Wovon es auf der Welt tendenziell zu viele gibt: Ärsche.
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Fashion Week Berlin
“Fashion is what one wears oneself.
What is unfashionable is what other people wear.”
Die Modewoche in Berlin “ist eher Prenzlauer Berg geworden denn Paris, weniger Mailand als Moabit”, ätzte zu Beginn der Woche ein Hamburger Nachrichtenmagzin. Das ist in Ordnung, denn Häme ist der Stoff aus dem Hamburger Nachrichtenmagazine geschneidert sind. Mich hat es ohnehin nur in das Festzelt auf dem Bebelplatz verschlagen, um einen einzigen Blick zu erhaschen: den des Ekels im Gesicht des gestylten Garderobenfräuleins bei der Entgegennahme meiner Winterjacke aus der vorletzten Kollektion eines schwedischen Bekleidungshauses. Dafür lohnt es sich schon fast, dieses Event zu besuchen.
Aber auch die kleinen Häppchen, von denen es reichlich gibt, weil Nahrungsaufnahme in Modekreisen nach wie vor nicht sonderlich akzeptiert zu sein scheint, sind nicht zu verachten. Als verachtenswert hingegen empfinde ich indes den Konsens, Currywürste aus der Küche von Luxushotels für vier Euro fünfzig zu verkaufen und dies als ironisches Stilmittel zu betrachten. Viellleicht ist die Bratwurst aber auch nur der würdige Nachfolger der Heroin-Chics der 90er Jahre, denn nur besonders extravagante Besucher der Veranstaltung wagen es, eine solche Wurst zu sich zu nehmen. Nach einiger Überlegung erachte ich den Verkaufspreis als angemessen, denn wo bekommt man auf einer Modeveranstaltung schon einen Distinktionsgewinn für weniger als einen Heiermann? Sogleich stellt sich mir die Frage, ob es auf der Toilette wohl – wie im Braukeller der bayerischen Landesvertretung in der Hauptstadt üblich – einen sogenannten Papst, ein Speibecken mit Armstützen, gebe. Ein bißchen enttäuscht, dass mein Klischee nicht bestätigt wird, aber auch beruhigt, dass der Trend womöglich doch weg vom bulimischen Magermodel geht, stelle ich auf der Herrentoilette fest, dass diese Art der wassergespülten Sanitärinstallation dort nicht vorhanden ist. (Ob dies auf den Damentoiletten ebenso der Fall ist, kann ich freilich nicht beurteilen.)
Kern der Veranstaltung ist das betont lässige Herumstehen im Vorzelt bei gleichzeitigem intensiven Argusbeäuge der bekleidungtragenden Mitmenschen. Dieses wird zum Leidwesen aller jedoch durch gelegentlich stattfindende Modeschauen unterbrochen. Zum Glück sind diese jedoch zumeist sehr kompakt gehalten: Blitzlichtgewitter für die Zweitplazierte aus der Castingshow Germany’s next Topmodel (alternativ: zukünftige Ex-Ehefrau eines vormaligen Tennisprofis) – zehnminütiges graziöses Auf- und Abschreiten des sogenannten Laufstegs, der sich in der Höhe allerdings nicht vom Erdboden absetzt, durch sogenannte Models – Verbeugung durch und Blumen für den Designer. Alle klatschen entzückt in ihre manikürten Hände und sind im Grunde froh, sich wieder ihren Mineralwassern im Vorzelt zuwenden zu dürfen.
Noch während man den letzten Schluck aus seiner Flasche nimmt, wird das Festzelt bereits wieder demontiert. Ich gehe nach Hause mit dem unter orthopädisch beunruhigendem Ausblick, dass die Damen in der kommenden Saison Trauerkleidung zu obszön hochhackigen Schuhen tragen werden. All das wäre nicht weiter schlimm, wenn die Protagonisten des Modezirkus ebenediesen nicht so furchtbar ernst nähmen.
Ein Tag im Leben einer gewerblich bloggenden Mineralwasserkonsumentin
8 Uhr der Wecker klingelt. Erstmal einen Schluck Mineralwasser trinken: “Vöslauer – das Frühstückchen.” Schnell noch die Katze versorgen. Sie ist etwas verwöhnt, aber nicht umsonst heißt es ja: “Katzen würden Vöslauer kaufen.”
Ein Blick auf die Uhr: Oh mein Gottt, ich sollte doch schon längst in der Redaktion sein. “Gehetzte sollten nur Vöslauer trinken.” Gerade noch geschafft. Der Chef thematisiert mal wieder Schleichwerbung. Kann mir gar nicht vorstellen, dass es in unserer Redaktion so etwas geben soll. Na ja, wie sagt der Chef immer so schön: “Vöslauer, Vöslauer, Vöslauer – und immer an die Leser denken.” Ist mal wieder zum Einschlafen, diese ewigen Konferenzen. Zum Glück gibt es genug Wasser: “Vöslauer weckt Vitalität.” Eigentlich gilt ja immer “Vöslauer … find ich gut”, aber irgendwann ist es selbst mir zu viel: “Es ist in dir – lass es raus.”
Kurz vor Feierabend bietet mir noch eine Kollegin irgendein Mineralwasser an – ich traue meinen Augen nicht – “nur wo Vöslauer drauf steht, ist auch Vöslauer drin.” Ich weise ihr Angebot empört zurück und trinke lieber ein Vöslauer – “da weiß man, was man hat.” Denn, “das Gute daran, ist das Gute darin.”
Bin gestresst. Kein Wunder, dass der Magen etwas verstimmt ist. Aber auch hier hilft: “Vöslauer akut – nehmen und gut” oder anders ausgedrückt “Vöslauer räumt den Magen auf – schnell und zuverlässig.”
Endlich ein harter Arbeitstag ist vorbei. Jetzt noch schnell ins Fitnesstudio: “Vöslauer macht mobil – bei Arbeit, Sport und Spiel.” Schweißtreibend war’s, aber beim Spinning habe ich es mal wieder allen gezeigt. Kein Wunder, denn “Vöslauer verleiht Flügel.” Unter der Dusche für mich nur das Beste: “An meine Haut lasse ich nur Wasser und Vöslauer.” Ah, das tat gut: “Vöslauer weiß, was Frauen wünschen.”
Danach noch kurz mit Elfriede anstoßen, sie hat ja heute Geburtstag. Alkohol kommt für mich nicht in Frage, es heißt mal wieder “Darauf ein Vöslauer.” “Vöslauer, auf die Freundschaft”, sage ich. Iris antwortet: “Nicht immer, aber immer öfter.” Ich kann gar nicht genug bekommen, von diesem erfrischenden Vöslauer. “Ich liebe es,” schließlich ist Vöslauer “die Zukunft des Mineralwassers”. Zu köstlich, dieses Vöslauer: “Des Wassers reine Seele.”
Puh, das wäre auch erledigt, der Tag ist geschafft, noch eine kurze Bahnfahrt nach Hause: “Alle reden vom Wetter. Wir nicht. Trink lieber ein leckeres Vöslauer.” Später daheim, nun ist Entspannung angesagt: “Der Tag Geht, Vöslauer kommt.”
Berlin Fashion Week
One week he’s in polka-dots, the next week he’s in stripes
‘Cause he’s a dedicated follower of fashion.
(The Kinks, “Dedicated Follower of Fashion”)
Man sieht sie jetzt überall in Berlin: Ältere Herren in Trekkingsandalen und Tennissocken. Es muss wohl wieder Fashion Week in Berlin sein.
Shows, Messe, Partys, Küsschen links, Küsschen rechts – das Modebusiness kann schon anstrengend sein. Besonders bei diesen außergewöhnlich sommerlichen Temperaturen. Zu gern würde man das verschwitzte Blüschen gegen den neuesten Hauch von Nichts auf dem Catwalk eintauschen, aber für’s Umziehen bleibt keine Zeit, denn das nächste Event lockt.
Zusammen mit all den anderen ModebloggerInnen stehe ich im Store eines spanischen Schuhherstellers, nippe abwechselnd an erfrischender Mandelmilch und Cava mit Orangenlikör und begegne Nils Bokelberg. Dieser erschien mir bislang völlig unverdächtig, irgendwelchen Moden hinterherzurennen. Trotz aller berechtigten Warnungen der Band Tocotronic hat er sich jedoch offensichtlich dem Trend zum Selbermachen angeschlossen: Nicht ohne Stolz präsentiert der Nilzenburger mir die aktuelle Kollektion seiner selbstgenähten Täschchen – ein sehr kleines Täschchen für seine Panini-Sammelbilder, ein weiteres kleines Täschchen für sein mobiles Telefon und ein größeres Umhängetäschchen im aktuellen Fußball-Look, welches Platz für die beiden kleineren Täschchen bietet.
Das gefällt mir. Die neuen Schuhe von Camper sind aber auch nicht schlecht.
Laufvögel im Schanzenviertel
An Strauße dachte ich immer, wenn ich eine von ihnen sah. Mit ihren langen Beinen und dem stets etwas dümmlichen Gesichtsausdruck war die Ähnlichkeit mit den flugunfähigen Vogeltieren nicht zu übersehen. Sie hatten es nicht weit aus ihren Vordörfern in der Nähe von Winsen an der Luhe Bargteheide oder Quickborn und Pinneberg. Obwohl ihre Beine wirklich so lang waren, dass sie nur zwei, drei Schritte gebraucht hätten, um die nahgelegene Metropole zu erreichen, nahmen sie ausnahmslos den Linienbus des städtischen Verkehrsverbundes. Sie wunderten sich dann immer über die Busfahrer, die einander im Vorbeifahren freundlich grüßend zuwinkten. Sie fragten sich, ob auch hier in der Großstadt alle Mitglieder des unüberschaubar erscheinenden Busfahrerkollegiums miteinander bekannt seien und ob sich auch diejenigen Omnibuschauffeure grüßten, die eine gegenseitige Antipathie verband, oder ob eine solche im rastlosen Treiben des Straßenverkehrs keine Rolle spielte. Schließlich blieben den Fahrern oft nur Bruchteile von Sekunden, um eine Grußentscheidung zu treffen. Unmöglich war die Komplexität dieses Denkprozesses für ein Straußenhirn nachzuvollziehen.
Während der Fahrt trainierten sie abwechselnd ein verhaltenes Lächeln und ihren möglichst geheimnisvollen Abwesenheitsblick. An ihrer Zielhaltestelle angekommen, holten sie mit der rechten Hand zuerst einen Stadtplan aus ihren mit Vogue oder Cosmopolitan beschrifteten großen Taschen, deren Trageriemen immer möglichst lässig über einer Schulter hingen, während sie mit der linken Hand die Evian-Flasche zum rotgeschminkten Munde führten. Niemals benutzten sie Falk-Pläne, das hatten sie gelernt. Mit deren Patentfaltung kamen sie nicht zurecht und für einen Einmalgebrauch waren diese zu hochpreisig. Es wurde unförmiges Kartenmaterial in Form eines Ringbuches bevorzugt. Den Stadtplan drehten sie immer mit ihrer jeweiligen Laufrichtung, doch mehr Orientierung verschaffte ihnen die unablässige Neujustierung nicht. In ihren Heimatdörfern brauchten sie keine Karte, schließlich gab es dort nur Haupt- und Kirchenstraße. Nach dem richtigen Weg zu fragen, traute sich keine von ihnen. Stattdessen stakselten sie, nachdem sie im Taschenspiegel ihr Make-up bereits das dritte Mal innerhalb einer Viertelstunde kontrolliert hatten, in ihren hohen Stiefeln instinktiv in sämtliche ihrem Ziel entgegengesetzte Richtungen, den Stadtplan, als sei selbstverständlicher nichts auf der Welt, dabei immer wilder drehend. In Mailand, Paris oder New York würden sie sich so nie zurechtfinden. Weiterlesen





