Gassigehdienst

Die Frau vom gewerblichen Gassigehdienst blickt so mürrisch drein, als brächte sie die in ihrer Obhut befindlichen Vierbeiner am liebsten direkt in den nächstgelegenen Chinaimbiss. Warum sie mit den Hunden in die Tram steigt, gibt mir ein Rätsel auf. Verständlich, dass auch ihr das Flanieren mit angeleinten Haustieren eine Last ist. Den Hundehaltern ist es das schließlich auch. Warum aber bevorzugt sie nicht die zum Zwecke der Gassigehvermeidung viel geeignetere Ringbahn? Damit könnte sie stundenlang im Kreis fahren. – Vorausgesetzt sie hat eine ausreichende Menge an Hundekotbeuteln dabei.

Elf

I started a joke,
which started the whole world crying,
but I didn’t see that the joke was on me.

(Bee Gees)

Eigentlich hat sich nichts geändert, nur das Kalenderjahr ist auf Elf gesprungen. Ein Blick ins Internet jedoch verrät, dass im neuen Jahr doch vieles anders ist:

Ansonsten eher melancholische Bloggerinnen versprühen plötzlich einen Hauch von Optimismus. Auf XING geben alle ihre tollen neuen Jobs bekannt: Sie sind nun Senioren, Direktoren oder gar Chiefs of irgendwas. Nur einer ist Investmentfondsmanager in Luxemburg geworden. Auf Facebook zeigen plötzlich alle weiblichen Wesen, die man aus heute unerklärlichen Gründen früher irgendwann einmal als sehr anziehend empfand, Fotos von ihren neuen niedlichen Babys. Nur eine hat ihren Beziehungsstatus auf „es ist kompliziert“ geändert.

Lediglich auf Twitter können wir uns verlassen, denke ich. Hier ist alles wie immer: wir halten uns an unserem Humor fest und können beruhigt sein, dass wir hierfür keine Ratgeberbücher für positives Denken, dynamische Arbeitgeber oder funktionierende Beziehungen brauchen. Wir haben nichts erreicht, aber können in 140 immerhin noch ein bißchen über uns selbst lachen.

Am Bahnsteig stehend sinniere ich darüber, ob der Zug für mich vielleicht längst abgefahren sei. Aber es ist Winter in Berlin – jetzt fahren keine Züge.

Stiller Raum

„Die Welt dreht sich weiter für dich und für mich.
Nur, wo heute Nacht und Schatten sind,
war gestern noch Licht.“

(Rio Reiser, Stiller Raum)

Ein S-Bahnhof im Nordwesten Berlins. An einem Sonntag im Januar stehe ich hier und warte: Es ist sehr kalt, aber ich friere nicht. Wie so oft in diesen Tagen kommt es „witterungsbedingt“ zu Zugausfällen. Gleich werden wir zum ersten Mal gemeinsam einen Tatort schauen. Die Bahn kommt nicht und ich nehme ein Taxi. Ihr werde ich sagen, dass ich die Leiche nicht verpassen wollte, aber vor allem wollte ich schnell zu ihr. Nach dem Tatort gehe ich nach Hause. Irgendwann muss man schließlich schlafen.

Es folgen: viele Tatorte, großes Glück und Fehler, die ich nicht wieder gutmachen kann.

An einem Sonntag im Dezember stehe ich wieder am selben Bahnhof und warte: In den Ohren ein Lied, dessen Text man in stärkeren Stunden leicht als Kitsch abtun könnte, doch das wird ihm nicht gerecht. Kein anderes vermag es, diesen Moment besser einzufangen als Rio Reisers „Stiller Raum“. So einfach, so schön, so traurig. Mein Zug kommt nicht. Es ist kalt, ich friere.

 
Rio ReiserStiller Raum

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Dies ist ein Beitrag aus meiner Serie “Der Soundtrack meines Lebens”. Weitere Beiträge dazu finden sich hier.