Sylt

Westerland auf Sylt, 7. März 2012

„Die Wogen, ihr Grollen, die Wolken vor und über mir,
der Strand, die Dünen, das graue Gras, es war alles mein.“

(Emil Nolde, Sylt 1930)

Noch einmal die dicke Winterjacke anziehen und einige Stunden mit der ruckelnden Regionalbahn durch das flache Marschland fahren, schließlich über den elf Kilometer langen Damm die Insel erreichen.

Ein Jahr, sechs Monate und 23 Tage ist es her, dass ich zuletzt das Meer erblickte. Der Wetterbericht für heute hat Kälte, Sturm und Regen vorausgesagt und sich dieses Mal nicht geirrt. Das ist okay, weil die Sehnsucht nach dem Meer stärker war als der Gegenwind. Ich gehe spazieren und immer wieder bleibe ich stehen, um einfach nur minutenlang in die Weite zu schauen.

Ich will noch eine Postkarte schreiben, bevor ich die Insel wieder verlasse, aber es ist nicht leicht, ein Motiv ohne Sonnenuntergangskitsch, Strandkörbe oder Möwen zu finden. Die Spröde der Natur, die sich Jahr für Jahr ein Stück der Insel zurückerobert, findet vor den Objektiven der Postkartenindustrie nicht statt. Viel zu oft muss man sich für das kleinste Übel entscheiden, weil sonst die Worte ungeschrieben blieben. Ich werfe die Karte in den Briefkasten und einen Augenblick später wünschte ich, ich könnte sie wieder aus ihm herausholen. Aber dafür ist es zu spät.

Bevor mein Zug fährt, gehe ich noch einmal zurück an den Strand: die See, die Wellen, die Gischt, die Fragen. Aber naturgemäß keine Antworten.

Sylt