Vom Lindy Hop zum Fischmarkt

Hier sehen zwar alle besser aus als ich, aber dafür rieche ich besser. Die Damen tragen zumeist adrette Kleidchen, die Herren Hosenträger und Schiebermützen. Viele haben ein kleines Handtuch dabei, aber alle schwitzen. Manche Damen benutzen einen Fächer, um gegen den in der Luft liegenden Zigarettenrauch anzufächern. Die Band spielt Jazz aus der Ära vor Charlie Parker: keine rasanten Akkordfolgen, keine komplexen Skalen, eher einfache Improvisationen tänzeln um die Melodie herum; bodenständiger Swing, bekannte Standards. Zwischendurch gibt es Beschallung aus der Konserve; kein Schellack, sondern von der CD. Man scheint in dieser Hinsicht nicht allzu dogmatisch zu sein. Das ist mir sympathisch und klingt sicher auch weniger verstaubt.

Man tanzt Lindy Hop und lässt das einfach aussehen, so auch meine Begleitung. Vermutlich haben aber alle Tänzer jahrelang Wassermelonen getragen und Hebefiguren im Wasser geübt, um irgendwann den letzten Tanz der Saison tanzen zu können. Ich halte mich an einer Flasche Großbrauereipremiumpils fest und möchte nicht angesprochen werden; vor allem möchte ich nicht zum Tanz aufgefordert werden. Ersteres gelingt ganz gut, Letzteres nicht immer. „Ich tanze nur auf Gräbern“, antworte ich stets, wenn man mich ersucht, eine flotte Sohle aufs Parkett zu legen. Standard- und Latein-Tanzkurse in meiner Jugend haben mich nachhaltig traumatisiert und zum Eckensteher gemacht. Ich denke an eine Jacques-Brel-Adaption von Klaus Hoffmann: „Ich will Gesang, will Spiel und Tanz,/Will, dass man sich wie toll vergnügt./Ich will Gesang, will Spiel und Tanz,/Wenn man mich unter‘n Rasen pflügt“, heißt es dort wunderbar. Vielleicht würde ich ausnahmsweise auch auf einer Scheidungsparty tanzen. Sonst nie.

Mit meiner Antwort habe in der Lindy-Hop-Szene möglicherweise an nur einem einzigen Abend einen ähnlich zweifelhaften Ruf erworben wie der psychopathisch ausschauende Tänzer mit dem Pferdeschwanz, den alle nur nach einem Sturmgewehr russischer Bauart benennen. „In einer Hand ein Bündel mit deinem ganzen Hab und Gut, in der anderen die Waffe — man muss jederzeit in der Lage sein können, zu fliehen und sich gegen den Feind zu wehren“, erzählt er gelegentlich seinen Tanzpartnerinnen. Welchen Feind er meint, lässt er dabei stets offen. Obwohl er den Mensch an sich grundsätzlich ablehnt, soll er ein passabler Tänzer sein, erzählt man sich.

Ein letztes Mal in dieser Nacht spricht mich ein Mädchen aus einer fabelhaften Welt an, mit der ich vor kurzem schon einmal gesprochen hatte, woran ich mich jedoch nicht mehr erinnern konnte. Das bedaure ich und auch ein wenig, des amerikanischen Gesellschaftstanzes der endenden 20er Jahre des vergangenen Jahrhunderts nicht mächtig zu sein. Mit ihr hätte ich vielleicht doch gern getanzt, obwohl in diesem Club, in den man sonst eigentlich nicht geht, gerade kein Grab geschaufelt war, auf dem ich hätte tanzen können. „It don‘t mean a thing, if it ain‘t got that swing.“

Auf der Herrentoilette hat jemand seine Krawatte vergessen. Ein billiges schwarzes Modell einer schwedischen Bekleidungskette. Vielleicht wurde der Binder auch einfach nur ausgesetzt. Gänzlich unerwartet, um 3 Uhr: das Licht geht an, die Musik geht aus. Der Saal wird geräumt. Am Folgetag beginnen zur frühen Stunde die Lindy-Hop-Kurse für die aus der ganzen Welt zu diesem Zweck angereisten Tänzer. Tanzen ist eben doch kein Vergnügen, sondern im Grunde genommen nichts als harte Arbeit. Und diese wird in der Szene offenbar ernster genommen als ausgelassen durchtanzte Nächte oder originalgetreue Tonträger.

Meine Begleitung und ich ziehen weiter: Saal II; seit vielen Jahren die Kneipe meines Vertrauens. Wir führen tiefgründige Gespräche und sitzen am Tresen: Die Liebe und das Leben und so. Obwohl ich beide Hände frei habe und gerade kein Feind in Sicht ist, bin ich vermutlich eher auf einer Linie mit Kalaschnikow. Mein Gegenüber ist etwas lebensbejahender. Es gibt Astra aus der Flasche und gesalzene Erdnüsse und Astra aus der Flasche und gesalzene Erdnüsse und Astra aus der Flasche. Nebenan fällt jemand, nach dem in der Speisekarte ein Frühstück benannt ist, fast vom Barhocker. Bei ihm gehen die Lichter aus, im Saal II gehen sie an.

6 Uhr, das Schanzenviertel ist fast menschenleer zu dieser Zeit. Mit Hamburg ist auch nicht mehr viel los, denke ich, und wir gehen ein paar Schritte weiter ins BP1. Die kleine Bar ist noch recht gut besucht und aus den Lautsprechern schallt die „Bohemian Rhapsody“; nicht die gerade im auf einem bekannten Videoportal zu großem Ruhm gelangte Version der Muppets, sondern das Original von Queen. Ein  sehr unangenehm aufdringlicher Typ veranlasst mich, meine Begleitung abzuschirmen, und die Musik wird noch komischer. Den Gangsterrap erkennen wir nur unter Zuhilfenahme eines Musikerkennungsprogramms auf meinem Mobiltelefon, und Faith No Mores „Easy“ macht es uns auch nicht leichter, diese Bar zu lieben. Die fast zahnlose Barfrau mit dem tiefen Ausschnitt fordert zur letzten Bestellung auf und wir ziehen weiter in Richtung St. Pauli.

Es regnet ein wenig, was ich begrüße, denn so kann ich wenigstens etwas zeigen, das dem Ruf dieser Stadt gerecht wird. Unterwegs streifen wir den Grünen Jäger, der längst geschlossen hat, und auch auf dem Hamburger Berg ist weitestgehend Ruhe eingekehrt; komasaufende Jünglinge und bereits mehrfach vom Gelenkbus überfahrene Spelunkenstammgäste liegen längst in ihren Betten. Als wir auch in der Hasenschaukel und vor dem Golden Pudel Club vor verschlossenen Türen stehen, schäme ich mich ein bißchen für meine Stadt, obwohl es noch immer ganz schön vor sich hin nieselt. Nichts geht mehr.

Was jetzt noch bleibt, sind ein Krabbenbrötchen auf dem Fischmarkt, ein Blick auf „Aal-Kai“ und „Aale Dieter“, Fleisch-, Obst-, Gemüse-, Blumen und Klamottenstände sowie ein schlechter Kaffee zu Touristenpreisen in der Alten Fischauktionshalle. Meine aus Köln stammende Begleitung erfreut sich an der dort aufspielenden Cover-Band, der es gelingt, in frühen Morgenstunden dem hohen Norden eine karnevalesque Stimmung einzuhauchen. Ich fühle mich hier noch fremder als auf der Swing-Party. Sicher sind das hier alles rheinländische Touristen, denke ich; freue mich jedoch, dass meine Begleitung sich freut. Es ist bereits taghell, jedenfalls so hell, wie es nur an einem Tag Ende November sein kann, und ein paar Vögel, die es versäumt haben, gen Süden zu ziehen, zwitschern müde vor sich hin.

„Landungsbrücken rein“ in die U-Bahn, ein letzter Blick auf den Hafen und dann verabschiedet sich meine Begleitung. Auf dem Heimweg liegt mein Lieblingscafé, das bereits geöffnet ist. „Kaffee oder lieber noch ein Bier“, werde ich gefragt, nachdem man meine sofort Situation erkannt hat, weil man hier weiß, dass sonntagsmorgens um 9 Uhr nicht meine bevorzugte Frühstückszeit ist.

bosch stinkt

BOSCH é bom

BOSCH é b(r?)om

“bosch stinkt”, so könnte man das T-Shirt interpretieren, welches mir heute auf einem silbernen Tablett serviert wurde. Brom ist das chemische Element mit der Ordnungszahl 35, welches nach dem beißenden Geruch seiner Dämpfe (von griech. βρῶμος brômos „Gestank“) benannt ist.

Aber Moment mal, warum sollte man mir ein solches T-Shirt schenken? Die unter meinen Achseln abgenommene Duftprobe lässt mich an der Sinnhaftigkeit des Schriftzuges zweifeln. Ich lasse mir also den Aufdruck erklären: “BOSCH é bom” soll dort – ganz ohne “r” – auf dem hellblauen Hemdchen geschrieben stehen, so sagte man mir. Das kommt aus dem Portugiesischen und heißt soviel wie “BOSCH ist gut”.  Ich bin beruhigt – und gerührt ob der Tatsache dass Frederique und Erik, die Betreiber meines Lieblingscafés, sogar in ihrem Urlaub an mich denken und mir aus Lissabon dieses T-Shirt mitgebracht haben (dafür noch einmal 1000 Dank auf diesem Wege).

Ab Mittwoch werde ich in Berlin die Konferenz re:publica’09 nicht nur besuchen, sondern am Donnerstag bei der Twitterlesung auch auf der Bühne sitzen. Erkennen wird man mich auf der Veranstaltung möglicherweise an meinem neuen T-Shirt – allerdings wohl nur an einem der Konferenztage, sonst werde ich dem Element Br olfaktorisch doch zu ähnlich.

Gloria

In jedem guten Café gibt es einen kleinen Tisch, auf dem Zettel mit Veranstaltungshinweisen und dergleichen ausliegen. So auch in meinem Lieblingscafé. Vor einigen Monaten entnahm ich an eben dieser Stelle ein Pappkärtchen, das ich seitdem stets bei mir trage.

Immer, wenn es mir ein wenig schlecht geht, neheme ich die Visitenkarte von Gloria Heilmann von Bergen zur Hand. Nicht dass ich ihre Dienste im Kartenlegen, Handlesen oder Besprechen je in Anspruch genommen hätte, oder gedenke, dies zu tun. Bereits die Betrachtung und das Berühren der Besuchskarte löst in mir ein wohliges Gefühl aus. Allein schon der Name: Gloria Heilmann von Bergen – er lässt Lahme hören, Blinde gehen und Taube sehen. Ja, ich glaube, diese Visitenkarte ist ein kleines Wunder, jedenfalls führt sie mich stets zuverlässig aus den kleinen Verdrießlichkeiten des Daseins. Und an Tagen mittlerer bis größerer Niedergeschlagenheit, reicht mir ein Klick auf ihre Homepage. Lachen ist immer noch die beste Therapie.

Berufe mit und ohne Zukunft

Heute saß ich bei Cappuccino und Apfelkuchen in meinem Lieblingscafé und plötzlich wurde mir eines der Probleme unserer Zeit bewusst. Es wurde mir weniger vor Augen geführt als es mir von ganz allein zu Ohren kam.

Sicher ist es nicht so gravierend wie die angeblich drohende Klimakatastrophe, welche man sich angesichts herbstlicher Temperaturen fast herbeisehnte. Immer wieder jedoch hört man Mediziner davor warnen: Die Schwerhörigket unter Jugendlichen nimmt dramatisch zu. Naheliegend wäre jetzt der Gedanke, aus dieser Tatsache Profit zu schlagen, und auf Hörgeräteakustiker umzuschulen, was eigentlich eine boomende Zunft sein müsste. Ein Berufswechsel wäre jedoch sinnlos, denn die diskotheken- und konzertgeschädigten Heranwachsenden kompensieren ihren schleichenden Gehörverlust einfach dadurch, indem sie lauter sprechen.

Zwei Fräuleins, beide Anfang zwanzig Jahre jung, sitzen im ansonsten ruhigen Café an einem Ecktisch. Ihre Köpfe sind ca. 30 Zentimeter voneinander entfernt, so dass für eine gepflegte Konversation ein gedämpfter Flüsterton ausreichen müsste, um die anderen Kaffeehausbewohner nicht von ihrer jeweiligen Lektüre abzulenken. Die beiden Damen allerdings schreien sich an. Sie schreien, ich gucke böse, sie schreien weiter, ich lege meine Zeitung aus der Hand und gucke noch böser zu ihnen herüber, und sie schreien daraufhin noch lauter. Je böser ich gucke, umso lauter schreien sie sich an. Ungewollt weiß ich nun eine Vielzahl von Details aus dem Leben der beiden Schreihälsinnen. Angefangen mit Todesfällen in der Familie, sexuellen Vorlieben, Praktika bei der Schutzpolizei, Jurastudien in Frankfurt an der Oder, Werdegängen von Nachbarsjungen bis hin zum Verlauf des Drogenentzugs entfernter Bekannter. Genauso ungewollt weiß ich jedoch nicht, was heute in der Zeitung steht.

Der wahre Beruf mit Zukunft ist wohl Logopäde, denke ich. Irgendwann werden ihre Stimmbänder das nicht mehr mitmachen.

Tischlein deck dich

Tischlein deck dich

Hamburg ist rot-orange. Überall, wohin man sieht: Jutebeutel und wallende Gewänder. Selbst mein beschauliches Wohnviertel haben sie bereits erreicht, stelle ich fest, während ich in meinem Stammcafé im Cappuccino herumrühre. Kahlköpfige Mönche posieren bereitwillig lächelnd zum Gruppenphoto und Tausende meditierende Hausfrauen aus der schwäbischen Provinz pilgern in das Tennisstadion, um vom Ozean der Weisheit zu erfahren, wie sie den Kreislauf des Leidens durchbrechen können. Beschwingt von so viel Erkenntnis erkunden sie anschließend die touristischen Attraktionen der Hansestadt. Im Wind wehen dabei unentwegt die ihnen um die Hälse hängenden Plastikschilder, als wären diese nicht bloß die Zugangsberechtigung zum Tennisplatz, sondern auch gleich die Eintrittskarte ins Nirvana.

Niemand in der Stadt aber scheint sich der in der Luft liegenden positiven Stimmung entsagen zu können. Auch mich lässt der Besuch seiner Heiligkeit, des 14. Dalai Lamas, nicht kalt. Mitgefühl empfinde ich in diesem Moment vor allem für die neben mir sitzende alleinerziehende Mutter des hyperaktiven Kleinkindes, das seit einer gefühlten halben Stunde sämtliche in greifbarer Nähe befindlichen Speisekarten, Aschenbecher sowie Salz- und Zuckerstreuer auf meinem Tisch platziert, indem er auf diesen größtmögliche Kraft ausübt. Salz- und Zuckerstreuer drohen zu zerbersten. Ich bleibe gelassen übe mich in Gelassenheit – auch ohne Meditation. Die arme Mutter muss dieses anstrengende Balg den ganzen Tag ertragen. Mitgefühl empfinde ich aber auch mit dem Jungen. Völlig unerwartet ruft die Mutter den Jungen nach einer gefühlten Stunde zur Ordnung. Er heißt Herbert. Mein Mitgefühl für die Mutter entweicht langsam, denn ich habe gelernt: kein Handeln bleibt ohne Folge [siehe auch Karma], das gilt natürlich auch für die Namensgebung des Nachwuchses.

Montagscafé

Heute ist Dienstag. Dienstage sind ganz okay, jedenfalls besser als Montage. Montage taugen nicht viel. Beenden sie doch stets viel zu kurze Wochenenden und führen einen zurück in die unvermeidliche Konfrontation mit den Unzulänglichkeiten des Alltags. Aber weder das zu früh und zu lautstark ertönende Klingelgeräusch des Weckers noch überfüllte öffentliche Verkehrsmittel, in denen transpirierende Menschen dicht an dicht gedrängt befördert werden, oder gar die Absurditäten des Arbeitslebens sind das Schlimmste am Beginn der Woche. Das Schlimmste an Montagen ist, dass mein Stammcafé seinen wöchentlichen Ruhetag einlegt.


Café du passage, montags leider geschlossen

Ausgerechnet am Montag, der sich bekanntlich viel angenehmer als verlängertes Wochenende genießen ließe, ist das geschätzte Café du passage geschlossen. Nicht dass ich den Besitzern sowie dem freundlichen Personal einen wohlverdienten Ruhetag nicht gönnte, haben sie ihn sich doch durch den engagierte Betrieb der charmanten Großstadtoase redlich verdient. Es ist vielmehr so, dass mir der Entzug nicht bekommt. Weiterlesen