Akkoredeonroboter

Seit einigen Wochen schon sitzt der junge Mann Tag für Tag an
immer derselben Stelle in der Innenstadt. Frei von jeglicher Begeisterung, unter Ausschluss von Rhythmusgefühl und harmonischer Raffinesse spielt er auf seinem Akkordeon die immer gleichen einfachen Lieder. Er zeigt dabei keinerlei Emotion, sein Gesichtsausdruck ist starr, mechanisch drückt er die Knöpfe seines Instruments. Er wirkt wie ein Akkordeonroboter. Vor ihm ein Schild: „Ich sammle für mein Musikstudium“. 

Mag sein, dass er ein heißer Anwärter auf den Unbegabtenpreis 2018 ist. Vielleicht ist er aber auch der größte musizierende Komiker seit Studio Braun.

Negroni Week und Kalibrierungs-Negroni

Le Lion

Schon lange treibt mich der Gedanke um, ein Getränkeblog aufzumachen. Da ich aber schon an dieser gewohnten Stelle kaum zum Schreiben komme, platziere ich meine Trinkerlebnisse einfach hier, in der Hoffnung, niemanden damit zu langweilen, aber trinken müssen wir ja irgendwie alle.

Und weil dies hier kein richtiges Getränkeblog ist, fasse ich mich einfach kurz. Egal, wo man ist auf der Welt, bestellt man in einer Bar einen Negroni, so blamiert man sich nie. Selbst in ganz normalen Restaurants ist man oft in der Lage, einen doch ganz anständigen Negroni zu mixen. Der Aperitif-Cocktail besteht zu gleichen Teilen aus Gin, rotem Wermut und dem italienischen Bitter-Likör Campari, die auf Eis kaltgerührt werden. Ganz einfach, da kann man nicht viel verkehrt machen, möchte man meinen, was so natürlich auch nicht stimmt.

Jedenfalls ist der Negroni einer der wenigen wirklich großen Klassiker, den Europa auf die Weltkarte der guten Liquide gesetzt hat. Seinen Ursprung hat der Negroni im Americano, der möglicherweise ursprünglich nach seinen Zutaten Milano-Torino hieß. Aus Mailand kam der Campari, der Cinzano aus Turin – beide zusammen wurden mit einem Spritzer Soda aufgefüllt. Alle Quellen widersprechen einander, aber der Ursprung des Namens hat nicht einmal James Bond interessiert, bevor er der Einfachheit halber irgendwann auf Martini umgestiegen ist.

Der Negroni wiederum, da ist sich die Spirituosengeschichtsschreibung weitgehend einig, entstand etwa 1920 im Florenzer Caffè Casoni. Dort bestellte Graf Camillo Negroni einen starken Americano, bekam einen solchen – mit Gin aufgefüllt –  und geboren ward der Negroni.

Negroni

Und warum jetzt nicht das Angenehme mit dem Nützlichen verbinden, dachten sich im Jahre 2013 das Magazin Imbibe und die Firma Campari und ersannen sodann die Negroni Week. Das Prinzip ist schnell erklärt: Auf der ganzen Welt nehmen Bars teil, mixen Negronis und Negroni-Varianten und spenden einen Teil der Erlöse für einen guten Zweck ihrer Wahl. Im vergangenen Jahr haben weltweit rd. 7.700 Bars und Restaurants mitgemacht und seit Beginn der Aktion mehr als 1,5 Millionen US-Dollar für wohltätige Zwecke gesammelt.

In Hamburg beteiligt sich unter anderem meine Lieblingsbar Le Lion, wo ich an diesem Freitag das Vergnügen und die Ehre habe, als Mit-Gastgeber eines halboffiziellen Einschwingens zu wirken. Es gibt die wohl besten Negronis der Stadt und ganz zauberhafte Varianten, die dann vom 4.-10. Juni 2018 auch ganz offizell auf der Karte stehen (wer nicht in Hamburg ist, findet hier ganz sicher auch eine teilnehmende Bar in seiner Nähe).

Welche Varianten mir am besten gefallen haben und warum ich empfehle, zur Kalibrierung mit einem klassischen Negroni aka
#kalibrierungsnegroni zu beginnen, erzähle ich in Jörg Meyers
Podcast Emfehlungen eines Trinkers in Folge 69.

Wer Lust hat, am Freitag, den 1. Juni 2018 um 17 Uhr im Le Lion beim Warm Up zu Negroni Week 2018 dem #daydrinking zu frönen, hat die Chance, unter dem folgenden Link eines der streng limitierten Tickets zu ergattern:

https://www.eventbrite.de/e/negroni-week-warm-up-kalibrierungsnegroni-tickets-46604222484

Das Le Lion lädt auf einen sommerlichen Sloegroni ein. Danach gibt es alle weitere großartige Variationen zu erschwinglichen Preisen. Alle Einnahmen dieses Abends gehen zu 100 % an das Hamburger Spendenparlament, das sich lokal, ehrenamtlich und sehr transparent für Menschen in Not einsetzt. Und weil das eine gute Sache ist, die auch ich gern unterstütze, spende ich ebenfalls mein gesamtes Honorar aus dieser Kooperation mit Campari.

Also, trinken Sie nicht nur gut – wie es im Podcast so schön
heißt –, sondern trinken Sie auch für einen guten Zweck. Cheers!


Dieser Beitrag entstand mit freundlicher Unterstützung von
Campari Deutschland.

#boschbooze: Buck and Breck

Buck and Breck

Keine Waffen, keine Mobiltelefone, keine Kartenzahlungen, kein Speiseeis und keine Fotos. Stattdessen die Türklingel mit der Aufschrift „Bar“ betätigen, darunter zur Bekräftigung ein Schild mit der Aufschrift „HIDE YOUR PHONE/please/ENJOY THE DRINK“. Berlin-Mitte, es ist 19.30 Uhr, draußen ist es noch hell, ich klingle und warte kurz, dann öffnet sich die Tür, „Eine Person?“, „Ja, eine Person“. Allein sind Bars am besten und ich mag es, wenn es draußen noch hell ist, und man in die Bar hineingeht, wie in eine andere Welt. Die Begrüßung ist professionell, freundlich, distanziert; ich werde hineingebeten, lege meine Jacke an der Garderobe ab und nehme den mir zugewiesenen Platz ein.

Die Inneneinrichtung ist dunkel, stilvoll, modern und minimalistisch. An der Wand wenige Bilder, alles geschmackvoll. Ich füge mich dem Smartphone- und Fotografierverbot in der Bar, weil der Gastgeber das so will, obschon ich es für antiquiert halte. Aber warum nicht einmal für zwei Stunden alle Verbindungen zur Außenwelt einfach kappen, wann macht man das schon mal, schließlich zahlen andere mittlerweile für einen Digitaldetoxurlaub horrende Summen? Mindestens genau so antiquiert ist das Konzept Speakeasy und dessen ganzes Insidergetue, das Geklingel und Gewarte vor der Tür und so weiter, schließlich sind die Zeiten der Prohibition längst vorbei. Andererseits hat es freilich seinen Charme, in eine sehr kleine Bar keine Horden pubcrawlender Touristen und Junggesellenabschiede hineinzubitten.

Um den Tresen verteilt befinden sich 14 Sitze. Meiner befindet sich auf der Seite des Bartenders, dessen Arbeitsbereich sich schräg-rechts vor mir befindet. Eine etwas ungewohnte Position, fast wie auf dem Beifahrersitz, dafür aber mit perfektem Überblick. Hinter mir an der Wand eine goldene Kettensäge, toll. Es stehen bereit: Ein Glas Wasser und das Menü. Im Menü eine Auswahl von ca. 30 Cocktails, zumeist Klassiker und sinnvolle Variationen, naturgemäß kein Quatsch, schließlich zählt man zu dem 50 besten Bars der Welt, so sagt es zumindest eine immer wieder gern zitierte Liste, deren Herausgeber meinen, dieses Urteil fällen zu können. Die Spirituosen befinden sich in neutralen Flaschen, man muss hier nicht zeigen, was man hat, und lässt sich nicht von der Industrie für das Ausschenken bestimmter Marken kaufen. Aus den Lautsprechern säuselt sanft Chet Baker. Perfekte Barmusik, ich frage mich, wie man in Bars überhaupt etwas anderes spielen kann als Chet Baker.

Früh da sein ist immer gut, den Platz besetzen, das Personal ist noch frisch und gutgelaunt oder sollte es zumindest sein. Außer mir sind lediglich fünf weitere Gäste anwesend und es soll noch eine Weile dauern, bis die nächsten vom blau blinkenden Lichtsignal angekündigt werden. Auf den Plätzen neben mir ein frisch zusammengetindertes Paar, im Umgang miteinander genau so verunsichert wie mit der Auswahl der Getränke. Sie hatte gerade Grippe, er reist beruflich viel, beide wohnen in WGs und so weiter. Er war beim letzten Besuch dieser Bar mit der Getränkeauswahl KOMPLETT überfordert und hat dann einfach irgendwas bestellt, in der Hoffnung, es wird schon gut sein, sie mag was mit Rosmarin, Rum mag sie nicht, dann schon lieber Gin, da schmecke man noch die anderen Zutaten, so sie.

Die Personal-Gast-Interaktion beschränkt sich auf das Reichen des Menüs und das gelegentliche Nachschenken des Wassers. Sonst nichts. Nicht dass ich mit mir persönlich unbekannten Bartendern gern über das Leben im Allgemeinen oder gar im Besonderen plaudern würde, aber der persönliche Umgang hier scheint mir doch arg reduziert: Das wortlose Herüberschieben der Karte bei der Bestellung, keine Frage nach geschmacklichen Vorlieben und eine darauf basierende Empfehlung, keine Frage ob alles okay ist oder man zufrieden war, nichts. Rein gar nichts. Lieber verbringen die drei diensthabenden Bartender ihre Zeit damit, im winzigen Hinterzimmer auf ihren Smartphones herumzutippen, hinter der Bar stehend einen Apfel zu essen und am Tresen sitzend eine Zigarette zu rauchen. Mittlerweile habe ich die eine oder andere erstklassige Bar besucht, hatte jedoch noch nie so sehr das Gefühl, als Gast so egal zu sein.

Die Drinks – ich hatte einen French 75 und einen Corpse Reviver No. 2 – sind über jeden Zweifel erhaben. Natürlich kann dies nur eine Stichtagsbetrachtung sein, sicher hat das Bucks and Brecks auch bessere Tage. Aber in einer Bar der Kategorie Drinkskostenhierfünfzehneuroundwirgehörenzudenbestenaufderwelt kauft man als Gast eben nicht nur einen Drink, den man sich mit etwas Mühewaltung auch in der Homebar mixen könnte, sondern ein Erlebnis.

Peter Handke: Antiquariat und Film

Peter Handke, Der Hausierer

Im Antiquariat brennt noch Licht, obwohl es bereits spät ist. Ein Touristenpaar verirrt sich hinein, ich folge ihnen, der kundige ältere Herr in dem Neuköllner Ladengeschäft empfiehlt ihnen dieses und jenes.

Kürzlich habe ich den Dokumentarfilm Bin im Wald. Kann sein, daß ich mich verspäte. gesehen. In den sehr langen Einstellungen passiert erfreulich wenig: Peter Handke putzt Pilze, fädelt Fäden ein (ungeschickt), sägt einen Ast, serviert Suppe, liest Zeitung, hämmert auf einer mechanischen Schreibmaschine, sitzt vor dem Haus (barfuß), spitzt einen Bleistift, geht spazieren (Paris). Dabei bekommt man einen Einblick in die Gedankenwelt des Schriftstellers („Wie das geht, mein lieber Herr. Was ist Prosa? Weiß man nicht, wie’s geht. Man hat irgendwas in sich.“) Das war schön. Jedenfalls so schön, dass ich wieder Handke lesen möchte.

Im Antiquariat ergreiffe ich einen dünnen Band – Der Hausierer. „Macht einen Euro“, sagt der Antiquar. Ich antwortete, dass das zu wenig sei und handle den Preis auf zwei Euro hoch. Zu Hause angekommen lege ich das Buch auf den Stapel der ungelesenen Bücher (hoch).