Apfelmann


Jonagored, Novajo
Elstar, Karmijn, Rubi
Winterprinz, Ontario
Gravensteiner, Fuji
Berlepsch, Melrose, Ida Red
Kannst Du mal versuchen
Und Geheimrat Oldenburg
Für den Apfelkuchen

(Blumfeld, Apfelmann)

Plötzlich steht er vor mir, der Riese in der Kittelschürze, und schaut mich mit ernster Miene an. Ich erwarte, dass gleich etwas sehr bedeutungsvolles passieren wird. Wortlos streckt er mir seine Hand entgegen, darin ein Teller, darauf in mundgerechten Stücken sorgfältig drapierte Apfelscheiben. „Mal probieren?“, er so. „Warum nicht?“, ich so. „Und?“ „Gut.“ „Und?“ „Ich nehm zwei.“ „Ja?“ „Na gut, drei.“ Er wiegt die Äpfel einer alten Sorte, deren Name mir schon auf dem Weg nach Hause entfallen sein wird, und reicht mir eine prall gefüllte Papiertüte. Ich zahle einen Betrag, für den ich im Discounter meines Vertrauens die Zutaten für ein Drei-Gänge-Menü erwerben könnte. Aber das ist egal. Ich habe jetzt drei Äpfel und ich werde sie essen.

Warenwelten #10: Zugaben

Viele Jahre war die größte Attraktion des Kleinstadt-Supermarktes eine Tafel, auf der Fotos aller Mitarbeiter gezeigt wurden. Genauer gesagt, war die Attraktion der „Abteilungsleiter Hartwaren“, an dem mich stets nicht nur der famose Titel erfreute, sondern auch die Tatsache, dass er der einzige Mann seiner Generation war, der außerhalb von Berlin-Mitte einen Schnauzbart trug – und er tat dies freilich ganz ohne Ironie.

Neuerdings stößt man beim Betreten der Geschäftsräume auf einen Störer der ganz anderen Art. Ein kluger Kopf der Abteilung Verkaufsförderung entsann sich des gefallenen Zugabe- und Rabattgesetzes und versucht, fortan zwei Fliegen mit einer Klappe zu schlagen: Künftig wird dem Appell der Verbraucherschutzministerin Folge geleistet, weniger Lebensmittel der Entsorgung zuzuführen, und gleichzeitig wird der Absatz minderwertiger Backwaren in unermessliche Höhen getrieben. Und so kam, was kommen musste – wer statt des einen benötigten Brotes gleich ein zweites, naturgemäß nicht benötigtes Brot, erwirbt, wird mit fertiggebackenen Teigrohlingen quasi zugeschissen. Gratis versteht sich.

Man denkt sich „Oh, ein Schnäppchen“, nimmt reflexhaft gleich zwei Brote mit, erfreut sich an Umsonstrundstücken, und merkt gar nicht, dass der Supermarkt die Entsorgung der Überkapazitäten einfach nur an den Verbraucher outgesourced hat. Und dann steht man zu Hause da, mit den bereits nach einigen Stunden vollkommen vertrockneten Laiben und überlegt, ob man morgen den Tag damit verbringen will, Paniermehl zu reiben oder im Park die Enten zu füttern. Hat man beide Möglichkeiten verworfen, nutzt man das zu viel erworbene Brot und die Brötchen als Füllmaterial für die Biotonne.

Der Abteilungsleiter Verkaufsförderung klopf sich derweil selbst auf die Schulter und entscheidet, künftig alle Warengruppen als sinnvolle „Bundles“ anzubieten: Wer zwei Flaschen Wodka kauft, bekommt drei Beutel Hagebuttentee, und wer zwei Kilo Mett kauft, bekommt drei Tofu-Frikadellen kostenlos dazu. Alle sind von nun an noch glücklichere Konsumenten. Nur ich bin etwas traurig, weil ich ich beim Herausgehen entdecke, dass der Abteilungsleiter Hartwaren seinen schönen Schnauzer abgelegt hat. – Der war eigentlich das Beste an diesem Supermarkt.

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Warenwelten #9: Touristenbedarf

Touristenbedarf

Verkäufer: „Guten Tag, womit kann ich Ihnen helfen?“
Kunde: „Ich habe den Wunsch, einem tatsächlichen Mangel Abhilfe zu schaffen.“
Verkäufer: „Worin genau besteht denn Ihr Mangel?“
Kunde: „Souvenirs, Food, Sweets & more …“
Verkäufer: „Steht hinter Ihrem Bedürfnis auch die nötige Kaufkraft?“
Kunde: „Ja.“

… für alle, die sich schon immer die Frage stellten, wie man im  Fachhandel für Tourismusbedarf miteinander ins Geschäft kommt.

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Warenwelten #8: Einkaufserlebnis

Das ist zwar nicht Neukölln, hier entsteht aber demnächst ein Supermarkt.
Das ist zwar nicht Neukölln, hier entsteht aber demnächst ein Supermarkt.

Berlin ist so etwas wie Amerika im Kleinen – die Stadt der unbegrenzten Möglichkeiten. Hier zählt sogar der dosenbierkaufende Kunde noch als Individuum und wird nicht, gleich einem Schlachtvieh, durch die engen Gänge des Supermarktes getrieben. Selbst in Neukölln ist das so. Kaufland, das klingt nach großer weiter Welt – dabei handelt es sich lediglich um einen Lebensmittelmarkt mit angeschlossener Hartwarenabteilung im fensterlosen Unterschoss eines unwirtlichen Einkaufszentrums. Natürlich haben auch hier die Kassiererinnen den antrainierten Röntgenblick, mit dem sie Kunden und Einkaufswagen beim Kassiervorgang nach Diebesgut absuchen. Ich nehme das allerdings nicht persönlich, sie müssen das tun. Und trotzdem könnte man fast den Eindruck haben, die Kassiererinnen hätten Freude an ihrer Tätigkeit, obwohl jeder weiß, dass das nicht sein kann. Die perfekte Illusion im Einkaufswunderland.

Zum Abschluss des Warenerwerbs folgt eine Überraschung. Ich werde während des Bezahlvorganges nicht um die Vorlage einer datenklaubenden Kundenkarte gebeten, sondern freundlich und routiniert gefragt: „Haben sie alles gefunden? Hat ihnen der Einkauf gefallen?“ So etwas kannte ich noch nicht, daher musste ich mich kurz sammeln: „Der Einkauf war ein Erlebnis“, erwiderte ich. „Ich bin sehr zufrieden und komme gern wieder. Falls es ihnen hier einmal zu langweilg werden sollte, so werde ich bei der Fluglinie meines Vertrauens gern ein gutes Wort für sie einlegen. Sie würden sich beim Sicherheitsballett auch ganz ausgezeichnet machen und könnten so nebenbei noch etwas von der großen weiten Welt sehen. Das hätten sie sich verdient. Vielen Dank, Frau Müller, es war mir ein Vergnügen, bei ihnen einkaufen zu dürfen – und bis zu meinem nächsten Einkauf.“

(alle Namen geändert)

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