Görlitzer Park

Görlitzer Park, Berlin

Wir treffen uns im hässlichsten Park der Stadt. Überall lungern Männer herum, die mir Drogen verkaufen wollen. “Für mich heute keine Drogen”, entgegne ich freundlich, aber bestimmt, wenngleich die Aussicht auf einen goldenen Schuss auch heute nicht die Schlechteste wäre. Mein Bargeldbestand reicht allerdings nur noch für ein paar Flaschen Bier aus dem Späti.

Wir sind verabredet am Betonbach. Ich habe dieses Wort nie zuvor gehört, weiß aber sofort, was gemeint ist. Nichts bringt die Trostlosigkeit dieser Anlage mehr zum Ausdruck als dieses Gewässer, das nicht fließt, sondern tatsächlich ein schmaler Betonsee ist.

Die Sonne will nicht untergehen und gleißt beharrlich vor sich hin. Wir trinken Bier und Cremant und Bier und ein vorbeilaufender Hund beißt ein wenig auf dem halbrohen Fleisch herum, das auf unserem ausgegangenen Einweggrill liegt. Neben uns sitzende Menschen führen angestrengt Genderdebatten, während ich mit dem Fräulein zu meiner Linken Backrezepte austausche.

Die schönsten Ecken der Stadt

Entnervt verließ der Fotograf die Stadt. Nur kurze Zeit wollte er bleiben, um Bilder für seinen neuen Fotoband “Die schönsten Ecken der Stadt” einzufangen. Ein ganzes Jahr wurde daraus, doch schließlich musste er sich eingestehen, dass er auf ganzer Linie gescheitert war: Diese Stadt hat einfach keine schönen Ecken.

Propeller

Jorinde Vogt, Concept Grammar

In dem etwas verwunschenem Gebäude, einem ehemaligen Krankenhaus in Kreuzberg, befindet sich das Kunstquartier Bethanien. “Alles, was Sie über Chemie wissen müssen”, lautet der Name der Gruppenausstellung: Gezeigt werden Video- und Klanginstallationen, Zeichnungen und Performances.

“Konzept Grammatik” von Jorinde Vogt. Acht Flugzeugpropeller aus Carbon. Auf den Flügeln geschrieben: Wer wen liebt – wer wen nicht liebt. “Sie liebt mich – sie liebt mich nicht” etc. 64 mögliche Deklinationen, aber keine Antwort darauf, wo sich die anderen 56 befinden. Stattdessen unten in der Ecke ein Schaltkasten, mit dem Drehrichtung- und Geschwindigkeit der Propeller reguliert werden kann.

Ansonsten: Neun rotierende Pingpongbälle, deren Drehung von einer Kamera aufgenommen und auf neun Monitore übertragen wird. Eine Art unförmige Sonnenuhr. Die großformatige filigrane Kugelschreiberzeichnung einer futuristischen Stadt. Eine Antenne, die ein Brummen auslöst, sobald man sich ihr mit der Hand nähert. Naturgemäß unvermeidlich Videoinstallationen: U. a. ein Video, in dem gerannt wird, ein Video in dem sich eine Frau einen Schnorchel in das Gesicht zementiert, und ein Video, in dem geschrien wird.

Überhaupt hat bildende Kunst, die mit Geräusch verbunden, meist etwas Enervierendes. Dennoch bin ich an diesem regnerischen Tag dankbar für zweieinhalb Stunden der angenehm inspirierenden Zerstreuung.