Wilhelms Sprung

Mal stand Friedrich Gulda nackt auf der Bühne und spielte Blockflöte, mal erklärte er im Fernsehen den Blues. Bach gehörte genau so zu seinem Repertoire wie die Doors. Er war ein Grenzgänger. Einst lancierte er die Meldung vom eigenen Tod, um wenige Wochen später im Wiener Konzerthaus sein Auferstehungskonzert mit DJ-Unterstützung und Go-Go-Tänzerinnen zu zelebrieren. Kurze Zeit darauf starb er tatsächlich. Er hatte einen Knall. Herrlich.

Keith Jarrett

Das Auditorium darf nicht rascheln, nicht fotografieren und nicht in den letzten Akkord klatschen. Demut ist angesagt und Dankbarkeit für Momente, die nicht reproduzierbar sind. Keith Jarrett ist kapriziös. Aber das ist in Ordnung, schließlich ist er ein Genie. Aus dem Nichts heraus verdichtet er die musikalische Idee zu einem Werk, das danach in sich zerfällt. Das kann in Bremen oder Lausanne stattfinden, in Köln, Paris, Wien, Mailand oder Tokio. Nur selten, wenn es aufgezeichnet wird, können wir teilhaben. Tausendmal gehörte Songs nimmt er auseinander und setzt sie harmonisch neu zusammen. Standards können wir nur noch ertragen, wenn er am Klavier sitzt. Dabei verzerrt er das Gesicht, gibt Grunzlaute von sich und stöhnt und leidet. Man sieht dem Meister die Anstrengung an. Jeder Ton ist wie eine Geburt. Es ist schwer, ihm dabei zuzusehen. Man muss die Augen schließen. Immer spielt er, als sei es das letzte Mal. Und das könnte ja auch sein.