München

München

München, 7. August 2010

München, ehemals Weltstadt mit Herz. Mal auf den Spuren König Ludwigs I., mal im Jüdischen Museum. Worte, die ich hier immer wieder sage, weil sie gut klingen, meine jeweilige Begleitung aber fast in den Wahnsinn treiben: mal Hacker-Pschorr, mal Oachkatzlschwoaf. Immer Sonnenschein, Surfer auf der Eisbachwelle und Bier im Englischen Garten etc.

Ich denke, dass alles immer so weitergehen müsse, aber das tut es naturgemäß nicht.

Phänomenologie des Bananentresors

Viele Jahre später sollte Bruno feststellen, daß die Welt
der Kleinbürger, die Welt der Angestellten und mittleren
Beamten toleranter, liebenswürdiger und aufgeschlossener ist
als die Welt der Aussteiger, der am Rande der Gesellschaft lebenden
jungen Leute, die damals durch die Hippies verkörpert wurden.

(Michel Houellebecq, Elementarteilchen)

Dinge, die ich grundsätzlich ablehne: Reisen, Einkaufen und – mit Einschränkungen – Obst. Wo all dies zusammenkommt, ist ein Fachgeschäft für Außerhausüberlebensausrüstungen in Hamburg-Barmbek. In diesem kann ein jeder in Kältekammern die passende Bekleidung für seine Expedition in die Ostantarktis genauso testen wie die Wasserfestigkeit von Regenjacken für eine Städtereise nach London unter einem künstlichen Wasserfall.

Der bei weitem nützlichste Gegenstand, den ich in diesem Laden entdecken konnte, ist der Bananentresor. Einst hielt man die Bananenschale hinsichtlich ihrer Schutzfunktion für die weiche Frucht für eine geniale Einrichtung der Natur – ein Trugschluss. Denn welcher Reisende kennt das Problem nicht? Da reist man, bepackt mit seinem schweren Rucksack, durch den nahen Osten und würde gern eine Banane essen. Sobald der Appetit auf die fruchtige Köstlichkeit aufkommt, stellt man fest, dass diese regelmäßig von den sich im Gepäck befindlichen Reiseführern “mit den bewährten reisepraktischen Infos und in der gewohnt lockeren Art” zu Mus gemacht wird. (Heute erledigen das bücherersetzende elektronische Endgeräte.)

Das muss nicht so sein, denn heute gibt es Bananentresore. Ein praktischer gekrümmter Transportbehälter aus Kunststoff im fruchtigen gelb sorgt fortan für einen sicheren Transport der Musa. Das ist eine gute Sache, freut sich der Bananenfreund, und glaubt, dass damit all seine Probleme gelöst seien. Doch das ist weit gefehlt. Zwar hält sich hartnäckig das Gerücht, dass die EU-Bananenverordnung den Krümmungsgrad von zu importierenden Bananen vorgebe, jedoch ist dies zum Leidwesen aller Banenentresorbesitzer nicht der Fall. Vielmehr ist lediglich eine Länge von mindestens 14 cm und eine Dicke von 27 mm vorgeschrieben.

Wie viele Mitfahrgelegenheiten, Züge und Flüge verpasst wurden, weil sich die Suche nach der in den Tresor passenden Banane weitaus schwieriger gestaltete als gedacht, ist bislang nicht bekannt. Der Verband bananentresorbesitzender Fruchtfreunde e.V. hat jedoch bereits eine Petition zur verbindlichen Reglementierung des Krümmungsgrades an die EU gerichtet.

Wo ich gehe und stehe

Wo ich mich aufhalte, zeichnet mein Telefon auf.

Bekanntlich mache ich mir nicht viel aus Reisen. Hier ist der Beweis: Mein Telefon hat meine Aufenthaltsorte der letzten Jahre aufgezeichnet und ein kleines Programm macht diese nun sichtbar.

Im vergangenen Jahr hielt ich mich – abgesehen von zwei kurzen Abweichungen nach Norden und in den Süden – überwiegend in Hamburg und Berlin auf.

Ausreißer nach oben und unten sind künftig zu vermeiden.

Eine ganz und gar langweilige Reisegeschichte

HAM, Juni 2009

“Ich möchte den Totenkopf des Mannes
streicheln, der die Ferien erfunden hat.”

(Jean Paul)

Ich sitze in dem Café mit den großen Fensterscheiben, als eine Bekannte ihr kaputtes Fahrrad vorbeischiebt. Wir winken einander zu, sie kommt herein und setzt sich zu mir. Alsbald erzählt sie mir von den Vorzügen des Reisens: drei Wochen weilte die Bekannte gerade ohne Spanischkenntnisse allein in Kolumbien. Ein wenig bewundere ich sie für ihren Unternehmungsgeist.

Für mich spielte das Reisen nie eine besonders große Rolle: In meiner Kindheit war es aus familiären Gründen nicht möglich, später hat es sich mir nie wirklich erschlossen. Ganz im Gegenteil: Wenn ich ganz neu an einem Ort ankomme, verspüre ich so etwas wie einen Ortswechselschock – eine Art innere Unruhe. Diese hält in der Regel mehrere Tage an, bis ich mich mit meiner neuen Umgebung vertraut gemacht habe. Erst wenn ich weiß, wo es das Frühstück, einen guten Kaffee und eine Tageszeitung gibt, wie der öffentliche Nahverkehr am Urlaubsort funktioniert, oder wo ich einen Internetzugang habe, etc., kann ich langsam damit beginnen, mich ein wenig zu entspannen. Meistens ist dann aber der gebuchte Urlaub bereits wieder vorbei. Insbesondere Rundreisen wären für mich daher völlig undenkbar.

Die Bekannte fragt mich, wohin meine bislang weiteste Reise ging. Ich tue, als müsse ich nachdenken, dabei habe ich Europa nie verlassen: Vor vielen Jahren weilte ich einmal im Januar für zehn Tage auf Fuerteventura. Allerdings handelte es sich um eine eher unfreiwillige Reise zu einer Art Tagung.

“Fahr doch mal ein paar Tage weg, entspanne dich”, lautet häufiger der gutgemeinte Rat von Freunden. Aber was soll schon woanders anders sein – von der Räumlichen Umgebung einmal abgesehen? Ich kann das nicht; lieber bleibe ich ein paar Tage in Hamburg oder Berlin, vertrödele den Tag im vertraueten Umfeld, gehe dort frühstücken, wo es den besten Käse und den leckersten Cappuccino gibt, und anschließend vielleicht in eine Ausstellung. Alles Dinge, die ich an einem Urlaubsort womöglich auch täte – nur ohne ein gezwungenes Wegfahren um des Ortswechsels willen. Und vor allem ohne Ortswechselschock.

Nur sehr wenige Male hat man es in den letzten Jahren geschafft, mich zu einer Urlaubsreise zu bewegen: nach Rügen, Madeira und sogar nach Bayern. Erst einmal am Ziel angekommen, war es dann auch immer ganz schön. – Allerdings war dies sicher auch immer ein großes Stück weit der angenehmen vertrauten Begleitung geschuldet. (Selbst die reiselustige Bekannte gab zu, dass das Alleinreisen für sie kein Ideal sei.)

Warum diese langweilige Reisegeschichte aufschreibe? Das obige Foto habe ich zufällig gerade auf meinem Rechner wiedergefunden – ich wollte es gern veröffentlichen, aber nicht so ganz für sich allein stehen lassen.

Landleben

Kühe auf der Alm. Hochfelln, Chiemgauer Alpen

Was ist demnach das beste Rezept für ein Erdenleben
überhaupt, oben wie unten?: ‘Aufs Dorf ziehen. Doof sein. Rammeln. Maul halten.
Kirche gehen. Wenn n großer Mann in der Nähe auftaucht, in n Stall verschwinden:
dahin kommt er kaum nach!

(Arno Schmidt)

Wenn sie jung sind, dann wollen sie möglichst schnell weg aus den Dörfern, Klein- und Vorstädten, in denen sie aufgewachsen sind. Sie wollen nach Berlin oder Hamburg, von mir aus aus nach München oder Köln, um ihre Pläne zu verwirklichen. Obwohl die allermeisten Stadtbewohner von irgendwo her gekommen sind, blicken sie bereits nach kürzester Zeit ganz selbstverständlich mit einer gewissen Arroganz der Großstadt auf das Leben in der Provinz. Im Urbanen haben sie so sie so viele Möglichkeiten, die das Land nicht bietet: Sie können Theater, Museen und Konzerte besuchen, was sie jedoch nur sehr selten tun. Ich auch.

Ich fahre nicht sonderlich gern in den Urlaub. Aus Gründen hat mich im vergangenen Jahr meine weiteste Reise ausgerechnet nach Bayern gebracht. Vom Freistaat kennt man als Nordlicht normalerweise gerade einmal München (Oktoberfest) und vielleicht noch Nürnberg (Christkindlmarkt) – nun aber bin ich in der allertiefsten oberbayerischen Provinz gelandet. Zu meiner Überraschung empfinde ich es viel weniger schlimm als gedacht, obwohl sogar die jüngeren Menschen hier so Bayerisch sprechen, dass sie kaum zu verstehen sind. Zunächst dachte ich, sie könnten sich ruhig etwas bemühen, wenigstens mit mir ein bißchen hochdeutscher zu sprechen, aber sie tun es einfach nicht. Vielleicht wollen sie nicht, vielleicht können sie auch ganz einfach nicht. Obwohl es mich einige Anstrengung kostet, gewöhne ich mich nach ein paar Tagen daran, und finde Gefallen an der Übung der Aussprache des Wortes “Oachkatzlschwoaf”, was meine Begleitung zunehmend nervt, deren Mutter aber irgendwie zu amüsieren scheint. Letztere kocht mir zur Belohnung für meine Bemühungen um die bayerische Sprache den allerbesten Schweinsbraten mit Knödel, den ich je gegessen habe. Von der Kruste träume ich heute noch.

Möglicherweise ist es mein verklärter Blick des Besuchers oder das gute Weißbier aus der kleinen Lokalbrauerei, das wir täglich aus historischen dickwändigen Gläsern trinken: Die Menschen hier machen einen zufriedenen Eindruck. Die Söhne der Familie sind in der freiwilligen Feuerwehr aktiv und pumpen in der Nachbarschaft überflutete Keller ab, man hat hinter dem Haus eine eigene Fischzucht (vom Großvater geerbt), gewinnt seinen Strom aus der Kraft des Wassers des am Haus vorbeifließenden Baches und man ist gegen die Verschandelung des schönen Isentals durch den Bau der Autobahn A94. Zum ersten Mal beginne ich zu spüren, dass das Konservative durchaus auch sympathische Züge haben kann.

Wir besuchen ein Dorffest, für das wir zunächst 20 km übers Land fahren müssen: Die meisten Besucher kennen einander hier von klein auf an, zuweilen trägt man Lederhosen und Dirndl, Jung und Alt sitzen im Bierzelt bei Blasmusik zusammen, der Kellner stellt einem unaufgefordert eine neue Maß hin und die Brezen sind riesig. Insgeheim hoffe ich auf eine bierselige Keilerei mit zünftigen Watschen um die Gunst der Schönsten des Dorfes, aber die  Jüngeren stehen entspannt am Autoscooter, während die Verliebten ihrer Holden an der Schießbude Blumen und kleine Stofftiere ergattern.

Alles scheint einfacher zu sein als in der Stadt, mag man denken, was sicher nicht richtig ist, aber in diesem Moment so wirkt: man heiratet, bekommt Kinder und zieht in ein Haus mit Garten. Die Menschen, die hier leben, sind alle angekommen, obwohl die meisten von ihnen niemals weg waren. Alle sind irgendwie geerdet, alles geht seinen geregelten Gang – und plötzlich frage ich mich, ob ein Leben auf dem Lande möglich ist. Immerhin gibt es dort mittlerweile nahezu flächendeckend schnelle Breitbandverbindungen ins Internet.

Zurück in der Großstadt verwerfe ich diesen Gedanken schnell wieder. Schließlich hat auch meine Begleitung gute Gründe, warum sie der vermeintlichen Landidylle den Rücken kehrte. Das beste Rezept für mein Erdenleben ist es wohl eher nicht, aufs Dorf zu ziehen, auch wenn Arno Schmidt dies einst behauptete. Aber der war ja irgendwie auch verrückt. (Trotzdem wäre ich gern noch einmal nach Bayern gefahren – für ein paar Tage.)