Manipulation

Ich mach mir die Welt, wie sie mir gefällt.
(aus “Pippi Langstrumpf”)

Gestern veröffentlichte ich einen Beitrag mit einem Bild des Flughafens Tempelhof. Nachdem ich dieses Bild auch bei Flickr hochgeladen habe, lobte mich eine geschätzte Fotografin dort für die gekonnt eingefangene Stimmung. Die Sache hat allerdings einen Haken: Die Stimmung entstand einzig und allein in meinem Kopf. Und auch das erst Monate, nachdem die Fotografie aufgenommen wurde.

Tatsächlich handelt es sich bei der originalen Szenerie nicht um das gestern von mir wiedergegebene Tempelhofer Feld mit sagenhaft trister Anmutung, sondern um einen ehemaligen Flughafen an einem durchschnittlich schönen Berliner Frühlingstag. Die Modellierung von Gradationskurven, selektiver Sättigung und Farbtemperatur schufen eine komplett andere Atmosphäre. Ganz so, wie ich sie für meinen Beitrag benötigte. All dies ist kein Hexenwerk, sondern sind in der Fotografie durchaus gängige Stilmittel, denen man sich bereits in analogen Dunkelkammern bediente.

Obwohl wir uns der Möglichkeiten der Manipulation vollkommen bewusst sind, nehmen wir ein Bild wahr und glauben, es sei die Wirklichkeit. Manchmal ist es aber doch ganz anders. Genau so ist es auch mit Worten.

Zum Vergleich bitte Vorschaubild anklicken und Pfeiltaste unten rechts betätigen:

Rezeption

Kinderspielzeug BOSCH Kettensäge

Wovon man nicht sprechen kann,
darüber muss man schweigen.

(Ludwig Wittgenstein)

Die Rezeption dieser kleinen Onlinepublikation ist ein recht simple: Gewöhnlich ein Bild, manchmal ein Zitat, stets ein paar dahingeworfene Sätze. Meistens wenige. Das könnten Sie mit wenig Aufwand auch selbst machen.

Hat der Autor denn keine Gedanken, die über fünf Zeilen hinaus gehen, werden Sie sich womöglich zuweilen fragen. Ich kann Ihnen versichern: Doch, es gibt sie. (Aber diese deprimierten Sie nur.)

Ankündigung

“Ich bin nämlich eigentlich ganz anders,
aber ich komme nur so selten dazu.”

(Ödon von Horváth)

Was gestern noch bedeutsam erschien, erkennt man heute als Unrat (et vice versa). Es ist keine schöne Erkenntnis, sich so sehr in einer Sache getäuscht zu haben. Nach all dem, was geschehen ist, wird klar, dass es nicht wie bisher weitergehen kann.

Daher hat sich der Autor dazu entschlossen, dieses Weblog zu öffnen: Multiple Persönlichkeiten werden ebenhier fortan die Feder führen, um triste Fotografien mit fahrigen Bildlegenden zu versehen. Zur Förderung der Verwirrung des Rezipienten, werden sämtliche Verfasser unter dem bewährten Pseudonym bosch in Erscheinung treten.

Möglicherweise werden Sie sich fragen, ob die boschs jetzt komplett verrückt geworden sind. Mit einer Stimme werden wir Ihnen dann sanft entgegenhauchen: Und wenn schon?

Kein Tagebuch

Als der Strom weg war,
kamst Du zu mir,
und du sagtest: “Los komm, erklär mir
in den Liedern, die Du spielst,
ist immer weniger von Dir selber drin.”
“Stimmt genau,” sag ich,
“die sind so, wie ich selber bin.”

(Blumfeld, Superstarfighter)

Und natürlich ist das, was ich hier täglich in dieses Internet schreibe, kein Tagebuch, sondern immer auch ein Stück weit Ausgedachtes. “Wieviel Autobiographisches steckt in diesem oder jenem Text?”, mag sich der Leser fragen, und ich antwortete “nichts” oder “alles”. Aber das ist egal, denn der Klang der Worte ist oft wichtiger als ihre Bedeutung selbst.

Sprechen – Schreiben – Schweigen

"Eine Treppe", Sudelbuch, Kurt Tucholsky

Kurz vor seinem Tod nimmt Kurt Tucholsky einen letzten Eintrag in sein “Sudelbuch” vor, die bekannte Treppe: “Sprechen – Schreiben – Schweigen”. Es ist das bedrückende Dokument eines “aufgehörten Dichters”, wie er sich selbst bezeichnete. “Dass ich mein Leben zerhauen habe, weiß ich. Dass ich aber nicht allein daran Schuld bin, weiß ich auch. Mich haben sie falsch geboren”, schreibt Tucholsky am 19. Dezember 1935 in einem Brief an seine letzte Geliebte Hedwig Müller. Zwei Tage später stirbt er an einer Überdosis aus Schlaftabletten und Alkohol in einem Göteborger Krankenhaus; ob es Absicht war oder ein Unfall kann nie endgültig geklärt werden. Bereits 1923 hat er unter dem Pseudonym Ignatz Wrobel in seiner Satire “Requiem” folgenden Grabspruch für sich erdacht: “HIER RUHT EIN GOLDENES HERZ UND EINE EISERNE SCHNAUZE. GUTE NACHT –!”. Seinen Grabstein, nahe Schloß Gripsholm ziert jedoch ein anderer. Tucholsky hinterlässt ein Werk von mehr als 2.500 Texten.

Am 9. Januar 1890, heute vor 121 Jahren, erblickte der Journalist und Schriftsteller mit den 5 PS das Licht der Welt.

In den letzten Wochen habe ich gelegentlich über Tucholskys Treppe nachgedacht. Sicher war sie bedingt durch die Lebensumstände seiner letzten Jahre auch ein Zeichen der Resignation. Aber was vermag Sprache wirklich? Nicht selten bin ich in den letzten Monaten an die Grenze meiner Ausdrucksfähigkeit gestoßen; allzu oft fehlen mir die richtigen Worte, um Gedanken und Gefühle wirklich auf den Punkt zu bringen. Es ist ein ewiges Ringen um Genauigkeit.

Allzu oft war ich geneigt, die Treppe umzudrehen: Schweigen – Sprechen – Schreiben. Das schafft Luft zum Nachdenken und ich hoffte, mich dadurch besser ausdrücken zu können. Ein Irrtum. “Schreiben statt Reden” hat vieles in meinem Leben nicht einfacher gemacht. Ganz im Gegenteil: Missverständnisse, die im persönlichen Gespräch wohl sofort hätten ausgeräumt werden können, wurden durch die Schriftform manifestiert.

Konfrontiert mit der Unzulänglichkeit der eigenen Worte wächst in mir die Erkenntnis, dass Sprache auch immer Scheitern bedeutet. Insofern wäre das Schweigen in der Tat eine mögliche Konsequenz. (Im Übrigen hadere ich gerade damit, ob oder in welcher Form ich dieses Weblog weiterführen werde.)

Aktion Blogswing

Der Sommermonat August ist allgemein nicht dafür bekannt, ein Zeitpunkt für gute Vorsätze zu sein. Aber warum sollte man diese immer nur zum Jahreswechsel fassen?

Wenn Gewerkschaftsbosse auf Kosten des Betriebes, den sie gerade bestreiken, in den Urlaub fliegen und Affenmädchen mangels Seepferdchenabzeichen im Hamburger Zoo ertrinken, dann hat wieder einmal das Sommerloch geöffnet. Während andere Blogbetreiber in dieser Zeit vor lauter Transpiration bevorzugt einen neuen Blogblues ausrufen, alle Viere von sich strecken, sich dem Müßiggang hingeben und so in den Feedreadern dieser Welt für gähnende Leere sorgen, will ich dieser Entwicklung entschieden entgegentreten und Dienst am Leser tun. Hiermit rufe ich die Aktion Blogswing aus – für einen beschwingten Sommer im Weblog.

Täglich werde ich fortan an dieser Stelle einen Beitrag veröffentlichen – zumindest einen kurzen, manchmal vielleicht auch einen kurzweiligen. Der langjährige Leser dieses Onlinejournals wird sich nun möglicherweise mir Blick auf die bisherige Beitragsfrequenz an den Kopf fassen und sich fragen: Ja, schafft der bosch das denn? Wie lange wird er das bloß durchhalten? Ich kann Sie beruhigen und sage: mindestens bis morgen.

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Geeignete Themenvorschläge nehme ich selbstredend gern entgegen.