1. Mai 2011, Berlin-Kreuzberg. Erneut stellt sich die Frage: Was hat die Arbeiterbewegung uns je gebracht? Also, einmal abgesehen von überfüllten Straßenfesten mit wummernder Krachmusik, schalem Bier aus Plastikbechern zu überhöhten Preisen sowie minderwertigen Fleischprodukten in pappigen Brötchen und ein paar entglasten Bankfilialen?
Schlagwort-Archive: Feiertage
Kurt Tucholsky: Fröhliche Ostern!
Fröhliche Ostern!
Da seht aufs neue dieses alte Wunder:
Der Osterhase kakelt wie ein Huhn
und fabriziert dort unter dem Holunder
ein Ei und noch ein Ei und hat zu tun.
Und auch der Mensch reckt frohbewegt die Glieder –
er zählt die Kinderchens: eins, zwei und drei …
Ja, was errötet denn die Gattin wieder?
Ei, ei, ei
ei, ei
ei!
Der fleißige Kaufherr aber packt die Ware
ins pappne Ei zum besseren Konsum:
Ein seidnes Schnupftuch, Nadeln für die Haare,
die Glitzerbrosche und das Riechparfuhm.
Das junge Volk, so Mädchen wie die Knaben,
sucht die voll Sinn versteckte Leckerei.
Man ruft beglückt, wenn sie’s gefunden haben:
Ei, ei, ei
ei, ei
ei!
Und Hans und Lene steckens in die Jacke,
das liebe Osterei – wen freut es nicht?
Glatt, wohlfeil, etwas süßlich im Geschmacke,
und ohne jedes innre Gleichgewicht.
Die deutsche Politik … Was wollt ich sagen?
Bei uns zu Lande ist das einerlei –
und kurz und gut: Verderbt euch nicht den Magen!
Vergnügtes Fest! Vergnügtes Osterei!
Ostern. Ein Feiertag.
Ostern steht vor der Tür, und da mir selbst nichts Gescheites dazu einfällt, halte ich mich an den bewährten Goethe:
Vor dem Tor
Vom Eise befreit sind Strom und Bäche
Durch des Frühlings holden, belebenden Blick,
Im Tale grünet Hoffnungsglück;
Der alte Winter, in seiner Schwäche,
Zog sich in rauhe Berge zurück.
Von dort her sendet er, fliehend, nur
Ohnmächtige Schauer körnigen Eises
In Streifen über die grünende Flur.
Aber die Sonne duldet kein Weißes,
Überall regt sich Bildung und Streben,
Alles will sie mit Farben beleben;
Doch an Blumen fehlts im Revier,
Sie nimmt geputzte Menschen dafür.
Kehre dich um, von diesen Höhen
Nach der Stadt zurück zu sehen!
Aus dem hohlen finstern Tor
Dringt ein buntes Gewimmel hervor.
Jeder sonnt sich heute so gern.
Sie feiern die Auferstehung des Herrn,
Denn sie sind selber auferstanden:
Aus niedriger Häuser dumpfen Gemächern,
Aus Handwerks- und Gewerbesbanden,
Aus dem Druck von Giebeln und Dächern,
Aus der Straßen quetschender Enge,
Aus der Kirchen ehrwürdiger Nacht
Sind sie alle ans Licht gebracht.
Sieh nur, sieh! wie behend sich die Menge
Durch die Gärten und Felder zerschlägt,
Wie der Fluß in Breit und Länge
So manchen lustigen Nachen bewegt,
Und, bis zum Sinken überladen,
Entfernt sich dieser letzte Kahn.
Selbst von des Berges fernen Pfaden
Blinken uns farbige Kleider an.
Ich höre schon des Dorfs Getümmel,
Hier ist des Volkes wahrer Himmel,
Zufrieden jauchzet groß und klein:
Hier bin ich Mensch, hier darf ichs sein!
(Johann Wolfgang von Goethe, Faust I)
Ich wünsche allen Leser ein schönes Osterfest – mit angenehmen Spaziergängen (und ganz ohne Pudel)!
———-
Das oben abgebildete Osterei symbolisiert den Autor und wurde von lady-kinkling handbemalt. Dafür meinen herzlichen Dank.
Weiße Ostern
“Nur im Winter kann ich richtig glücklich sein”, sagte Lothar mit der seiner Stimme innewohnenden Melancholie zu seiner Frau Marion, während sie gemeinsam am Frühstückstisch saßen. In diesem Jahr gab es anstatt der hartgekochten Eier, die Marion so sehr mochte, hartgefrorene Eier. Manfred hatte die Hühnereier zuvor ihrem Brauch entsprechend weiß bemalt und im Garten versteckt. Marion freute sich bei deren Suche wie ein kleines Kind, obwohl es ihr in diesem Jahr nicht gelang, alle Verstecke zu erspähen. “Dies ist das schönste Osterfest seit langem”, bestätigten sie später, während ihres traditionellen Osterspazierganges, einander. Unterdessen hinterließ ihr festes Schuhwerk tiefe Spuren im frischen Schnee.
—————————————————————————–
Meinen treuen Lesern und allen zufälligen Besuchern wünsche ich auf diesem Wege ein schönes Restosterfest.
Nikolausvergessen
Heute ist Nikolaustag und gestern habe ich ihn vergessen. Obwohl alle Blumen-, Süßwaren- und Nanu-Nana-Läden seit Tagen auf dieses vorweihnachtliche Kleinkonsumfest hinweisen, habe ich aufgrund grober Nachlässigkeit versäumt, anlässlich des kurzen Vorbeischneiens des weißbärtigen Mannes mit dem roten Mäntelchen eine kleine Aufmerksamkeit in einem Stiefel der Größe 39 zu plazieren.
Asche auf mein Haupt, aber bitte trotzdem Schokolade in meinen ungeputzten Stiefel. Es wäre so einfach gewesen, an das Nikolausfest zu denken – schließlich wunderte ich mich gestern ausführlich über das am Folgetag zu öffenende übermäßig großformatige Türchen in meinem Adventskalender, das bereits ein besonderes Ereignis anzukündigen schien. Manchmal bin ich ein wenig unsensibel. Umso mehr erfreute ich mich daran, die in feine Täfelchen gepresste Kakaomasse rechtzeitig vor dem vollständigen Einführen meines Fußes in das Schuhwerk bemerkt zu haben.
Für das nächste Jahr habe ich den Nikolaustag bereits in meinem Kalender notiert.
Mariä Aufnahme in den Himmel
Heute ist Mariä Himmelfahrt. Ein Feiertag, der in Deutchland ausschließlich in großen Teilen Bayerns und im Saarland gesetzlich verordnet ist. Die Tatsache, dass Maria in den Himmel aufgenommen wurde, macht sich im protestantisch geprägten Hamburg lediglich dadurch bemerkbar, dass an diesem Tag keine Ausgabe der Süddeutschen Zeitung erscheint.
Der bösartige Zeitungsverkäufer neigt jeweils am 15. August, genau wie am 6. Januar (Heilige Drei Könige), 60 Tage nach Ostern (Fronleichnam) sowie am 1. November (Allerheiligen) dazu, in den überwiegend nichtkatholischen Gegenden der Republik stillschweigend die bereits am Vortag erschienene Feiertagsausgabe ein zweites Mal an den Mann bringen zu wollen. Selbstverständlich ist hier ausschließlich die Rede von der SZ – auf die im etwas weniger katholischen Hessen beheimatete Frankfurter Allgemeine Zeitung trifft die skizzierte Problematik lediglich an Fronleichnam zu.
Der freundliche Zeitungsverkäufer indes zeichnet sich, wie auf dem obigen Bild deutlich zu erkennen ist, dadurch aus, den unwissenden süddeutschezeitunglesenden Nichtkatholen darauf aufmerksam zu machen, dass es sich an besagten Tagen um eine Feiertagsausgabe handelt, deren Aktualität stark eingeschränkt ist. Das ist praktiziertes Christentum – obwohl es sich bei meinem Zeitungshändler vermutlich um einen Muslim handelt.
Mein Zeitungshändler liegt übrigens richtig: Die Bayern haben es wirklich gut. Während den Hamburgern pro Jahr lediglich neun gesetzliche Feiertage zugebilligt werden, sind es im südlichsten aller Bundesländer ganze 13.



