Wahlgeheimnis

Es begab sich zu einer Zeit, als in der norddeutschen Kleinstadt im Operationssaal des D-Arztes H. noch Zigaretten geraucht wurden.

Sein Kollege Hausarzt Dr. B. indes nahm sich nicht nur der Rückenschmerzen an, sondern huldigte auch dem Genitiv. Ein Patient, der einst „wegen seinem Rücken“ kam, wurde beim ersten Schmerz so eindringlich korrigiert, dass er fortan nur noch „wegen seines Rückens“ vorstellig wurde.

Ganz nebenbei widmete sich Dr. B. seinem privaten Vergnügen, der Sonntagsfrage. Alle Patient:innen seiner Praxis wurden vor anstehenden Urnengängen nach ihrer jeweiligen Parteienpräferenz befragt. Radikale Ränder gab es damals noch genauso wenig wie ein viertes Fernsehprogramm.

Man war beruhigt, denn die alten Nazis versammelten sich damals alle noch in der CDU. Und auch das Wahlgeheimnis wurde durch die ärztliche Schweigepflicht gewahrt.

Ognik

„Wie heißen diese Beeren auf Deutsch?“ fragt die ältere Frau mit dem Fahrrad. Die orangenen Früchte sehen aus wie kleine Äpfel und hängen an stark bedornten Zweigen. Stadtmenschen wissen so etwas naturgemäß nicht, aber haben zur Bestimmung von Pflanzen eine App. „Man kann sie essen“, sagt die Frau, während ich mein Smartphone zücke. „Feuerdorn, sie heißt Feuerdorn.“ „Feuerdorn?“, die Frau schaut mich enttäuscht an.

„Was heißt Feuerdorn auf Polnisch?“ Da ich noch weniger polnische Wörter als Pflanzen kenne, bemühe ich erneut mein kluges Telefon. „Ognik“, antworte ich. „Kann man die essen?“, fragt sie, während sie einen kleinen Strauch Ognik pflückt. „Sie sind ungenießbar. Die Kerne enthalten Blausäure“, antworte ich fachkundig tuend. „Dann lieber nicht“, flötet sie und fährt auf ihrem klapprigen Drahtesel davon. 

Die Beeren sind eher unbekömmlich als gefährlich. Das wird die Frau nun nie erfahren, aber das ist nicht so schlimm. Sie hat sich nicht vergiftet und ihr ist keine Köstlichkeit entgangen.

Tomaten

Jedes Jahr im August gibt es diesen einen Tag, an dem Tomaten außergewöhnlich gut schmecken. Tomaten haben an diesem Tag ein intensives Aroma, sie schmecken süß und gleichzeitig erfreut eine balancierte Säure, wenn man hineinbeißt. Man weiß nicht genau, wann dieser Tag kommt, aber man darf ihn keinesfalls verpassen. Man muss ein Brot mit Tomate essen. Das ist zwingend.

An allen anderen Tagen wiederum ist der Genuss von Tomaten gar kein Genuss: fade und wässrig schmeckt die Frucht. Eine Gemeinheit der Natur, das einst gemachte Versprechen komplett willkürlich und unzuverlässig einzulösen. Die gut schmeckende Tomate ist unwahrscheinlicher als ein Sechser im Lotto.

Spezialschiffdokus

Schwimmkran ‚Svanen‘; Prora, Januar 2026

Als ich noch lineares Fernsehen nutze, schaute ich, wenn ich nachts nicht schlafen konnte, gern Dokumentationen auf Phoenix oder n-tv: Schwerlasttransporte, Spezialschiffe, Tagebaubagger. Ingenieure, die die Welt im Griff hatten, wiegten mich sanft in den Schlaf.

Möchte ich indes heute schneller einschlafen, so hilft mir Netflix. Nicht durch das Anschauen der immer öder werdenden Filme oder Serien. Allein die Findung einer Entscheidung, was man denn schauen möchte, ermüdet ungemein effektiv.

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