Tomaten

Jedes Jahr im August gibt es diesen einen Tag, an dem Tomaten außergewöhnlich gut schmecken. Tomaten haben an diesem Tag ein intensives Aroma, sie schmecken süß und gleichzeitig erfreut eine balancierte Säure, wenn man hineinbeißt. Man weiß nicht genau, wann dieser Tag kommt, aber man darf ihn keinesfalls verpassen. Man muss ein Brot mit Tomate essen. Das ist zwingend.

An allen anderen Tagen wiederum ist der Genuss von Tomaten gar kein Genuss: fade und wässrig schmeckt die Frucht. Eine Gemeinheit der Natur, das einst gemachte Versprechen komplett willkürlich und unzuverlässig einzulösen. Die gut schmeckende Tomate ist unwahrscheinlicher als ein Sechser im Lotto.

Spezialschiffdokus

Schwimmkran ‚Svanen‘; Prora, Januar 2026

Als ich noch lineares Fernsehen nutze, schaute ich, wenn ich nachts nicht schlafen konnte, gern Dokumentationen auf Phoenix oder n-tv: Schwerlasttransporte, Spezialschiffe, Tagebaubagger. Ingenieure, die die Welt im Griff hatten, wiegten mich sanft in den Schlaf.

Möchte ich indes heute schneller einschlafen, so hilft mir Netflix. Nicht durch das Anschauen der immer öder werdenden Filme oder Serien. Allein die Findung einer Entscheidung, was man denn schauen möchte, ermüdet ungemein effektiv.

Shakespeare

Shakespeare

Die Shakespeare-Büste in dem bescheidenen Park gegenüber  der Deutschen Oper versetzt mich bei jedem Anblick in leichte Verwunderung. Was soll die da?

Anfang der 90er Jahre habe ich einmal eine weitaus opulentere Statue des Dichters in Stratford-upon-Avon fotografiert. Was diese dort sollte, erschien mir einleuchtender. Damals hatte ich gerade eine neue Kamera. Und vor lauter Justierung von Blenden und Belichtungszeiten verlor ich den Anschluss an meine Reisegruppe.

Um Aufzuschließen überquerte ich sodann sehr eilig eine Straße, ganz ohne dabei auf den in England herrschenden Linksverkehr zu beachten. Das von rechts kommende Auto erfasste mich um Haaresbreite.

Weniger Fortune im englischen Straßenverkehr hatte heute auf den Tag genau vor 50 Jahren Rolf Dieter Brinkmann. Er wurde nur 35 Jahre alt. Dann machte der Dichter nicht mehr weiter.

Christian Kracht – Air

Ein schmales Buch, nur 200 Seiten. Und doch finden zwei Welten darin Platz. Auf der einen Seite: Manufaktum-Katalog und Kinfolk, spröde Landschaften, Sauerteigbrot, schwere Fahrräder, die richtigen Farben – Lifestyle. Auf der anderen: eine karge Fantasywelt, unwirtlich, zweidimensional, mit einem bedrohlich mächtigen Herrscher. Ein Ereignis katapultiert den Protagonisten von der einen in die andere.

Was soll das? Das Buch ist klüger als sein Autor, heißt es. Doch liest man die sich mit Deutungen überschlagenden Rezensionen (Kinderbuch, Hollywood, Science-Fiction, Modernekritik etc.), gewinnt man den Eindruck, als wollten die Rezensenten wiederum klüger sein als das Buch. Man wünscht sich sofort eine neue Poetikvorlesung von Christian Kracht – und freut sich zugleich, dass er zu all dem beharrlich schweigt. Keine Interviews, keine Podcasts, keine Talkshows.

Man will das Buch langsam lesen. Denn jede Seite ist ein Genuss. Dazu eine Scheibe frisches Sauerteigbrot, natürlich. Aschdanne – das Gemüse, das es nicht gibt – war leider nicht erhältlich.

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