegedöns

Nachts in einer Imbissbude in Berlin-Mitte stehen und Currywurst und Pommes essen und dazu Champagner trinken. Dann in so eine von diesen Mitte-Bars gehen und den Körper zu elektronischer Musik widerwillig zucken lassen, obwohl die Abneigung gegen elektronische Musik die Größte ist. Einander ironisch Siezen und beim Hinausgehen die Stirn in Falten legen. Die Masche wirkt. Obwohl betrunken, schließlich doch vernünftig sein und allein nach Hause gehen. Draußen ist es schon wieder hell und der Hals ist beim Aufwachen schon wieder trocken. Aber das ist so egal – wie alles andere auch.

Die Geschichte mit dem Tortenheber

Tortenheber

An einem Samstagabend waten wir durch dieses Friedrichshain, in dem die Kneipen entweder übervoll oder nur halb gut sind. Schließlich landen wir in einer russischen Bar, in der ein DJ im gestreiften Hemd und karierter Krawatte Musik aus den sechziger Jahren des vergangenen Jahrhunderts von Vinyl auflegt. Wie damals in Hamburg finde ich es auch hier befremdlich, wenn Menschen in einem fortgeschrittenen Alter ihrem äußeren Anschein nach etwas zu verkrampft einer längst vergangenen Jugendkultur hinterher zu hängen pflegen. Trotzdem macht er seine Sache gut, weil er mit Leidenschaft dabei ist, und ich erfreue mich daran, dass er zahlreiche Liedversionen in deutscher und französischer Sprache auflegt. Dazu werden – genau wie wir es wünschen – White Russians mit Milch gereicht.

Am Nebentisch sitzen drei junge Frauen und zwei Männer. Die Frauen sind hübsch anzuschauen, die Herren eher weniger. Der erste Herr trägt sehr gegeeltes halblanges Haar und Manschettenknöpfe, der zweite Herr ein Käppi und an jedem Finger einen Silberring. Damen und Herren scheinen einander nicht sonderlich gut zu kennen. Während die Herren offenbar größeres Interesse an einer näheren Bekanntschaft mit den Damen haben, haben diese wiederum ein noch größeres Interesse an den von den Herren bereitgestellten alkoholhaltigen Freigetränken.

Gespannt beobachten meine Begleiterin und ich das Balzgeschehen aus der Ferne. “Wenn jetzt nur einer von ihnen einen Tortenheber dabei hätte”, sage ich. “Das könnte die Situation retten.” Leicht verwundert schaut mich meine Begleitung an, aber sodann beginnt das Schauspiel am Nebentisch: Noch ehe ich die Gelegenheit habe, das Gesagte zu erörtern, zieht der Gegeelte einen silbernen Tortenheber aus seiner Gesäßtasche, um diesen einige Minuten gleich einer Monstranz vor sich zu halten und die Damen damit der Reihe nach zu segnen. Ganz leicht berührt er mit dem Tortenheber die Stirn einer jeden Dame an seinem Tisch. Danach passiert zunächst einmal nichts. “Jetzt gilt es, abzuwarten”, sage ich zu meiner Begleitung und nicke ihr wissend zu.

Und siehe da: Wie es im offiziellen Lehrbuch für Tortenhebertricks steht, beginnen Damen und Herren am Nebentisch, die vor der Anwendung des Kuchenhebegeräts einander nicht sonderlich zugeneigt waren, sich zu küssen, als sei selbstverständlicher nichts auf der Welt. Die dank Tortenheberkraft zusammengefundenen Pärchen wirken mit dieser Situation zufrieden; lediglich die Dritte Dame, die niemanden fand, der sich bereit erklärte, seine Zunge in ihren Mund zu schieben, scheint etwas unleidig zu werden.

Später am Abend verlassen wir die Bar. Weniger, weil uns das Treiben am Nachbartisch zu viel wird, sondern weil alle Getränke getrunken sind. Ganz unerwartet springt der DJ hinter seinem Pult hervor, um mir etwas zu überschwänglich zum Abschied die Hand zu schütteln und sich für meine Geduld zu bedanken. Ich bin gerührt, danke wiederum dem Plattenaufleger für die Musik und denke, dass ich mich eigentlich zuerst hätte bei ihm bedanken müssen.

Zufällig treffe ich am Tag darauf meine Begleitung vom Vorabend wieder, wir schlendern gemeinsam über den Flohmarkt am Boxhagener Platz, um einen Tortenheber zu erwerben. Kurzerhand entscheiden wir uns jedoch, stattdessen ein Café aufzusuchen, um ein Stück Torte zu essen. Diese ganze Knutscherei in irgendwelchen Bars ist ohnehin überbewertet.

Trost und Zuspruch – 2 Mark

Dieses verdammte Mitte. Alles ist irgendwie ironisch und zeitlich befristet: Galerien, Bars, Beziehungen. Im Anschluss an die Weihnachtsfeier ist man sich einig, einen dieser neuen angesagten Orte aufzusuchen. Die Bar, deren Namen natürlich nicht an der Tür steht, befindet sich nur wenige hundert Meter von uns entfernt. Die Damen tragen zu hohe Schuhe und drängen deshalb darauf, ein Taxi zu nehmen. Die Herren gehen den kurzen Weg durch Eis und Schnee zu Fuß und erreichten das Ziel zuerst: Trust. Draußen: Warteschlange und Türsteher. Drinnen: Überfüllung und Wodka aus Flaschen, kein Bier, niemals.

Den Damen gefällt es hier trotzdem, wir ziehen ohne sie weiter, was sich rächen soll: In die Neue Odessa Bar will man uns nicht hineinlassen, weil wir Penisse haben. Wir arrangieren uns mit unserem unpassenden Chromosomensatz, verfluchen aber diese Bar und ziehen erneut weiter, wieder durch Schnee und Kälte und mit der Hoffnung, dass unser Unterwegsbier nicht in der Flasche gefriert.

Torstraße/Ecke Ackerstraße: Muschi Obermaier. Über dem Eingang die Worte “Trost und Zuspruch – zwei Mark” und weil ich das gerade nötig habe, hoffe ich zum ersten Mal ganz still auf eine Abkehr vom Euro. Der Türsteher winkt mich, noch immer mein halbes Unterwegsbier in der Hand haltend, mit größtmöglicher Gelassenheit und den Worten “na wegen einem mitgebrachten Bier wollen wir hier mal nicht rumflennen” durch. Der Plattenaufleger spielt bevorzugt Musik der 80er Jahre: Talk Talk, U2 und Simply Red. Die 80er waren musikalisch schlimm, denke ich. Die 70er, 90er und 0er ebenfalls. Und auch sonst. Wir stehen herum, trinken gutes bayerisches Bier aus etwas ungelenk geformten Halbliterflaschen; ab und zu auch einen Schnaps. Ich bitte meine Begleitung um Sambuca, bekomme aber ein Gläschen ohne Kaffeebohnen. Sambuca ohne Kaffeebohnen ist meistens Wodka, und so war es dann auch. Wir sprechen über Städte: Hamburg, Berlin und die Provinz. “Der Ort ist nicht das Ding, das du verlässt. Der Scheiß ist in dir”, sagt einer und wir prosten einander zu. Ein Blick in die Runde verrät mir, dass hier ein Vollbart längst nicht mehr reicht. Ich brauche dringend einen Hut. Den Weg nach Hause lege ich taumelnd zurück. Ach, Mitte.

Copa Cabana

Was ist eigentlich das Problem? Das Problem ist diesem Lande ist, dass zu wenig gewollt wird. Nur wer sich anspruchsvolle Ziele setzt, ist in der Lage, Höchstleistungen zu vollbringen. Stattdessen, wohin man auch schaut: Niveaulimbo.

Wer dem heutzutage etwas entgegensetzen will, der muss sich schon etwas Besonderes ausdenken. Gerade als Existenzgründer, gerade in der Gastronomie, gerade auf St. Pauli. Hier ist nicht Altkanzler Helmut Schmidt gefragt, der einst sagte, wer Visionen habe, der solle zum Arzt gehen. Hier ist gefragt, wem die die eierlegende Wollmilchsau noch zu wenig ist. Wer auf dem Kiez die zahlungskräftigen Besuchermassen für sich gewinnen will, der eröffnet nicht einfach eine Kneipe — es muss schon eine Lounge sein. Oder eine Sportsbar. Oder ein Café. Oder ein Irish Pub. Am besten alles zusammen und auch noch mit angeschlossenem Kiosk. Und was liegt da näher, als diese Einrichtung auch noch “Copa Cabana” zu nennen? Gerade in dieser winterlichen Jahreszeit dürfte dieser sonneversprechende Name die Scharen mühelos anlocken. Hier ist man gerne Gast.

Kneipenmalerei

Zloty und ich (v.r.n.l.)

Mit meinem Freund Zloty sitze ich in einer Kneipe und wir sinnieren über Zeiten, die früher besser waren. Damals wurde vornehmlich Bier aus dem Hahn gezapft, während heute schwerpunktmäßig die Portemonnaies der Gäste angezapft werden. Der Wirt darf das, deswegen sind wir schließlich hier. Aber noch viele andere kommen herein und wollen von unser Zahlungskraft profitieren: manche wollen gegen Bezahlung ein Polaroid-Bild als Andenken an eine unvergessliche Nacht machen (geht gar nicht), viele musizieren (geht manchmal), andere wollen Rosen verkaufen (geht überhaupt nicht) und wieder andere wollen uns ein Printerzeugnis verkaufen, das in jedem Plattenladen kostenlos erhältlich ist (das ist überhaupt das Letzte!).

Heute kommt ein Kneipenmaler. Ich erinnere mich an die Geschichte eines Bekannten aus Bonn, der mir einst von seinem örtlichen Kneipenmaler berichtete. Dieser betrat den Raum stets mit denselben Worten: „Alle mal malen!“. Ließ sich tatsächlich jemand malen, so war das Ergebnis oft ernüchternd, denn die gemalten Personen waren auf den Bildern kaum zu unterscheiden. Vermutlich hat er tausende Menschen gezeichnet — und alle sehen auf seinen Bilder aus wie eineiige Tausendlinge. Dennoch — oder besser gesagt, gerade deshalb — brachte er es in einem begrenzten Kreis zu Ruhm und Ehre. Ihm wurde sogar eine Website mit dem Titel alle-mal-malen.de gewidmet, auf der man die Gleichförmigkeit der gemalten Häupter bestaunen kann.

Zloty und ich ringen etwas mit uns, lassen uns dann aber dennoch auf Papier verewigen. „Ihr seht auch wie Künstler aus“, sagt der Maler, der sich Reggie nennt. Wir zögern, ob wir ihn in unseren Künstlerkreis aufnehmen sollen und warten zunächst das Ergebnis seiner Arbeit ab — schließlich hätte es sein können, dass er seine Kneipenmalerlehre in Bonn absolviert hat, was ihn disqualifiziert hätte. „Was macht ihr?“, fragt er. Zloty ist richtiger Musiker, druckst aber etwas herum. „Aha, ein Musiker.“ Vermutlich sieht Zlotys Mütze auf der Zeichnung deshalb etwas aus wie eine Elvistolle. Ansonsten ist das Abbild aber recht gut gelungen, wie ich finde. „Kopf senken, nicht bewegen“, wir halten uns an die Anweisungen. Reggie schlägt sich tagsüber als Komparse durch, abends zieht er durch die Kneipen der Stadt und malt. An guten Wochenenden ließen sich bis zu zehn Personen von ihm zeichnen, berichtet er. Viele seiner Auftraggeber seien spät nachts allerdings so betrunken, dass sie sich nach Vollendung des Werkes weigerten, dieses auch wie vereinbart zu bezahlen. „Und du so?“ „Ich schreibe jeden Monat einen Roman im Stile Thomas Bernhards. Nach Fertigstellung fotografiere ich die Manuskripte und vernichte sie anschließend. Nie hat jemand auch nur eine Zeile von mir gelesen“, antworte ich, als hätte ich auf diese Frage nie etwas anderes geantwortet. Ich bin froh, dass ich dem Maler nichts von meinem Berufsleben als Berater für irgendwas erzählt habe — der Maler sicher auch. Weniger froh bin ich darüber, dass ich auf dem Bild Hängeaugen wie Derrickdarsteller Horst Tappert in der Endphase habe. Aber es war ja schon spät am Abend; möglicherweise war die Wahrnehmung des Malers bereits etwas gestört — oder die Augen hingen wirklich. Wir geben dem Maler trotzdem 10,— Euro. Er freut sich und wir wünschen uns gegenseitig viel Erfolg für unsere weiteren künstlerischen Werdegänge.

Später auf dem Heimweg treffe ich im Nachtbus einen Mann, der sich ebenfalls vom Kneipenmalers auf Papier bannen ließ. Sein Antlitz unterschied sich auf der Zeichnung deutlich von den unsrigen, jedoch  wies die Augenpartie eine unübersehbare Ähnlichkeit zu der meinigen auf. Entsprächen die gezeichneten Augen auch nur annähernd der Realität, müssten wir uns jetzt von Harry im Dienstwagen nachhause chauffieren lassen und säßen nicht in einem Omnibus.

Der Hamburger Maler macht seinen Job doch eigentlich ganz ordentlich, dachte ich. Nur auf den Augenkurs in Bonn hätte er verzichten können.