Otto

Otto
Otto

Das ist Otto aus meiner Nachbarschaft. Eigentlich ist er St-Pauli-Fan, seitdem ihm ein Bekannter ein T-Shirt dieses Fußballclubs geschenkt hat. Früher war er für den HSV, aber die sind ihm zu arrogant geworden, sagt er. Voller Vorfreude trägt Otto schon seit Monaten historische Weltmeisterschafts-T-Shirts, die allesamt aus einer Zeit stammen, in der einen die FIFA noch nicht nach Guantanamo verfrachtet hat, wenn man ein Stück Oberbekleidung mit dem Schriftzug „Weltmeisterschaft“ bedruckt hat, ohne dafür eine Lizenzgebühr in Höhe der Baukosten der Elbphilharmonie an den Weltfußballverband entrichtet zu haben. Bis zum Ausscheiden der Griechischen Mannschaft war Otto auch ein bißchen für Griechenland, weil er doch so gern beim griechischen Imbiss um die Ecke Gyros isst. Außerdem gehe es den Griechen gerade ohnehin nicht so gut, und deswegen können sie jede Unterstützung brauchen, so er. Das leuchtet ein, denn Fußball und Griechenland und Otto ist ja schon historisch so etwas wie eine Dreiheit. Jetzt hat Otto aber wieder beide Daumen frei – und drückt sie für das deutsche Team. Ist ja klar.

Otto

Schwalbe

Das Sammelalbum aus dem letzten Jahr nicht voll bekommen und trotzdem schon wieder eine Fußball-WM im Lande. Die Stimmung ist eine ganz andere als damals. Wer nicht aufmerksam genug ist, bemerkt gar nicht, dass ein Turnier stattfindet: Keine Deutschland-Flaggen an Autotüren, keine Vuvuzelas.

Und ehe man sich versieht, sind die Schwalben weitergezogen.

Schwalbe

Weizen-Waldi vs. Lindenstraße

Gerade eben war ich dem Fußballzirkus gegenüber noch versöhnlich gestimmt – und nun das. Wann hat man so etwas schon erlebt? Und ich rede nicht vom 4:1-Sieg der Deutschen Nationalmannschaft gegen England. Ich rede davon, dass die ARD einfach die Lindenstraße ausfallen lässt, um Weizen-Waldi mit einem Box-Trainer und einem Schlagersänger Belanglosigkeiten über Fußball sprechen zu lassen. Als hätte es in den letzten und noch folgenden Tagen nicht noch ausreichend Gelegenheit dafür gehabt?

Das hat es in fünfundzwanzig Jahren Seriengeschichte nicht einmal bei Bundestagswahlen gegeben – und das war erst das Achtelfinale. Was soll passieren, wenn die Deutschland bis zum Endspiel vorrückt? Wird dann Anne Will ausfallen, die Tagesschau oder wird man gar Günther Jauch wieder absagen? So nicht, liebe ARD, dafür zahlen wir keine Gebühren!

Weizen-Waldi vs. Lindenstraße

Fernsehschirm

Konnte ich mich vor zwei Jahren noch dem gemeinschaftlichen Betrachten von fußballerischen Großereignissen erfolgreich entziehen, so habe ich in diesem Jahr den Widerstand gegen das so beliebte öffentliche Anschauen – zumindest für einige wenige Spiele – aufgegeben.

In der prallen Mittagssonne wurden im Innenhof des Hotels Michelberger in Berlin-Friedrichshain Bier und Bratwürste gereicht. Das machte das Gekicke von Serbien gegen Deutschland halbwegs erträglich. Junge Frauen, die sich womöglich aus kalorischen Gründen von Bratwurst und Bier fernhielten, strickten in einem Tempo, das es fraglich erscheinen ließ, ob die selbstgefertigten Schals noch bis zum kommenden Winter fertig gestellt werden könnten. Immer häufiger sieht man jetzt wieder junge Frauen beim Stricken. Sie alle tun dies vermutlich nicht, um ihre Erzeugnisse auf einem Internetmarktplatz für Unikate gewerbsmäßig zu veräußern oder um ihren noch längst nicht vorhandenen Enkelkindern einen vermeintlichen Gefallen zu tun, sondern sie benötigen etwas Zerstreuung: Von 90 Minuten, die ein Fußballspiel gewöhnlich dauert, passiert in 85 Minten zumeist nichts wirklich Spannendes.

Da wäre es nicht weiter tragisch gewesen, wenn der Betreiber den Schirm noch etwas weiter vor den Fernseher gehängt hätte. Man verpasst ja doch nichts.

Den einzigen Ansatz einer Leidenschaft, die das andauernde Fußballturnier bei mir ausgelöst hat, ist das Sammeln von Team-Stickern, die sich in Duplos befinden. Mir fehlen übrigens noch die Nummern 5, 10, 12, 17, 19, 22, 24, 25, 31, 33, 38 und 42.

Fernsehschirm