Kleine Theorie der Baustelle

Spät nachts durch dieses Berlin schlendernd erläutere ich meiner Begleitung meine kleine Theorie der Baustelle: Wer sich zu dieser Stunde hinter einem Bauzaun aufhält und keinen scharfen Hund an der kurzen Leine führt, ist kein mit dem Objektschutz bauftragter Mitarbeiter, sondern entwendet widerrechtlich Baumaschinen und -material.

Um den Beweis anzutreten, rüttle ich mutig an einem Bauzaun, um den dahinter befindlichen Mann zu uns zu bitten. „Was machen Sie da?“, frage ich ihn. Er scheint nicht sonderlich verwundert von meiner Auskunftsbitte zu sein, und antwortet höflich, dass er die Baustelle bewache. Es werde viel geklaut und randaliert etc. „Und wo ist Ihr Hund?“, bohre ich kritisch nach. „Ich habe keinen und ich brauche keinen“, sagt er. Daraufhin weihe ich ihn in meine Theorie ein, was den Sicherheitsmann ein wenig zu amüsieren scheint. Ich möchte wissen, ob es für ihn so ganz ohne Vierbeiner, mit dem man des Nachts sprechen könne, nicht äußerst langweilig sei, so die ganze Zeit allein um den Rohbau zu marschieren. „Ich schreibe Gedichte“, entgegnet er mir, was wiederum mich in ein mittleres Entzücken versetzt. Ein Wachmann, der Gedichte schreibt, bringt meine Theorie ins Wanken, denn naturgemäß kann man keinen bissigen Hund festhalten, während man feinste Gedanken in einem Notizbuch niederschreibt.

Zu gern hätte ich vor dem Bauzaun noch ein Stück Wachdienstlyrik gehört, allerdings konnte sich der Objektschützer nicht durchringen, aus seinem Werk zu rezitieren. Möglicherweise dichtet er gar nicht – so wie es auch nicht mein Beruf ist, im Puff Klavier zu spielen, was ich es lästigen Nachfragern gegenüber gelegentlich behaupte. Beiderseits ein wenig erfreut von diesem kurzen Gespräch wünschen wir einander eine gute Nacht. Er dreht seine Runden, wir ziehen weiter: Mit dem Gedanken, dass auch meine kleine Theorie demnächst in Verse gegossen werden könnte.

Hamburg vs. Berlin: Pudel Salon

Hamburg: Ein paar Schritte vom Fischmarkt entfernt befindet sich auf dem Dach des Golden Pudel Clubs, der Elbphilharmonie der Herzen, der Pudel Salon. Schlicht eingerichtet, aber mit einem hervorragenden Blick auf das Tor zur Welt. Im Winter trinkt man drinnen eine heiße Schokolade mit Rum, draußen bereits am Nachmittag kühles Bier und blickt den tutenden Schiffen hinterher. Toll.

Golden Pudel Club, Hamburg-St. Pauli

Berlin: Tief im Westen bringt eine ältere Dame mit goldberandeter Brille und Pelzmantel ihren Vierbeiner mit wolliger gerkäuselter Beeharung zum Hundefriseur. Kritisch beäugt sie das Stutzen der Wolle, dann zieht sie ihrem Pudel, der entweder Sultan oder Daphne heißt, ein rosa Mäntelchen mit strassbesetzten Steinchen über, um mit ihm an der kurzen Leine durch den Kleistpark zu stolzieren. Macht der Köter einen Haufen, schaut das Frauchen pikiert, entsorgt diesen aber vorschriftsgemäß mit spitzen Fingern in der eigens hierfür mitgebrachten Plastiktüte. Anders toll.

Pudel Salon, Berlin-Schöneberg

Pudel Salon Hamburg vs. Berlin: 97 : 3.

Mehr Hamburg-Berlin-Vergleiche gibt es auf pop64.de.

Kalter Hund

Kalter HundWenn alles schlecht ist, dann hilft im Sommer ein Eis und im Winter ein Kuchen; Kaffee natürlich immer. Heute: Kalter Hund. Ein Kuchen aus Keksen und Schokolade. Kindheitserinnerung könnte man meinen, doch bei mir zuzhause gab es niemals kalten Hund – und so einen wie in diesem Café an einer vielbefahrenen Straßenkreuzung im Prenzlauer Berg schon gar nicht: enthält Spuren von Alkohol. Liegt schwer im Magen, ist aber trotzdem sehr lecker. Ich überlege, ob ich selbst ein kalter Hund bin, aber man sagt gewöhnlich „harter Hund“. Das Fremdbild weicht vom Selbstbild ab. Ödon von Horváth schrieb: „Ich bin nämlich eigentlich ganz anders, aber ich komme nur so selten dazu.“

Die Kunst der Fuge

Einfache Fugen, Gegenfugen, Fugen mit zwei und drei Themen, Spiegelfugen, vier Kanons, anschließende Quadrupelfuge: Johann Sebastian Bach hat sein Werk Die Kunst der Fuge (BWV 1080) nie vollendet, dadurch aber wiederum Generationen von Musikwissenschaftlern Arbeit verschafft.

Bei weit über 30 Grad im Schatten überquere ich die Brücke in der Pappelallee und trete mit dem rechten Fuß in etwas Weiches. Hocherfreut bin ich, als ich erkenne, dass es sich in diesem Falle nicht, wie sonst in Berlin üblich, um die Endprodukte der Verdauung eines Hundes handelt, sondern um eine physikalische Notwendigkeit. Die zuständigen Bauarbeiter nämlich haben die erforderliche Dehnungsfuge zum Glück sehr wohl vollendet. Nicht auszudenken, hätten sie sich an JSB orientiert: Vermutlich wäre das Bauteil längst in Folge einer Wärmedehnung zerborsten.

Verständlich, dass ich seitdem gern ein Thema in d-moll ungewöhnlich fröhlich vor mich hin pfeife, wenn ich eben jene Brücke sicher überquere. Auf Hundescheiße muss ich natürlich trotzdem achtgeben, die lauert überall.