Unsolidarische Raumnahme

Wäscheleine

Frau Bieber war, was man damals eine „alte Jungfer“ nannte. Gemeinsam mit ihrer ebenfalls schon sehr alten Schwester bewohnte sie eine Erdgeschosswohnung im Nebenhaus. Obwohl zu Beginn der 1980er Jahre alle Menschen bereits einen Farbfernseher besaßen, waren sie die letzten, die noch der alten Freizeitbeschäftigung des Aus-dem-Fenster-Schauens frönten.

Damals neigten die Menschen dazu, ihre gewaschene Kleidung zwecks Trocknung im Freien, drapiert auf langen Leinen, der Sonne und frischer Luft auszusetzen. Doch auch die längste Leine hatte ein Ende. Und so wurde der Zentimeter zu einem raren und bisweilen umkämpften Gut. Insbesondere, da sich Haushalte aus zwei Mietshäusern den Platz teilen mussten.

Frau Bieber neigte jedoch nicht nur zum Fensterausguck, sondern auch dazu, mit unlauteren Mitteln ihren Leinenplatz zu erweitern, indem sie die noch recht klammen Textilien ihrer Nachbarn eigenmächtig abhängte. P. duldete dieses Verhalten gemeinhin nicht. Als er Frau Bieber wieder einmal beim Abhängen fremder Wäsche erwischte, trug er die Alte einfach vom Wäscheplatz zurück in ihre Wohnung. So machte man das damals. Heute gibt es elektrische Wäschetrockner.

 

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