Saal II

Neuerdings wird der Boden von dunkelbraunem Parkett geziert. Sonst ist alles wie immer in der früheren Bäckerei am Schulterblatt, dieselben Kacheln wie seit geschätzten hundert Jahren. Die Ganztagsfrühstücker nehmen die Jazzmusik im Hintergrund kaum noch wahr. Meistens läuft britischer Indierock oder Hamburger Schule. Die Bedienungsdamen legen zur Abwechslung hin und wieder die Best-of-Platte von Paolo Conte auf. Es gibt keinen WLAN-Empfang und nur selten klappt ein schrägfrisierter Ringelpulloverträger seinen mit einem stivollen Apfel verzierten Tischrechner auf.

Nachmittags geht es entspannt zu und es sind stets dieselben Leute anwesend. Einer von ihnen sitzt immer auf einem Barhocker am Tresen und zerlegt die Süddeutsche Zeitung in ihre Einzelteile, donnerstags bringt er auch die Hamburger Wochenzeitung mit dem Bremer Stadtwappen durcheinander. Als Stammgast genießt er das Privileg, zum Espresso unaufgefordert ein Glas Leitungswasser serviert zu bekommen. Der Gelegenheitsgast muss dieses separat ordern. Besonders im Winter zieht es in der Kneipe in allen Ecken unangenehm kalt, woran die sympathische Bedienung leider auch auf wiederholte Nachfrage nichts ändern kann. Trotzdem kommen alle Gäste immer wieder gern in ihr zweites Wohnzimmer. Nicht zuletzt, um sich an den köstlichen Pfannkuchenvariationen oder dem hausgemachten Käsekuchen zu laben.

Sobald es draußen schummrig wird, dimmt die zuverlässige Tresenkraft in mehreren Schritten das Licht des Art Déco-Kronleuchters herunter, um den anwesenden Zeitungslesern zu signalisieren, dass es an der Zeit ist, um von Kaffee, der hier üblicherweise nicht im Glas wie auf der anderen Seite der Piazza serviert wird, auf alkoholhaltige Kaltgetränke umzusteigen. Gleichzeitig wird, um den Abendbetrieb einzuläuten, stetig die Lautstärke der Hintergrundmusik hochgefahren. Man trinkt jetzt Pils aus braunen oder grünen Flaschen, das man sich an der Bar abholt. Tischbedienung gibt es nur bis 19 Uhr, Sauerstoff auch. Danach sind die Kettenraucher in der Überzahl.

So geht es Tag für Tag zu im Saal II und nur an Wochenendabenden wird dieser Kreislauf durchbrochen. Dann bedient manchmal ein etwas mürrisch blickender Popliterat hinter dem Tresen und legt dazu elektronische Musik in einer Lautstärke auf, die offensichtlich das Ziel hat, jegliche verbale Kommunikation zu unterdrücken. Wer jetzt noch wagt, bei ihm einen Kaffee zu bestellen, darf kennenlernen, was ein geringschätziger Blick ist. Schleichend übernehmen nun kurzzeitig die Pinnebergerinnen, die sich in ihren Fick-mich hohen Stiefeln und kurzen Hosen von der anderen Seite des Schulterblattes hierher verirrt haben, den Laden. Sie sorgen für den Beck’s Gold-Umsatz der Woche und machen die ständigen Saalbewohner vorübergehend zu Obdachlosen. Am Sonntag zum Frühstück kehren sie vollzählig wieder zurück.

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