Heimatalbum

Früher hatten meine Großeltern einen Schrebergarten. Um den etwa 500 Meter weiten Fußmarsch dorthin zu überstehen, hat mir meine Oma als Proviant sogenannte Hasenbrote mit Nutella in eine Umhängetasche aus Jeansstoff gepackt. Der Garten diente weniger dem Vergnügen als dem Anbau von Obst und Gemüse; es handelte sich sozusagen um den Inbegriff eines Pachtverhältnisses (Überlassung eines Grundstückes gegen Zahlung eines Pachtzinses zum “Fruchterwerb”, wie es im Juristendeutsch wunderbar heißt). In einem kleinen Buch wurde genau verzeichnet, was an welcher Stelle angebaut wurde: Bohnen, Kartoffeln, Erdbeeren und vieles andere mehr. In der Mitte des Gartens befand sich eine kleine grüne Laube, in deren Boden eine Luke eingefasst war. Für mich stand dort stets eine Zitronenlimonade bereit, für meinen Opa eine Flasche Schnaps, als Belohnung für die harte Arbeit. Direkt nebenan weideten Pferde auf einer Wiese, die mit einem Zaun gesichert war, durch den ein schwacher elektrischer Strom floss. Der Pferdebesitzer war ein unfreundlicher dicker Mann.

Heute befindet sich ein Neubaugebiet an der Stelle, wo meine Großeltern früher einen Schrebergarten hatten.

Kleine Schleswig-Holstein-Tour

Verfall in der schleswig-holsteinischen Provinz

Wir fahren auf einer Landstraße im Niemandsland zwischen Nordfriesland und Dithmarschen. Das Land ist hier sehr flach. Ich befinde mich auf dem Beifahrersitz und ziehe die imaginäre Notbremse. Mein Auge hat soeben etwas sehr häßliches entdeckt – ich muss es photographieren, ich kann nicht anders.

Irgendwo dort, wo Ortschaften Namen wie Wesselburen, Haferwisch oder Oesterwurth tragen, ist der Verfall der Provinz nicht mehr aufzuhalten.

Ein paar Meter weiter, am Eidersperrwerk, weht ein rauher Wind. Karg ist es hier, sehr karg. Ein kilometerlanger Deich aus Beton säumt die Straße.

Am Eidersperrwerk

Am Eidersperrwerk

Wer nun meint, im nahegelegenen Kurort Sankt Peter-Ording einer landschaftsbedingt aufkommenden Melancholie entgehen zu können, der irrt.

Sitzbank am Strand von Sankt Peter-Ording

Sitzbank am Strand von Sankt Peter-Ording

Hier ist es nämlich auch nicht besser: gelangweilte Kurgäste, mittelmäßige Eiscafés und unzählige Geschäfte für Windjacken.


Weitere Photos:

Kollmar

Direkt hinter dem Deich habe sie als Kind gewohnt, erzählte mir einst eine alte Dame. Sie wollte immerzu über ihn hinweg blicken, deshalb habe sie einen so langen Hals.

In Kollmar, in der Kremper Marsch, wenige Kilometer von Hamburg entfernt, gibt es außer Deichen nicht viel. Dahinter liegt die Elbe, nachts ist es hier viel dunkler als in der Großstadt und selbstredend auch sehr viel ruhiger; jedenfalls wenn die vielen motorradfahrenden Tagestouristen den Ort wieder verlassen haben und nicht gerade der Hahn im Morgengrauen kräht. Manchmal fährt ein Schiff vorbei und tutet ein wenig, seltener dient das flache Marschenland als Filmkulisse.

Unaufgeregtes Landleben kann man hier besichtigen; etwas ereignislos, aber eigentlich ganz schön. Die Krabbenbrötchen schmecken wunderbar, die Hälse der Menschen hier sind jedoch normallang.

Kiel: Graue Stadt der Nieren

Erlebnisbar Eden

Erlebnisbar Eden

Auszug aus dem Protokoll eines Telefonats mit der Stadt Kiel (Vorwahl: 0431):

Ich: “Guten Morgen Kiel, du kannst so häßlich sein.”
Kiel: “Sie meinen sicher Berlin.”
Ich: “Nein, nein, ich meine Kiel, die graue Stadt am Meer.”
Kiel: “Aber die graue Stadt am Meer ist doch Husum, die Heimat Theodor Storms.”
Ich: “Ach so, Kiel liegt ja auch nicht am Meer, sondern nur an der Ostsee. Ich habe Kiel bereits in meiner Kindheit als sehr trist wahrgenommen: nach dem Krieg hat man den grauesten Beton gefunden, den man bekommen konnte, und daraus Kiel wieder aufgebaut. Charme sucht man vergeblich, Spröde hingegen ist allgegenwärtig.”
Kiel: “Aber denken Sie doch bitte an den Glanz der Kieler Woche oder an die großen Erfolge unserer Handballmannschaft.”
Ich: “Ist das alles, was die schleswig-holsteinische Landeshauptstadt zu bieten hat?”
Kiel: “Aber weitem nicht, mein Herr. Unser ursprünglich von Adolf Hitler eingeweihtes Marine-Ehrenmal Laboe ist eine große Attraktion. Heute erinnert es “an die auf den Meeren gebliebenen Seeleute aller Nationen” und verfügt über einen eigenen Fan-Shop im Internet, in dem man das Ehrenmal im als Bausatz im Maßstab 1:250 erwerben kann.”
Ich: “Das reizt mich nicht.”
Kiel: “Wie wäre es denn mit unseren Rotlichtviertel, direkt am Hafen? Hier locken nicht nur die Erlebnisbar-Eden [Bild s. oben, Anm. d Red.], sondern auch so renommierte Etablissements wie der Crazy Sexy Innenhof.”
Ich: “Nein, nein, das ist nicht, was ich suche.”
Kiel: “Geben Sie uns eine Chance, ich schicke Ihnen unseren Katalog. Sie werden begeistert sein. Kiel könnte so etwas werden wie die graue Stadt der Herzen.”
Ich: “Wohl eher die graue Stadt der Nieren. Vielen Dank und auf Wiederhören.”

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Meine Kiel-Bilder auf Flickr.