Gassigehdienst

Die Frau vom gewerblichen Gassigehdienst blickt so mürrisch drein, als brächte sie die in ihrer Obhut befindlichen Vierbeiner am liebsten direkt in den nächstgelegenen Chinaimbiss. Warum sie mit den Hunden in die Tram steigt, gibt mir ein Rätsel auf. Verständlich, dass auch ihr das Flanieren mit angeleinten Haustieren eine Last ist. Den Hundehaltern ist es das schließlich auch. Warum aber bevorzugt sie nicht die zum Zwecke der Gassigehvermeidung viel geeignetere Ringbahn? Damit könnte sie stundenlang im Kreis fahren. – Vorausgesetzt sie hat eine ausreichende Menge an Hundekotbeuteln dabei.

La mer

Strand in Westerland, Sylt
Westerland auf Sylt, 13. August 2010

Meine Damen und Herren, zur Abwechslung etwas Erfreuliches: Das Meer. Ja ja, werden Sie jetzt sicher sofort sagen, und fragen, was daran erfreulich sein soll. Sie werden auf all die ertrunkenen Seeleute hinweisen, die bei rauer See am Kap der guten Hoffnung ihr Leben ließen, und auf Piraterie, die Wilhelm Gustloff und auf all die sich selbst überschätzenden Freizeitschwimmer, die auch von  den vollbusigsten Baywatch-Retterinnen nicht mehr ins Leben zurückgeholt werden konnten. Vielleicht kommen Sie jetzt auch mit Offiziersanwärterinnen, die von der Takelage eines Segelschulschiffs fielen. Und obwohl sie das Wort „Takelage“ bis vor ein paar Wochen noch gar nicht kannten, werden Sie fragen, was an all dem erfreulich sein soll.

Wir schieben das – wie all die anderen unerfreulichen Dinge – einfach beseite. Obgleich ich nur ungern verreise, war ich zeitlebens immer gern am Meer. Für mich ist es nicht das Eintauchen ins Wasser, das den Reiz ausmacht. Darauf verzichte ich gern. Es sind der Blick in die Ferne, die endlose Weite, die gute Luft und das Rauschen der Wellen, die mich beglücken. – Am liebsten habe ich Spaziergänge am Meer im Herbst oder Winter, wenn es so richtig stürmt.

Aber auch im Sommer kann es am Meer einladend sein: Es ist Mitte August und die Sonne scheint. Zum ersten Mal in ihrem Leben ist sie an der Nordsee. Natürlich möchte sie ins Wasser, hat aber keinen Badeanzug dabei. Im Drogeriemarkt des Ortes erwerben wir zu einem überhöhten Preis den schrillfarbigsten Bikini, den die Welt je gesehen, und ein Handtuch von einer Häßlichkeit, dass nicht einmal Touristen an mallorquinischen Swimmingpools es wagten, mit einem solchen Liegestühle zu blockieren. Aber das ist egal, denn es geht um das Gefühl, einmal, wenn auch nur für einen kurzen Moment, im Meer zu baden. Sie genießt es. Ich sitze am Strand und es ist schön, ihr dabei zuzuschauen. Ein frischer Wind weht mir um die Nase und trotzdem ist es angenehm warm. In trinke einen Schluck Bier aus der Flasche und in meinem Kopf summt Charles Trénet „La mer“.

 

Charles TrénetLa mer

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Dies ist ein Beitrag aus meiner Serie “Der Soundtrack meines Lebens”.

Spazierengehen

Mauerpark, Berlin-Prenzlauer Berg, 2. Januar 2011
Mauerpark, Berlin-Prenzlauer Berg, 2. Januar 2011

Gedanken wollen oft  – wie Kinder und Hunde –,
dass man mit ihnen im Freien spazieren geht.

(Christian Morgenstern)

Eine Sache, die das Leben in nahezu jeder Situation ein wenig besser machen kann, ist Spazierengehen. (Außer man hat sich gerade ein Bein gebrochen.)

Gehen

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„Während ich, bevor Karrer verrückt geworden ist, nur am Mittwoch mit Oehler gegangen bin,
gehe ich jetzt, nachdem Karrer verrückt geworden ist, auch am Montag mit Oehler.
Weil Karrer am Montag mit mir gegangen ist, gehen Sie, nachdem Karrer am Montag nicht mehr mit mir geht,
auch am Montag mit mir, sagt Oehler, nachdem Karrer verrückt und sofort nach Steinhof hinauf gekommen ist.“
(Thomas Bernhard, Gehen)

Ich gehe gern spazieren. Gemächlich schreitend nimmt man seine Umwelt bewusster wahr und kommt dabei auf ganz neue Gedanken. Früher ging man auch gern mit mir spazieren — bis ich vor einiger Zeit meine Liebe zur Fotografie entdeckte. Seitdem stockt es; alle paar Meter bleibe ich zurück, da ich ein interessantes Motiv entdeckt habe. All dies wäre kein Problem, würde ich die Schönheit der Welt im Bild dokumentieren. Bekanntlich gibt es davon nicht allzu viel. Meine Präferenzen liegen jedoch primär im Bereich der urbanen Tristesse. Selbst schöne Städte wie Hamburg sind voll davon. Hat man einmal einen Blick dafür entwickelt, findet man überall ganz wunderbare Motive. Es geht dann nicht voran. Ich glaube, man geht nicht mehr so gern mit mir spazieren.

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Weitere Bilder meines Spaziergangs durch Hamburg-Altona auf Flickr.