SPD-Bundesparteitag 2011: Tag 1

Helmut Schmidt: Erst spricht er, dann raucht er.

# 10 Uhr,  großes Gewusel, Delegierte, Gäste und Journalisten drängen in den Saal. Ich treffe den Erfinder des Purpur. Er versucht, mich für die „frische, starke Zusatzfarbe“ der Partei zu begeistern; ich bin skeptisch.

# Parteichef Sigmar Gabriel richtet ein Grußwort an die Anwesenden. Das WLAN funktioniert nicht und Netzwerkkabel gibt es nur an jedem zweiten Arbeitsplatz. Ich bin offline. Gabriel setzt zur großen Lobhudelei auf Helmut Schmidt an. Der Blogger neben mir klatscht ein bißchen zu begeistert, hat aber auch Internet.

# Helmut Schmidt hat mit seiner Loki kurz nach dem Krieg nicht nur auf dem Boden kniend Wahlplakate für die Sozialdemokratische Partei Deutschlands gemalt, sondern kann auch im hohen Alter, vermutlich aus dem Stegreif, eine Vorlesung in Europäischer Geschichte und Volkswirtschaftslehre halten. Man könnte eine Stecknadel fallen hören, hört aber lediglich vereinzeltes Handy-Geklingel mit anschließendem Gezische. Es geht um Europa, Freiheit, Gerechtigkeit, Solidarität etc. Eine große Grundsatzrede. Anschließend zehn Minuten stehende Ovationen und eine Zigarette für den Altkanzler. Als Schmidt noch Kanzler war, hat die Partei ihn nicht geliebt, heute ist er ihr Orakel. Was sagt das über die SPD aus?

# Wie sie alle dastehen, die Delegierten, mit ihren schlecht sitzenden Anzügen. Sie erinnern mehr an die Vertriebstagung eines Strukturvertriebs.

# NRW-Ministerpräsidentin Hannelore Kraft sagt: „Lieber Helmut Schmidt, Du hast uns wieder Richtung gegeben.“ Helmut Schmidt ist kein Orakel, in diesem Moment ist er Gott. Ich schäme mich ein bißchen fremd für die Partei. Anschließend ausufernde Grüße an diese und jene mit anschließender Verlesung der Namen von verstorbenen Parteimitgliedern. Dann die kürzeste Schweigeminute aller Zeiten und die Forderung nach Regulierung von diesem und jenem. Jedoch nicht nach der Regulierung der Länge von Schweigeminuten.

# Norwegens Ministerpräsident Jens Stoltenberg spricht über Demokratie etc. Das macht er gut.

# In der Mittagspause gibt es Hot Dogs für drei Euro und Mineralwasser für 3,50 Euro. Ist das sozialdemokratisch? Dafür verteilt ein gutgelaunter promovierter Mitarbeiter eines Atomkonzerns gratis Speiseeis. Überhaupt finden sich im Vorraum unzählige Messestände von Lobbyisten: Auto, Versicherung, Pharma, Tabak, Telekommunikation und Energie. Kaum eine Branche fehlt.

# Hamburgs Erster Bürgermeister Olaf Scholz spricht über Gerechtigkeit. Niemanden scheint das zu interessieren. Die Unruhe im Saal ist die größte.

# Fraktionschef Frank-Walter Steinmeier ist heiser. Er freut sich, dass die Teilnehmer des Bundesparteitages am 2. Advent auch nichts besseres vorhatten. Auch er spricht über Europa und macht das viel besser als noch vor wenigen Jahren. Seine Lieblingswendung: „Ich will gar nicht darüber reden, dass …“ Und redet dann doch immerzu davon. Seine Heiserkeit nimmt weiter zu. Nach fast einer Stunde kommt er endlich zum Schluss. Es gibt ordentlichen Applaus.

# „Helmut Schmidt“ ist mittlerweile Trendic Topic auf Twitter. Aber auch „Thomas Gottschalk“. Über Personalfragen entscheidet der Parteitag jedoch erst am Montag.

# Ein Vertreter der SPD-Senioren spricht über die Regulierung der Finanzmärkte. Eine Frau aus dem Zuschauerbereich springt währenddessen als einzige mehrfach von ihrem Platz auf, nickt heftig und klatscht euphorisch – die Hände über ihrem Kopf. Ansonsten herrscht routiniertes Desinteresse.

# Hans Eichel lobt schweizer Zentralbank. Euphorische Klatscherin klatscht noch immer. Sie verdreht ihre Augen extatisch. Es ist sehr heiß im Saal. Erwarte jeden Moment einen Regentanz von ihr.

# Vorbereitung auf Rot-Grün: In der „Halle für alle“ sitzen zwei Sozialdemokratinnen und stricken eifrig.

# 400 Änderungsanträge zum Organisationspolitischen Grundsatzprogramm. Man möchte kein Delegierter sein. Jetzt ganz besonders nicht. Am Stand der Erneuerbare-Energie-Lobby wird Wein ausgeschenkt. Ein paar abgehalfterte Parteigranden erfreuen sich an ihm.

# Dieses und jenes.

# Was man auch nicht mehr hören kann: „Genossinnen und Genossen“. Was man nicht mehr sehen mag: Purpur. Vor dem Hintergrund der Nuancen zwischen Rot und Violett wirken die Redner wie vor einem Bluescreen. Irgendwie hilflos, unvollständig, hineinmontiert.

# Auf dem Podium beglückt uns ein Sprecher mit der Wendung „politische Masturbation“. Die Gebärdenspracheübersetzung ist eindeutig.

# Der rheinland-pfälzische Ministerpräsident Kurt Beck spricht sich für die Erhaltung der Schöpfung aus. Der Saal leert sich derweil. Das Personal am Erneurbare-Energie-Stand gibt bekannt, dass die Genossen den für drei Tage eingeplanten Weinvorrat bereits am ersten Abend vollständig geleert haben.

# 22.30 Uhr: Abstimmung über Lärmschutz. Der Redner beklagt die Aufhebung des Nachtflugverbots über Frankfurt. Während die Delegierten dazu verdammt sind, tapfer auszuharren, ist ein Großteil der Besucher bereits auf dem Heimflug.

# 23 Uhr. Ende. Uff.

6 Antworten

  • Großartig geschrieben, ich habe wirklich laut gelacht!

    Das mit dem Purpur meinen die jetzt aber nicht ernst, oder? Das ist die Gesichtsfarbe von Leuten, denen die Luft nicht dünn geworden ist sondern gerade komplett wegbleibt. Okay, passt, aber schön ist das nicht.

  • Ich schließe mich: Großartigst. Endlich mal ein Bericht mit Abstand, mit Distanz zu den Inhalten, schön, dass auch einmal euphorische Klatscherinnen im Mittelpunkt der Berichterstattung stehen…
    Zwei kurze Gedanken noch: Ist purpur nicht die Farbe der katholischen Kirche? Und sehr beruhigend finde ich, dass Herr Beck die Schöpfung bewahren will. Die Schöpfung. Jawohl.

    Grüße aus HH,
    Kay

  • Danke für den Bericht.

    Ich frage mich, ob bei dem „Drain“ aus so einer Partei nicht nur noch ein Stützgewebe übrig bleibt, das dann genau zu dem führt, was du beschreibst. Die SPD müsste sich erneuern, aber der Apparat agiert autonom, wie ein Automat. Ein Resonanzraum. Befeuert aus den guten alten Zeiten. Jegliche Versuche, den Roboter grün, rot oder rosa (war das nicht die Linke?) anzustreichen, haben keinerlei Wirkung nach innen und nach aussen.

  • Sehr schön. Kann mir mal jemand die SPD-Festspiele in den deutschen Qualitätsmedien erklären? Warum tun die alle so besoffen? Angesichts dieser mickrigen Inszenierung?

    Die „S“PD hat nix zu bieten. Weder personell noch inhaltlich. Nada, niente, null, nitschewo.

    Die letzte und einzige „Vision“ dieser abgewrackten Truppe ist der 100. Geburtstag von Helmut Schmidt.

    Die sind mausetot. Wenn sich doch noch was rührt, ist das Leichengas.

    PS.: Was wird eigentlich, wenn die 2013 auf 22,5 Prozent kommen? Machen die dann auch wieder einfach soi weiter? Steinmeierbrücknahlesgabrielheil forever?

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