Post von Wagner: Lieber Günter Grass

Lieber Günter Grass,

Sie sind ein großer Dichter. Schon als hellhöriger Säugling haben Sie auf kaschubischen
Kartoffelackern laut auf die Blechtrommel eingedroschen.

Jetzt haben Sie ein Gedicht geschrieben: “Was gesagt werden muss”. Mit letzter Tinte machen Sie der Welt Angst vor Israel, vor Juden mit der Atombombe. Mir tut es weh, das zu lesen. Seit an Seit mit Linken und Terroristen lassen Sie mit ihren Worten Ilsebill die Wunden des jüdischen Volkes nachsalzen.

In den furchtbaren Nazijahren haben Sie in der SS gedient. Damals
waren Sie noch ein Kind, unschuldig. Sie haben gefroren und hatten Hunger. Niemand macht Ihnen den Vorwurf, dass Sie eine schöne Uniform haben und
eine warme Suppe essen wollten.

Heute sind Sie Nobelpreisträger. Viel mehr kann man nicht erreichen
als Schriftsteller. Meine alte liebe Mutter fragt immer: “Wem nützt es?” Ich glaube,
Sie wollen meinen Job.

Marcel Reich-Ranicki hatte recht, als er sagte: Gossen-Goethe wollen viele werden. Aber es kann nur einen geben.

Herzlichst,

Ihr F. J. Wagner

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Dies ist eine keine exklusive Vorab-Veröffentlichung des morgen in der BILD erscheinenden Briefes von Franz-Josef Wagner an Günter Grass, anlässlich dessen Gedichts “Was gesagt werden muss”.

Rolf Dieter Brinkmann: Schreiben, realistisch gesehen

Sylt

Schreiben, realistisch gesehen.

Worüber
kann ich noch schreiben
vielleicht ein Gedicht
über zerschlagene Waschmaschinen
über Straßenbau oder
junge Ehen

man rät mir viel
man korrigiert mich
man meint, es sei überflüssig
man trinkt und raucht
man geht fort

wenn ich am Schreibtisch sitze
vor einem weißen Blatt Papier
weiß ich nichts mehr -
die hydrographischen
Angaben von heute
mittag zwölf Uhr
in Meereshöhe
sind schöner, ich glaub es gern

denn
ach, das Meer
das ich noch nie gesehen habe
mein geheimer Unwille
meine große Müdigkeit
das Meer, das Meer
das zerstört
werden wird
in einem anderen Gedicht!

(Rolf Dieter Brinkmann, aus “Standphotos”)

Rolf Dieter Brinkmann: Ein Gedicht

Deich

Ein Gedicht

Hier steht ein Gedicht ohne einen Helden.
In diesem Gedicht gibts keine Bäume. Kein Zimmer
zum Hineingehen und Schlafen ist hier in dem
Gedicht. Keine Farbe kannst du in diesem

Gedicht hier sehen. Keine Gefühle sind
in dem Gedicht. Nichts ist in diesem Gedicht
hier zum Anfassen. Es gibt keine Gerüche hier in
diesem Gedicht. Keiner braucht über einen Zaun

oder über eine Mauer in diesem Gedicht zu klettern.
Es gibt in diesem Gedicht hier nichts zu fühlen.
Das Gedicht hier kannst du nicht überziehen.
Es ist nicht aus Gummi. Kein weißer Schatten

ist in dem Gedicht hier. Kein Mensch kommt
hier in diesem Gedicht von einer Reise zurück.
Kein Mensch kommt in diesem Gedicht hier atemlos
die Treppe herauf. Das Gedicht hier macht keine Weiterlesen