Dreh

Den Termin erst absagen, dann aber doch stattfinden lassen und keine Drehgenehmigung für den privatisierten Park erhalten. Statt trister Kulisse und Regen plötzlich irgendwo zwischen Touristen und Streetart bei gleißendem Sonnenlicht der schlappen Batterien des Aufzeichnugsgerätes wegen immer und immer wieder dieselben Sätze in ein Mikrofon sprechen. Für Schnittbilder so tun, als täte man gerade etwas Bedeutendes, und anschließend schriftlich die Rechte an dem entstandenen Bild- und Tonmaterial bis in alle Ewigkeit abtreten. Zweieinhalb Stunden erfundene Aktivität für knapp zweieinhalb Minuten Ruhm in einem Spartenkanal, den niemand sieht.

Alles immer flacher und in 3D

Internationale Funkausstellung Berlin, ich streife über das endlose Messegelände. Die Besucher reißen sich um überdimensionierte Tragetaschen der Aussteller, in denen sich zumeist nichts weiter befindet als ein Handzettel in der Größe DIN A5 und ein Werbekugelschreiber. Beutelratten. Die Currywurst kostet 5 Euro und schmeckt nach Glutamat. Das Schlimmste an Messen ist die Verpflegung. Es sei denn, man hat einen Presse- oder Fachbesucherausweis. Dann darf man schon mal bei einem Hersteller minderwertiger Plastikhardware backstage eine Brezel essen und ein Weizenbier auf’s Haus genießen. Dafür muss man aber nicht nur seine Daten am Empfangsschalter hinterlassen, sondern auch an einer Produktpräsentation teilnehmen. Ich bin im Besitz eines dafür erforderlichen Ausweises, lasse mir aber ungern stundenlang die Vorzüge einer neuen Telefonhülle erklären und so schlimm ist die überteuerte Currywurst nun auch wieder nicht.

Wohin man blickt: Weißwaren. Die meisten von ihnen sind ganz gewöhnliche Waschmaschinen oder Kühlschränke – nicht einmal  über WLAN verfügen sie. Des weiteren liegen Fernseher im Trend: wie jedes Jahr werden sie immer flacher (genau wie das Programm, das sie zeigen) und jetzt können sie sogar 3D. An einem Stand für Televisionsgeräte tanzen magere Modelle ungelenke Tänze. Dabei werden sie gefilmt und das Livebild wird auf einen dieser modernen Fernseher übertragen. Messebesucher stehen davor und tragen alberne Brillen während sie in die Geräte starren und klagen über Kopfschmerzen. Wenn es nach den Ausstellern ginge, wird es bald nur noch 3D-Bilder geben. Also genau wie vor der Erfindung des Fernsehens, nur mit Kopfschmerzen.

Eine öffentlich-rechtliche Rundfunkanstalt belegt eine eigene, sehr große Halle. Beim Betreten spürt man sofort, wie hier Rundfunkgebühren verpuffen. Hinter einem langen Tisch sitzen drei Junge Menschen, die Autogramme geben. In unregelmäßigen Abständen umarmen sie sich und lächeln in ein Blitzlichtgewitter. Sie sind beliebter als die übergroße Sendung-mit-der-Maus-Maus, die niemand fotografieren will. Vermutlich sind sie sogar ein bißchen bekannt – aus Film, Funk und Fernsehen, wie man früher so schön sagte. Ich kenne sie nicht.

Weizen-Waldi vs. Lindenstraße

Gerade eben war ich dem Fußballzirkus gegenüber noch versöhnlich gestimmt – und nun das. Wann hat man so etwas schon erlebt? Und ich rede nicht vom 4:1-Sieg der Deutschen Nationalmannschaft gegen England. Ich rede davon, dass die ARD einfach die Lindenstraße ausfallen lässt, um Weizen-Waldi mit einem Box-Trainer und einem Schlagersänger Belanglosigkeiten über Fußball sprechen zu lassen. Als hätte es in den letzten und noch folgenden Tagen nicht noch ausreichend Gelegenheit dafür gehabt?

Das hat es in fünfundzwanzig Jahren Seriengeschichte nicht einmal bei Bundestagswahlen gegeben – und das war erst das Achtelfinale. Was soll passieren, wenn die Deutschland bis zum Endspiel vorrückt? Wird dann Anne Will ausfallen, die Tagesschau oder wird man gar Günther Jauch wieder absagen? So nicht, liebe ARD, dafür zahlen wir keine Gebühren!