Fußmatte

Einmal wöchentlich kommt der Putzmann, um das Treppenhaus zu reinigen. Mit seinem Mundschutz sieht er aus wie ein Kammerjäger. Er sagte mir, er habe eine Putzmittelallergie. Der Putzmann ist ein angenehmer Mensch, gern wechsle ich ein paar Worte mit ihm. An besseren Tagen bleibt dies die einzige Unterhaltung.

Zur Verrichtung seiner Tätigkeit, stellt er die Fußmatten senkrecht an die Wohnungstüren. Er ist gründlich. Die Fußmatte der Wohnung unter mir bleibt danach manchmal mehrere Tage unberührt. Solange zu fast jeder Tages- und Nachtzeit das lautstarke Schnarchen aus der Wohnung zu vernehmen ist, sorge ich mich nicht um den Nachbarn. Dennoch frage ich mich: Was tut dieser Mensch, wenn er nicht schläft?

Über das Schnarchen

Berliner Philharmonie

Gelegentlich schnarche ich. Ich selbst höre es fast nie, es sei denn, ich erwache davon. Das ist nicht weiter schlimm. (Zuweilen soll es sogar Damen geben, die hin und wieder zu schnarchen pflegen. Als Gentleman bevorzuge ich es jedoch, in diesen äußerst selten Fällen darüber zu schweigen oder – wenn es unvermeidbar ist – von einem lieblichen Säuseln zu sprechen.)

In der Wohnung unter mir wohnt neuerdings ein dicker Mann. Er schnarcht nicht nur gelegentlich, sondern ununterbrochen. Im Prinzip schnarcht er morgens, mittags und abends (und nachts sowieso). Hisste man sein Gaumensegel auf einem Viermaster, käme man selbst bei Flaute in Rekordgeschwindigkeit um die Welt.

Früher bewahrte ich in dem kleinen Schränkchen neben meinem Bett für den Fall der Fälle Kondome auf. Dafür ist heute kein Platz mehr, denn ich benötige in meiner Nähe griffbereit stets eine Klinikpackung Ohropax. Manchmal, wenn ich wach liege, obwohl ich eigentlich müde bin, sehne ich mich danach, neben einem Sägewerk zu wohnen, einer Großbaustelle oder zumindest einem Flughafen ohne Nachtflugverbot.

Kürzlich hat der Mann aufgehört zu schnarchen. Ich befürchtete das Schlimmste: Ist er im Schlaf erstickt? Drei Tage und drei Nächte war aus der Wohnung unter mir nichts zu hören. Plötzlich begann ich, mir Sorgen zu machen. Gerade als ich überlegte, an seiner Tür zu klingeln, um zu fragen, ob alles in Ordnung sei, war es wieder da, das Schnarchen. Jedenfalls hat der Nachbar die drei Tage der Abwesenheit nicht genutzt, um sich in einer Hals-Nasen-Ohren-Klinik das Gaumensegel entfernen zu lassen. Auch wenn beruhigt das falsche Wort ist – ein bißchen war ich es.

Der Blitz

Draußen ist es dunkel. Es ist Morgen, Mittag oder Abend. Auf jeden Fall ist es Herbst, da ist es eigentlich immer dunkel. Klare Nacht – den ganzen Tag lang. Nur manchmal leuchtet es ganz plötzlich für den Bruchteil einer Sekunde grell auf. Doch kein Grollen ist zu vernehmen, der Himmel ist wolkenlos und klar. Und trotzdem ist da dieses Blitzen: einmal, zehnmal, hundertmal kurz hintereinander.

Irritiert nehme ich zur Kenntnis, dass sich im Haus gegenüber jemand ein Photostudio eingerichtet hat. Vielleicht hat dieser jemand es erst gestern getan, möglicherweise bereits im Frühjahr. Jedenfalls fällt mir erst jetzt, da die Tage dunkler geworden sind, auf, dass sich gegenüber ein Raum voller Studioblitze befindet. Diese scheinen den ganzen Tag in Betrieb zu sein. Aus dem Fenster des Photographen blitzt es so gewaltig, dass ich in meinem Wohnzimmer – synchronisierte ich das Auslösen meiner Kamera mit seinem Blitzgerät nur sorgfältig genug – problemlos ebenfalls ein Studio einrichten könnte, jedoch ohne die Anschaffung einer eigenen Blitzanlage. Aus meiner leichten Animosität wird tiefe Abscheu.

Gelegentlich hört man von Menschen, die in der Nähe von Windkraftanlagen leben. Der regelmäßige Schattenwurf der Rotorblätter treibt einige der Anwohner langsam, aber sicher in den Wahnsinn. In der Nähe eines solchen Windrades möchte ich meinen nächsten Urlaub verbringen.

Weckerqualen


Foto: Frengo

Ein gleichsam effektiver und heimtückischer Weg, unliebsame Nachbarn in den Wahnsinn zu treiben ist, seinen Wecker auf eine Uhrzeit zu stellen, zu der man selbst nicht daheim zu sein gedenkt. Der fortgeschrittene Nachbar verwendet in seiner ganzen Niedertracht hierfür freilich keinen mechanischen Aufziehwecker, den er zuvor auf einem Teller plaziert hat, sondern geht mit der Zeit und benutzt einen lautstarken Digitalwecker mit automatischer Weckwiederholung.

Sollte mein Nachbar allerdings in seiner Schikane so weit gegangen sein, dass er mich gerade nicht nur mit lautstarken akustischen Signalen quält, sondern zugleich auch noch in den Urlaub gefahren sein, so kann er gewiss sein, dass ich zwecks Abstellung der Schallbelästigung geeignete Maßnahmen zum Aufbruch der Wohnung ergreifen werde.

Ich indes bin meinen Mitmenschen wohlgesinnt und hoffe nicht, so weit gehen zu müssen. Daher wünsche ich selbst meinem maliziösen Nachbarn einen angenehmen Urlaub und türschlossschonende kurze Batterielaufzeiten (alternativ, falls der Nachbar lediglich einen tiefen Rausch ausschläft, und darob seinen Wecker überhört, wünsche ich ihm zumindest einen taglang einen angemessenen Kopfschmerz, der ihm eine Lehre sein möge).

Geklöppel am Morgen und Promillekørsel

[youtube 3ih9-uDgTWc geklöppel]

Gewöhnlich habe ich einen gesunden Schlaf. Heute jedoch erwache ich bereits um 4.30 Uhr. Es ist nicht nur das leidige Gezwitscher des Federviehs, das mich um meine Nachtruhe bringt. Heute kommt von irgendwoher ein dumpfes Geklöppel, das mich aus meinen süßen Träumen reißt. Es ist ein lautstarkes, regelmäßiges Geräusch, das einem Schlag auf eine große Trommel im Sekundentakt gleicht.

Spornstreichs nachtwandle ich auf meine Balkonage, um den Übeltäter auszumachen. Ich bemerke, dass es zu dieser Uhrzeit bereits fast taghell ist. Eine Erkenntnis, die mich überrascht – die Zeiten, in denen ich um 4.30 Uhr nach Hause gekommen bin, sind längst vorüber, ein Hang zur präsenilen Bettflucht ist noch nicht auszumachen. Ich lasse meinen Blick kreisen: Sollte in meiner näheren Umgebung, von mir unbemerkt, eine Galeerenschule ihre Tore geöffnet haben? Werden hier des Nachts Freiwillige für den Dienst in frühneuzeitlichen Ruderkriegsschiffen ausgebildet oder findet gar vor meiner Haustür eine Art verschärftes Höhentraining für die Ruder-Olympiamannschaft statt?

Das Rätsel bleibt ungelöst. Hilfslos und verzweifelt suche ich erneut mein Bett auf, während draußen das Geräusch in unveränderter Intensität andauert. Ich stelle mir das Geklöppel nun als meditatives Begleitgeräusch vor, das mich in den Schlaf zurück begleiten soll. Bevor sich meine Augen schließen, denke ich an Guido Knopp. Halt, Moment mal, etwa an den Guido Knopp, der uns im ZDF immer wieder stark vereinfacht und mit Hang zum Kitsch, Laienschauspiel und musikalischer Untermalung die dunklen Seiten der deutschen Geschichte erklärt? Ja, genau an den.

Beim Zappen stieß  gestern ich auf von ihm produzierte Dokumentation über die Königshäuser Europas. Gewöhnlich interessiert mich deren Schicksal ebenso wenig wie das der Fußballnationalmannschaft, doch verschaffte mir diese Sendung einen kurzen Moment des Glücks:

Kronprinz Frederik von Dänemark, der Sohn der in der Fernsehsendung als Märchenkönign bezeichneten Margrethe II., zog einst Negativschlagzeilen der dänischen Boulevardpresse auf sich, da er in alkoholisiertem Zustand ein Kraftfahrzeug betätigte, was auch im Land der Dänen nicht gern gesehen ist. So kam es, dass – nur für wenige Sekunden – die Titelseite eines solchen Blattes im ZDF zu sehen war. In großen Lettern stand dort geschrieben: “Promillekørsel …”

Was für ein wunderschönes Wort: Promillekørsel. Ich dachte immer und immer wieder an Promillekørsel und war bei diesem Gedanken hocherfreut über das neu gelernte Wort, das ich fortan hüten werde wie einen kleinen Schatz. Wie gern wäre man manchmal, insbesondere in schalflosen Nächten, ein Promillekørsel, dachte ich. Eine kurze Recherche ergab jedoch, dass man kein Promillekørsel ist, sondern eine Promillekørsel macht, auch gut. Promillekørsel, Promillekørsel, Promillekørsel. Von Glück beseelt, aber nüchtern, schlief ich sodann noch ein paar Stunden.