Kingsizegedöns

Nachts in einer Imbissbude in Berlin-Mitte stehen und Currywurst und Pommes essen und dazu Champagner trinken. Dann in so eine von diesen MitteBars gehen und den Körper zu elektronischer Musik widerwillig zucken lassen, obwohl die Abneigung gegen elektronische Musik die Größte ist. Einander ironisch Siezen und beim Hinausgehen die Stirn in Falten legen. Die Masche wirkt. Obwohl betrunken, schließlich doch vernünftig sein und allein nach Hause gehen. Draußen ist es schon wieder hell und der Hals ist beim Aufwachen schon wieder trocken. Aber das ist so egal – wie alles andere auch.

Die Geschichte mit dem Tortenheber

Tortenheber

An einem Samstagabend waten wir durch dieses Friedrichshain, in dem die Kneipen entweder übervoll oder nur halb gut sind. Schließlich landen wir in einer russischen Bar, in der ein DJ im gestreiften Hemd und karierter Krawatte Musik aus den sechziger Jahren des vergangenen Jahrhunderts von Vinyl auflegt. Wie damals in Hamburg finde ich es auch hier befremdlich, wenn Menschen in einem fortgeschrittenen Alter ihrem äußeren Anschein nach etwas zu verkrampft einer längst vergangenen Jugendkultur hinterher zu hängen pflegen. Trotzdem macht er seine Sache gut, weil er mit Leidenschaft dabei ist, und ich erfreue mich daran, dass er zahlreiche Liedversionen in deutscher und französischer Sprache auflegt. Dazu werden – genau wie wir es wünschen – White Russians mit Milch gereicht.

Am Nebentisch sitzen drei junge Frauen und zwei Männer. Die Frauen sind hübsch anzuschauen, die Herren eher weniger. Der erste Herr trägt sehr gegeeltes halblanges Haar und Manschettenknöpfe, der zweite Herr ein Käppi und an jedem Finger einen Silberring. Damen und Herren scheinen einander nicht sonderlich gut zu kennen. Während die Herren offenbar größeres Interesse an einer näheren Bekanntschaft mit den Damen haben, haben diese wiederum ein noch größeres Interesse an den von den Herren bereitgestellten alkoholhaltigen Freigetränken.

Gespannt beobachten meine Begleiterin und ich das Balzgeschehen aus der Ferne. „Wenn jetzt nur einer von ihnen einen Tortenheber dabei hätte“, sage ich. „Das könnte die Situation retten.“ Leicht verwundert schaut mich meine Begleitung an, aber sodann beginnt das Schauspiel am Nebentisch: Noch ehe ich die Gelegenheit habe, das Gesagte zu erörtern, zieht der Gegeelte einen silbernen Tortenheber aus seiner Gesäßtasche, um diesen einige Minuten gleich einer Monstranz vor sich zu halten und die Damen damit der Reihe nach zu segnen. Ganz leicht berührt er mit dem Tortenheber die Stirn einer jeden Dame an seinem Tisch. Danach passiert zunächst einmal nichts. „Jetzt gilt es, abzuwarten“, sage ich zu meiner Begleitung und nicke ihr wissend zu.

Und siehe da: Wie es im offiziellen Lehrbuch für Tortenhebertricks steht, beginnen Damen und Herren am Nebentisch, die vor der Anwendung des Kuchenhebegeräts einander nicht sonderlich zugeneigt waren, sich zu küssen, als sei selbstverständlicher nichts auf der Welt. Die dank Tortenheberkraft zusammengefundenen Pärchen wirken mit dieser Situation zufrieden; lediglich die Dritte Dame, die niemanden fand, der sich bereit erklärte, seine Zunge in ihren Mund zu schieben, scheint etwas unleidig zu werden.

Später am Abend verlassen wir die Bar. Weniger, weil uns das Treiben am Nachbartisch zu viel wird, sondern weil alle Getränke getrunken sind. Ganz unerwartet springt der DJ hinter seinem Pult hervor, um mir etwas zu überschwänglich zum Abschied die Hand zu schütteln und sich für meine Geduld zu bedanken. Ich bin gerührt, danke wiederum dem Plattenaufleger für die Musik und denke, dass ich mich eigentlich zuerst hätte bei ihm bedanken müssen.

Zufällig treffe ich am Tag darauf meine Begleitung vom Vorabend wieder, wir schlendern gemeinsam über den Flohmarkt am Boxhagener Platz, um einen Tortenheber zu erwerben. Kurzerhand entscheiden wir uns jedoch, stattdessen ein Café aufzusuchen, um ein Stück Torte zu essen. Diese ganze Knutscherei in irgendwelchen Bars ist ohnehin überbewertet.

Trost und Zuspruch – 2 Mark

Dieses verdammte Mitte. Alles ist irgendwie ironisch und zeitlich befristet: Galerien, Bars, Beziehungen. Im Anschluss an die Weihnachtsfeier ist man sich einig, einen dieser neuen angesagten Orte aufzusuchen. Die Bar, deren Namen natürlich nicht an der Tür steht, befindet sich nur wenige hundert Meter von uns entfernt. Die Damen tragen zu hohe Schuhe und drängen deshalb darauf, ein Taxi zu nehmen. Die Herren gehen den kurzen Weg durch Eis und Schnee zu Fuß und erreichten das Ziel zuerst: Trust. Draußen: Warteschlange und Türsteher. Drinnen: Überfüllung und Wodka aus Flaschen, kein Bier, niemals.

Den Damen gefällt es hier trotzdem, wir ziehen ohne sie weiter, was sich rächen soll: In die Neue Odessa Bar will man uns nicht hineinlassen, weil wir Penisse haben. Wir arrangieren uns mit unserem unpassenden Chromosomensatz, verfluchen aber diese Bar und ziehen erneut weiter, wieder durch Schnee und Kälte und mit der Hoffnung, dass unser Unterwegsbier nicht in der Flasche gefriert.

Torstraße/Ecke Ackerstraße: Muschi Obermaier. Über dem Eingang die Worte „Trost und Zuspruch – zwei Mark“ und weil ich das gerade nötig habe, hoffe ich zum ersten Mal ganz still auf eine Abkehr vom Euro. Der Türsteher winkt mich, noch immer mein halbes Unterwegsbier in der Hand haltend, mit größtmöglicher Gelassenheit und den Worten „na wegen einem mitgebrachten Bier wollen wir hier mal nicht rumflennen“ durch. Der Plattenaufleger spielt bevorzugt Musik der 80er Jahre: Talk Talk, U2 und Simply Red. Die 80er waren musikalisch schlimm, denke ich. Die 70er, 90er und 0er ebenfalls. Und auch sonst. Wir stehen herum, trinken gutes bayerisches Bier aus etwas ungelenk geformten Halbliterflaschen; ab und zu auch einen Schnaps. Ich bitte meine Begleitung um Sambuca, bekomme aber ein Gläschen ohne Kaffeebohnen. Sambuca ohne Kaffeebohnen ist meistens Wodka, und so war es dann auch. Wir sprechen über Städte: Hamburg, Berlin und die Provinz. „Der Ort ist nicht das Ding, das du verlässt. Der Scheiß ist in dir“, sagt einer und wir prosten einander zu. Ein Blick in die Runde verrät mir, dass hier ein Vollbart längst nicht mehr reicht. Ich brauche dringend einen Hut. Den Weg nach Hause lege ich taumelnd zurück. Ach, Mitte.

Copa Cabana

Was ist eigentlich das Problem? Das Problem ist diesem Lande ist, dass zu wenig gewollt wird. Nur wer sich anspruchsvolle Ziele setzt, ist in der Lage, Höchstleistungen zu vollbringen. Stattdessen, wohin man auch schaut: Niveaulimbo.

Wer dem heutzutage etwas entgegensetzen will, der muss sich schon etwas Besonderes ausdenken. Gerade als Existenzgründer, gerade in der Gastronomie, gerade auf St. Pauli. Hier ist nicht Altkanzler Helmut Schmidt gefragt, der einst sagte, wer Visionen habe, der solle zum Arzt gehen. Hier ist gefragt, wem die die eierlegende Wollmilchsau noch zu wenig ist. Wer auf dem Kiez die zahlungskräftigen Besuchermassen für sich gewinnen will, der eröffnet nicht einfach eine Kneipe — es muss schon eine Lounge sein. Oder eine Sportsbar. Oder ein Café. Oder ein Irish Pub. Am besten alles zusammen und auch noch mit angeschlossenem Kiosk. Und was liegt da näher, als diese Einrichtung auch noch „Copa Cabana“ zu nennen? Gerade in dieser winterlichen Jahreszeit dürfte dieser sonneversprechende Name die Scharen mühelos anlocken. Hier ist man gerne Gast.