Transmedialer Elektrozaun

Health & Safety Violation #36, Ben Woodeson

Es ist wieder einmal so weit: In der Schwangeren Auster wird Medienkunst gezeigt. Die Eingangshalle durchzieht ein Elektrozaun. Health & Safety Violation #36 heißt das von Ben Woodeson geschaffene Kunstwerk. Es wirkt etwas bedrohlich. Sicherheitspersonal achtet darauf, dass ihm niemand zu nahe kommt, der nicht die Haftungserklärung unterschrieben  hat, die den Künstler von allen Schadensersatzansprüchen freistellt.

Ich beobachte das Spektakel eine Weile, traue mich aber zunächst nicht, mir einen Stromstoß versetzen zu lassen. Es sind nur wenige Milliampere, die im Abstand von wenigen Sekunden durch den Zaun gejagt werden; etwa so viel wie durch einen Weidenzaun. Die Mutigen, die Plus- und Minuspol berühren, schreien zumeist kurz auf. Obowohl man weiß, dass etwas passieren wird, ist der Schreck enorm. Die meisten lachen, nachdem sie sich davon erholt haben. Eine junge Frau fällt zu Boden, was aber eher dem Schreck als der Stärke des Stromstoßes geschuldet ist.

Was der Künstler uns damit sagen will? Man weiß es nicht, niemand erklärt es. Der Reiz, es ausprobieren zu wollen, wird dennoch stärker. Ein paar Biere später werde ich mutig: ich unterschreibe, dass ich zur Mitwirkung an diesem Kunstwerk bereit bin, meinen Tod in Kauf zu nehmen, und erhalte im Gegenzug einen Stempel auf das Handgelenk, der mich für den Zutritt zum Elektrozaun berechtigt. Die Bekannte zieht mit (eigentlich hat sie mich überredet) und wir entscheiden uns für die Romantikvariante. Wir halten einander an den Händen, sie berührt den Minuspol, ich den Pluspol. (Vermutlich aber umgekehrt.) Dann passiert es: es funkt zwischen uns beiden. – Zeitgleich durchfährt unsere Körper ein kleiner Stromstoß. Es ist nicht so, dass man die Zaunstangen ununterbrochen festhalten möchte, aber auch nicht so schlimm wie erwartet. Wir machen es noch zwei weitere Male und fühlen uns den Rest des Abends wie Superhelden, die ein Medienkunstwerk bezwungen haben.

Das Fort-Fort-Fort-Bleiben

Bereits am Sonntag blättere ich das erst am folgenden Tag erscheinende Nachrichtenmagazin durch. Wie so oft bin ich dabei eher gelangweilt. Dass dessen Leser mehr wissen, ist ein Werbespruch vergangener Zeiten.

Lediglich eine Randnotiz (diese) in der Kultur lässt mich aufmerken: Ein Gericht verbietet die Auslieferung eines Romans, weil sich jemand in einer Figur zu erkennen glaubte, und darauf hin einen Verkaufsstopp erwirkte. Bereits bei Billers Esra wähnte man ähnliche “Fälle” auf uns zukommen. Die Leiden des Jungen Werthers und Buddenbrooks wären so nicht möglich gewesen. Auf welche Werke der Literatur hätten wir mit dieser Rechtsauffassung noch verzichten müssen?

Der Autor ist ein flüchtiger Bekannter. Vor Kurzem trafen wir uns am Rande eines Konzertes. Er erzählte von einer ersten Einladung zu einer Lesung in einer Provinzbuchhandlung und wir fragten uns, ob man danach denn wirklich zum Griechen gehen müsse. Die Frage ist nun erst einmal obsolet geworden. Das ist schade, auch weil man Fleischberge ja eigentlich mag.

Im Übrigen gehört dieses Weblog natürlich auch verboten.

Kontrabassklarinette

Ein Mann bläst in ein Ungetüm. Es handelt sich um eine Kontrabassklarinette. Von diesem Instrument gibt es in Deutschland angeblich nur drei Exemplare. Heraus kommen Geräusche. Es klingt wie eine Mischung aus Nebelhorn und Didgeridoo. Kein Rhythmus, keine Melodie. Einfach nur Sound. Es ist weniger konzertante Aufführung, es ist eine Performance. – Hurz und Krawehl. (Es wundert wenig, dass dieses Holzblasinstrument es nicht mit der Popularität von Wandergitarren aufnehmen konnte.)

Wir befinden uns auf einer Ausstellungseröffnung in einem Autoladen in Berlin-Mitte: “Wovon Maschinen träumen”. Zu sehen sind ein lichtdurchflutetes waberndes Lattenrost, ein sprechendes Klavier, ein beleuchtetes Kleid und eine Kussmaschine etc. Alles ist Kunst und es gibt reichlich Schnittchen und Wein. Schnittchen und Wein sind das Wichtigste auf Vernissagen. Wenn eines von beiden aus ist, verlassen die Besucher den Ort. So auch wir.

Berlin-Mitte. Sorgfältig geschminkte Mädchen in Abendkleidern und hochhackigen Schuhen (und einige Jungs in ebendiesem Aufzug) stehen auf dem Kopfsteinpflaster vor der Kneipe, von der man nicht weiß, ob ihre Eröffnung oder Schließung zelebriert wird. Massenweise Menschen stehen auf der Straße herum, Autos haben es schwer, die Straße zu passieren. Wir sitzen auf den Treppenstufen des Eingangs der Kirche gegenüber und trinken Bier aus Flaschen. Es wäre alles gar nicht so schlimm, wenn all diese Leute nicht da wären.

Kunst und Negerkussbrötchen

Die Kunst ist das Höchste und
das Widerwärtigste gleichzeitig.

(Thomas BernhardAlte Meister)

Es ist keine richtige Verabredung. Sie sagt ihm, dass sie da sein werde, und er geht zur genannten Zeit in die kleine Galerie im Lichthof des Universitätsgebäudes. Sie, die Kunsthistorikerin, führt durch die Ausstellung und zieht an diesem Abend den Säbel dem Florett vor. Er, der Trottel, erkennt weder die Duchamp-Referenz noch hat er Walter Benjamin gelesen. Dafür verfügt er, so sagt sie, über ein provinzielles und längst überholtes Kunstverständnis. Zum Abschied diskutiert man auf einer Straßenkreuzung, was eigentlich Kunst ist – eine Fragestellung, die sie überhaupt nicht interessiert. Dann geht man getrennte Wege.

Am folgenden Tag gibt es im Büro Negerkussbrötchen. Er erinnert sich an seine Kindheit in der Provinz und wie er damals auf dem Weg zur Schule heimlich mit Mohrenköpfen belegte Rundstücke erwarb. Die Bäckereifachverkäuferin wusste darum, dass diese Art des Pausenbrotes bei Eltern und Lehrern gleichermaßen ernährungsphysiologisch verpönt war. Aus diesem Grunde zwinkerte ihm die Bäckersfrau stets konspirativ zu. Die in der früheren DDR sozialisierten Kollegen kennen keine Negerkussbrötchen und wundern sich über diese eigentümliche Konstellation. Ihn wiederum wundert, dass es über zwanzig Jahre nach der Wiedervereinigung immer noch kleine Entdeckungen gibt, die daran erinnern, dass das Land vormals geteilt war.

Ob die Kunsthistorikerin sich für Negerkussbrötchen interessiert, weiß er nicht. Wohl aber, dass sie immerzu Salat isst.

Außeninstallation

Bons-Ai Wax, "2 x 7 Zwerge", Installation im öffentlichen Raum (2011)

“Alles ist richtig, auch das Gegenteil.
Nur »zwar – aber«, das ist nie richtig.”

(Kurt Tucholsky)

transmediale.11, eine Außeninstallation hinter der Kongresshalle: Vierzehn Bäumchen in stoffumhüllten Kübeln, drei Hydrantenhinweisschilder, ein Klappfenster, gegenüber die Spree. Mehr nicht.

“Der japanische Aktionskünstler Bons-Ai Wax experimentiert bereits seit Ende der siebziger Jahre mit floralen Elementen im urbanen Raum. Für sein neuestes Werk »2 x 7 Zwerge« nimmt er Bezug auf das Brüder-Grimm-Märchen »Schneewittchen« unter Berücksichtigung der zentralisierten Wasserversorgung der Großstadt”, so der Katalog zur Ausstellung. “Das Wasser symbolisiert nicht nur die Quelle allen Lebens, sondern führt zwangsläufig zu einem unkontrollierten Wuchern der Pflanzen, das mittels Zeitrafferkamera stündlich festgehalten wird. Einerseits werden die strengen Gestaltungsrichtlinen der asiatischen Gartenbaukunst gesprengt, andererseits werden Aspekte des Grimm-Märchens durch die ebenhölzernen Baumstämme formal aufgegriffen. Allen Widersprüchen zum Trotz unterstreicht die gegenüberliegende Spree, dass alles im Fluss ist (vgl. Heraklit). Die filmische Umsetzung dieses radikalen Langzeitprojekts wird erstmals auf der Berlinale 2011 als Slow-Motion-Film in umgekehrter Reihenfolge einem breiteren Publikum vorgestellt. Im Anschluss wird die Dokumentation im Rahmen der Weiterbildung von japanischen Gartenbaumeistern ihrer eigentlichen Bestimmung zugeführt.”

Vielleicht ist es aber auch ganz anders.

Propeller

Jorinde Vogt, Concept Grammar

In dem etwas verwunschenem Gebäude, einem ehemaligen Krankenhaus in Kreuzberg, befindet sich das Kunstquartier Bethanien. “Alles, was Sie über Chemie wissen müssen”, lautet der Name der Gruppenausstellung: Gezeigt werden Video- und Klanginstallationen, Zeichnungen und Performances.

“Konzept Grammatik” von Jorinde Vogt. Acht Flugzeugpropeller aus Carbon. Auf den Flügeln geschrieben: Wer wen liebt – wer wen nicht liebt. “Sie liebt mich – sie liebt mich nicht” etc. 64 mögliche Deklinationen, aber keine Antwort darauf, wo sich die anderen 56 befinden. Stattdessen unten in der Ecke ein Schaltkasten, mit dem Drehrichtung- und Geschwindigkeit der Propeller reguliert werden kann.

Ansonsten: Neun rotierende Pingpongbälle, deren Drehung von einer Kamera aufgenommen und auf neun Monitore übertragen wird. Eine Art unförmige Sonnenuhr. Die großformatige filigrane Kugelschreiberzeichnung einer futuristischen Stadt. Eine Antenne, die ein Brummen auslöst, sobald man sich ihr mit der Hand nähert. Naturgemäß unvermeidlich Videoinstallationen: U. a. ein Video, in dem gerannt wird, ein Video in dem sich eine Frau einen Schnorchel in das Gesicht zementiert, und ein Video, in dem geschrien wird.

Überhaupt hat bildende Kunst, die mit Geräusch verbunden, meist etwas Enervierendes. Dennoch bin ich an diesem regnerischen Tag dankbar für zweieinhalb Stunden der angenehm inspirierenden Zerstreuung.